Es geht nicht um den Hamburger

Nach unserer kleinen Kneipentour – es war kurz nach Mitternacht – spürte ich das dringende Bedürfnis nach einem Hamburger und bestand darauf, bei McDonalds vorbeizuschauen, und das obwohl ich mich in Begleitung zweier ausgewiesenen Feinschmecker befand. Mein französischer Kumpel Jean-Paul dachte, ich scherze. Mein albanischer Freund Schorsch dagegen steuerte meine wankende Gestalt zielsicher zum Schnellimbiss.

„Da wollen wir nicht wirklich hin“, ereiferte sich Jean-Paul. „Die Hamburger sind ekelhaft!“

„Es geht nicht um den Hamburger“, antwortete ich.

Es ging darum, in der hellen industriehallenartigen Leere des Vorraums von McDo einen Gegenentwurf zu den dunklen, lauten und überbevölkerten Kneipenräumlichkeiten der vergangenen Stunden zu finden. Und wohl auch darum, den angenehmen Abend zu verlängern.

Die Kasse war unbesetzt, denn die aus zwei Arabern bestehende Mannschaft war vollauf mit der Zubereitung und Ausgabe der Speisen beschäftigt. Ein kleines Volk an Leuten wartete entspannt auf sein Essen. Ein grauhaariger, etwas clochardhaft aussehender Mann spazierte im Vorraum hin und her. Eine in die Jahre gekommene Hippiebraut fragte mehrmals in die Küche hinein, ob nicht einer zur Kassen kommen möchte. Ich ging zum Touch-Bestell-Automaten-Dings.

„Das ist nicht dein ernst“, sagte Jean-Paul. „Es geht nicht um den Hamburger“, antwortete ich. „Ich nehme auch einen“, sagte Schorsch. Ich bestellte zwei Hamburger.

Es ging um Frau Hippie, die endlich einen der Mitarbeiter zur Kasse gelotst hatte und dann nach einem Tee fragte. „Was hatte ich letztes Mal für einen Tee?“ fragte sie. „Was weiß ich?“, sagte der Kassierer, aber freundlich. „Was hast du denn für Tee?“ fragte sie. Er schaute nach und nannte irgendwelche neudeutsche Begriffe. „Ja, Fresh Mint, das war’s“, sagte sie. Vor mir bezahlte noch ein Kerl mit der Nummer 119, obwohl ich die 118 hatte. Dann fragte ich den herumstehenden grauhaargien Mann, ob er vor wollte. Nee, wollte er nicht. Ich ging zur Abholungstheke.

„McDonalds ist kein Restaurant. Das ist kein Essen. Es ist kein Hamburger. Das ist soooo klein“, schimpfte Jean-Paul und machte kleine Zeichen mit seinen großen Fingern. „Es geht nicht um den Hamburger“, sagte ich.

Es ging um die junge Araberin mit der wilden Frisur und dem Big Mac, die zur Theke rief: „Wer hat diesen Hamburger gebaut?! Der ist total schief!“ Sie hatte recht, die Käsescheiben guckten halb raus und wäre es ein Jenga-Turm,  wäre ich ungern als nächster dran gewesen. „War das der Hamed? Ich will einen neuen! Und den soll der Achmed machen!“

„Das wird euch furchtbar schmecken“, sagte Jean-Paul. „Es geht nicht um den Hamburger“, sagte ich.

Es ging um die neumodischen Trennung bei McDonalds zwischen Bestellung, Bezahlung, Zubereitung und Ausgabe, was bei ausreichender Mitarbeiteranzahl vielleicht alles schön und gut ist, aber bei einer Soll-Belegschaft von zwei Mitarbeitern in den Nachtstunden einfach nicht funktionieren kann. Wie diese automatisierte Call-Center-Computer-Schleifen-Dinger, die sicherlich ganz toll sind, wenn man ein Anliegen hat, welches mit der Tastenkombination 1-4-2 erreicht werden kann, aber völlig nutzlos, irrsinnig und gar aggressionserzeugend, wenn das Anliegen außerhalb der im Menü vorgesehen Punkte liegt. So verlief auch die Diskussion mit dem Kunden mit der Nummer 116, der geduldig wartend aber verzweifelt philosophierend mit der Situation umzugehen versuchte, dass seine Bestellung nicht ausgeführt wurde. 119 kam und ging, und ich mit meiner Papiertüte irgendwann auch.

„Da werden zwei winzige Hamburger drin sein“, meckerte Jean-Paul. „Und die schmecken wie Pappe. Und überhaupt nicht unweltfreundlich, in so einer großen Papiertüte“. „Es geht nicht um den Hamburger“, sagten Schorsch und ich.

Es ging um den grauhaarigen Kerl, der nun vor dem McDonalds herumlief und mich freundlich grüßte, und um all die Leute, mit denen ich mich in der letzten Viertelstunde irgendwie ausgetauscht hatte, vor und hinter der Theke.

Es ging um die erstaunlich entpannte und wohltuend friedliche Atmosphäre im multikulturellen Raum eines unterbesetzten Schnellimbisses zu nachtschlafender Uhrzeit.

Wir spazierten zurück zum Auto; trotz der Uhr- und Jahreszeit war uns allen dreien warm. Schorsch und ich bissen in unsere Hamburger. Mich durchflutete die wohlbekannte Mischung aus Fett, Zucker, Protein, Geschmacksverstärker – und ja, vielleicht auch Pappe. Beide stießen wir ein wohliges Seufzen in die Winternacht hinaus.

Denn vielleicht ging es doch auch um den Hamburger.

 

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Wo ist es, das neue Jahr?

Irgendwo im Nebel muss es sein, das neue Jahr 2020. Gestern, nein heute, sind wir gegen 2 Uhr morgens nach Hause gefahren (eine Strecke von wenigen hundert Metern, die wir aber mit Mitbringseln vollgepackt und mit der Aussicht auf einen schlafenden Fünfjährigen lieber mit dem Auto zurückgelegt haben).

Die Rückfahrt hatte es jedenfalls in sich. Aufgrund von unsinnigen physikalischen Gesetzmäßigkeiten hatte das plötzliche Abkühlen der Luft gegen 2 Uhr morgens eine dichten Nebel verursacht, der es in sich hatte. Die Sichtweite betrug gefühlte 15 Zentimeter und wir krochen über die gottseidank leeren Dorfstraßen heim.

Zuhause angekommen fürchtete ich, von bösartigen Geistern aus dem Nebel des Grauens heraus attackiert zu werden, aber auch hier hatte ich Glück (und vermutlich zuviel Gruselfilme geschaut) und erreichte unbeschadet meine Bettstatt.

Tatsächlich hat ein solcher Nebel etwas sehr beängstigendes, wenn nicht gar gefährliches an sich. Vor vielen Jahren, fünfzehn mögen es sein, fuhren wir von eben einer solchen Neujahrsfeier nach Hause, mussten dort aber tatsächlich Autobahn fahren. Von Nebel war erstmal nichts zu sehen, aber ab einer (tieferen und deswegen kühleren?) Stelle war urplötzlich vor lauter Nebel… gar nichts mehr zu sehen. Wir konnten gerade die Rücklichter das vorausfahrenden Autos erkennen, und das auch nur, wenn man gefährlich dicht auffuhr.

Das war wirklich beängstigend, unheimlich und bedrohend, denn es gibt auch keine Alternative zum langsamen Weiterfahren und hoffen, dass die Nebelbank irgendwann ein Ende haben würde. Anhalten ging ja nicht, dann wäre mit Sicherheit der Hintermann reingefahren, und die Seitenstreifen waren im Nebel nicht zu erkennen. Eine solche unheimliche Situation möchte ich wirklich nie wieder erleben… Irgendwann waren wir aber tatsächlich aus dem Nebel raus; die Erleichterung kann man sich gut vorstellen!

Frohes 2020 und allzeit gute Weitsicht wünsche ich allen Lesern!

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Ich habe letzte Woche nicht geheiratet!

Ich dachte, Facebook sei ausgestorben, dahingewelkt wie Tulpen im Sommer, wie SPD-Parteivorsitzende nach der Wahl, wie das Plagiat StudiVZ nach Erfindung des Schlaufons. Offenbar habe ich mich geirrt.

Ich hatte mich vor Jahren bei Facebook angemeldet, dort aber wenig getan außer diese meine WordPress-Blog-Beiträge dort automatisch hochladen zu lassen. Das (automatische Hochladen) unterbindet Facebook allerdings seit ein paar Jahren, und somit wurde ich zum inaktiven Mitglied.

Inzwischen aber hat Facebook quasi unbemerkt ein Großteil der von mir verwendeten Social-Media-Apps aufgekauft, und so wurde ich von Zuckerberg wie ein scheues aber hungriges Tier allmählich wieder in die Facebook-Familie hineingelockt. Letztes Wochenende habe ich dann auch mein Profil angepasst.

Dabei trug ich auch in mein Status ein, dass ich verheiratet bin, was ich auch schon früher war und überhaupt schon seit 17 Jahren bin, und…. dann klingelte das Telefon. Eine Bekannte gratulierte mir zur Hochzeit.

Am nächsten Tag wurde ich von einem Vereinsmitglied beglückwünscht. Am Tag darauf von einem Arbeitskollegen. Jetzt immer wenn einer mit „Was habe ich da auf Facebook gelesen?“ kommt, weiß ich, worauf es hinausläuft. Schon bald wird unser eigentlicher Hochzeitstag vernachlässigbar gegenüber unserem Auf-Facebook-Verheiratet-Tag sein.

Im übrigen sind sowohl mein „Heimatort“ wie mein „Arbeitgeber“ auf Facebook falsch, sogar gänzlich unsinnig. Dort habe ich mich ganz auf lustige Wortspiele verlassen. Nun traue ich mich nicht, diese zu korrigieren, aus Angst vor unerwarteter Anrufe:

„Du bist umgezogen? Du hast den Job gewechselt? Was ist da los? Habt ihr euch getrennt? Warum hast du dann deinen Status bei Facebook nicht geändert?“

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Das hohe und das tiefe Meer

Naheliegender Weise sollten die Hochsee und die Tiefsee ein Gegensatzpaar bilden. Tun sie aber nicht, sondern ganz im Gegenteil überschneiden sie sich sogar größenteils.

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Von historicair 16:23, 22 April 2006 (UTC) , CC BY-SA 3.0, Link

Die Hochsee, auch Hohe See genannt, ist grob gesagt der Teil der Meere, der zu keinem Staat gehört und auch von keinem Staat ausschließlich bewirtschaftet werden darf. Die Hochsee steht allen Staaten offen und liegt – bis auf allerhand Spezifierungen und Ausnahmen – mindestens 200 Seemeilen (370 Kilometer) von der nächsten Küste. Also landauswärts gemessen, natürlich, sonst würde die Hochsee, von Holland aus gesehen, in Frankfurt am Main beginnen und irgendwo in Österreich rechtzeitig vor dem Mittelmeer enden.

Die Tiefsee dagegen ist da, wo es kalt und dunkel ist, also ab ca. 200 Meter Wassertiefe, oder in Finnland im Winter.

Damit folgt, dass die Hochsee, die ja viele Kilometer tief sein kann, fast ausschließlich aus Tiefsee besteht. Das finde ich sehr verwirrend! Andererseits halte ich es für bedeutsam, dass sowohl in der Definition der Hochsee wie die der Tiefsee die Zahl 200 vorkommt. Was will uns das sagen?

Im Römischen schreibt man CC für 200, was wiederum für Creative Commons steht. Wollte der Schöpfer uns allen gemeinsam die Nutzungsrechte an seinem hohen und tiefen Werk einräumen?

Da wird mir glatt ganz weihnachtlich zumute.

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Reisebericht England

Hier meine wichtigsten Erkenntnisse:

  • Die Engländer, bzw. die dort wohnenden Menschen (siehe nächsten Punkt) sind unglaublich freundlich und hilfsbereit. Fast ausnahmslos alle.
  • Ich habe innerhalb Londons keinen einzigen Angestellten in der Gastronomie oder im Hotelgewerbe angetroffen, dessen Muttersprache Englisch gewesen wäre. Das hatte ich nicht ganz so erwartet, dass ich mit meinem kaum noch aktivem Kinder-Amerikanisch in London mehr Muttersprachler war als die meisten meiner Gesprächspartner!
  • Die Engländer sind sehr diszipliniert und konsequent. Wenn sie schon auf der falschen Straßenseite fahren, dann alle und permanent. Das finde ich gut so, alles andere wäre auch gefährlich.
  • Um den Brexit zu finanzieren, wird der Big Ben abgebaut und verkauft.
  • Diese Wache hat sich zwei Stunden lang nicht bewegt. Danach hatte ich keine Lust mehr.
  • Es gibt eine U-Bahn, die überhalb der Themse im Kreis fährt. Wozu?
  • Downing Street 10 sieht ganz schön heruntergewirtschaftet aus.
  • Wenn ein Spatz (auf dem Foto leider kaum zu erkennen) verbotenerweise vom Kopf eines Löwen zu fallen droht, kommt gleich die Polizei.
  • Die Tower Bridge ist nicht aus Lego!
  • Der Tower of London ist inzwischen der niedrigste Turm Londons und soll deswegen laut EU-Richtlinie seinen Namen aberkannt kriegen. Ein weiterer Grund für den Brexit.
  • Die Telefonzellen waren mal schöner. Dafür haben sie oben einen Getränkehalter.
  • Das Essen geht so. An die Baked Beans zum Frühstück könnte ich mich aber gewöhnen.
  • Die Barkeeperin empfiehlt das britische Lager weil warm und flach. Da ziehen meine Kinder ein Guinness vor.
  • London sieht von oben wie Aachen aus. Nur größer und mit Fluss. Also wie Köln. Aber von dieser Höhe aus sind weder baked beans noch Linksverkehr zu erkennen. We are 1 world.
  • Unsere Fähre ist abfahrbereit. Cheerio!
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Letzte Chance Before Brextinction

Im Jahre 1990 kam das Buch Last Chance To See (dt. Die Letzten Ihrer Art) von Douglas Adams und Mark Carwardine heraus, basierend auf eine gleichnamige BBC-Serie. Die Serie und damit das Buch folgte dem Zoologen Carwardine und dem Hitchhiker-Autor Adams auf ihrem Reisen zu diversen von Aussterben bedrohten und meist sehr abgelegen wohnenden Spezien.

Ich habe das Buch damals mit großer Freude gelesen und wieder gelesen, und vermutlich ist es heute noch ein great read. Das Buch hat mich sogar derart inspiriert, dass ich heute nun selber eine ähnliche Forschungsreise, nur unter umgekehrten Vorzeichen, antreten werde.

Damals waren es Menschen der Spezies Brittanicus europaia, welche die Welt nach den Letzten irgendwelcher Arten absuchten. Dass sie selber mal auf der Roten Liste stehen könnten, wäre ihnen wohl kaum in den Sinn gekommen.Welch tragische Ironie, dass sie kaum dreißig Jahre später fast vollständig vom konkurrierenden neo-endemischem Brittanicus brexita verdrängt worden sind. Laut pessimistischster Prognosen bleiben dem Europäischen Engländer nur noch wenige Monate oder gar nur Wochen bis zur endgültigen Ausrottung!

Höchste Zeit für mich also, dieser freundlichen aber etwas seltsamen Spezies noch mal aus der Nähe anzuschauen.

Irgendwo dort drüben sollten sie zu finden sein:

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Er ist wieder da.

Nein, nicht er. Sondern der geflüchtete nigerianische Prinz, der mein Konto als Durchgangskonto verwenden und mich freundlicherweise mit ein paar Prozenten der unfassbar hohen Summe entlohnen möchte. Dazu ein treudoofer todkranker Priester mit einer dicken Erbschaft, die er nicht mehr selber verwalten kann und in meinen verlässlichen Händen legen mag, und ein erfreulich direkter Anwalt, dem mein zukünftiges Reichtum sehr am Herzen liegt.

Ich dachte, der sogenannte Vorschussbetrug per Email wäre ausgestorben, so wie ich überhaupt selten noch Spam erhalte. Es scheint mir aber, dass bei Freenet eine Firewall zwischenzeitlich nachgegeben hat, den ein paar Wochen lang erhielt ich über meine Freenet-Adresse mehr Spam als in all den Jahren zuvor zusammen.

Ist aber inzwischen wieder vorüber…

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