Der Wahlzirkus war da!

Wir in NRW hatten die Wahl, und es war weiß Gott keine einfache.

Die Wahlliste wurde von der jetzigen Regierungspartei SPD und dem klassischen Slogan Alles Toll – Weiter So angeführt. Schuld an einer eventuellen Misere im diesem schönen Land wären demnach diejenigen, die behaupten, es gäbe eine Misere, denn es gibt keine. Alles toll, eben, vor allem MPin Kraft. Die Bürger NRWs fanden Frau Kraft tatsächlich nicht so schlecht, konnten aber ihre Sicht auf die Wirklichkeit scheinbar nur bedingt teilen, so dass Frau Kraft nun außerhalb der Politik toll sein darf.

Die größte Oppositionspartei CDU stellte sich dagegen mit dem interessanten Wahlspruch Alles Schlecht – Weiter So, Aber Mit Uns auf, d.h. sie wollten gerne den neuen MP in Form eines knuffigen Teddybärs stellen, ohne dass dieser irgendwas groß anders machen würde als die bisherige MPin. Das hat für einen knappen Wahlsieg gereicht, wohl wegen neue Besen und so.

Der mitregierende Juniorpartner B90 / Die Grünen traten mit ihrem bundeseinheitlichen Slogan Der Bürger Ist Schuld Weil Doof auf. Dementsprechend und nicht überraschend hat der doofe Bürger ihnen die Hälfte ihrer Sitze im Landtag entzogen.

Aah, die FPD. Nach jahrelanger selbstverschuldeter Bedeutungslosigkeit wollen sie mit aller Macht zurück in die Bundespolitik, und hierfür sollte die NRW-Wahl der Ausgangspunkt sein. Dafür orientierten sie sich an den trumpschen Erfolgsslogan Lock Her Up und stellten die bisherige Landesregierung als verantwortungslose Verbrecher da. Offenbar funktioniert dies auch in Deutschland. Willkommen zurück.

Die Arschloch Protestbewegung AfD blieb auch hier ihrem Wahlspruch Schuld Sind Die Anderen treu und fuhren damit ein erwartungsgemäß hohes Ergebnis ein.

Die Linken versprachen Mehr Alles Für Alle, verdoppelte ihre Stimmzahl – und trotzdem reichte es nicht für den Einzug.

Zum Schluss verabschiedeten sich noch die Piraten mit ihrem Slogan Wir Interessieren Uns Schon Lange Nicht Mehr Für Politik aus dem Landtag. Wir hatten ganz vergessen, dass sie überhaupt da waren.

Nun muss eine regierungsfähige Mehrheit her (rechnerisch gemeint, nicht qualitativ), doch leider haben sowohl SPD wie FPD aus bundespolitischen Erwägungen keine rechte Lust auf eine Koalition mit der CDU: bald ist Bundestagswahl, und in der Opposition lässt es sich besser profilieren.

Wir in NRW bleiben gespannt… schade, dass nur alle fünf Jahre so’n Zirkus vorbeikommt.

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Ein kleines Geschichte fürs Herz

Ich denke gerne an unsere Urlaube an diesem bemerkenswerten See inmitten der schweizer Alpen zurück. Der See war vielleicht zwanzig Kilometer lang, aber nur einen knappen Kilometer breit. Wie quartierten uns stets in der gleichen Pension am östlichen Ufer ein, und abends auf der Terrasse sah man die Lichter des gegenüberliegenden Dorfes am Westufer. Eines abends während unseres dritten Aufenthalts setzte sich der Gastwirt zu uns und erzählte uns die Geschichte der zwei Dörfer und wie der See zu seinem Namen kam.

Schon seit langer Zeit gab es diese Dörfer, und wie so häufig unter Nachbarn, waren diese zwei durch den See getrennte Ansiedlungen stets arg verfeindet gewesen. Trotz dieser Feindschaft geschah es eines Sommers vor vielen Jahrhunderten, dass sich ein junger Mann aus dem östlichen Dorf in eine hübsche Maid aus dem westlichen verliebte. Und obwohl die Stammesältesten dringend von dieser Beziehung abrieten, ging der junge Mann jeden Abend bei Anbruch der Dunkelheit zum Ufer des Sees, holte sein kleines Kanu aus dem Gebüsch, und paddelte über den See zu seiner Angebeteten, die ihn sehnsüchtig erwarte. Vor dem Sonnenaufgang war der junge Mann wieder zuhause.

Der Sommer verging und die Tage wurden kälter, doch das Feuer brannte weiter in den Herzen der zwei Verliebten . Eines Herbstabends jedoch ging der junge Mann zum Ufer des Sees und musste feststellen, dass sein Boot geklaut worden war. Schnell fasste er einen kühnen Entschluss: obwohl der Weg weit und das Wasser kalt war, würde er herüber schwimmen.

Er sprang in den See und schwamm los. Die Kälte traf ihn bis in die Knochen. Schon auf den ersten hundert Metern wurde im klar, dass die vielen Nächte ohne Schlaf nun ihren Tribut forderten, und er es kaum schaffen würde. Doch anstatt umzudrehen, kraulte er weiter seiner Angebeteten entgegen. Auf halber Strecke konnte er sie schon erahnen, dann tatsächlich sehen, wie sie ihm, ihren Liebsten, die Arme entgegen streckte. Mit letzter, kaum vorstellbarer Kraft schaffte er es bis an hundert Meter vor dem Ufer ran, streckte auch ihr seine Arme entgegen und versicherte ihr ein letztes Mal seine Liebe, bevor er vor ihren Augen ertrank.

Am nächsten Morgen wusste jeder im Dorf, was geschehen war. Die Bewohner zeigten sich derart tief von den Ereignissen beeindruckt, dass sie sogar den See nach diesem jungen Mann benannten, der an jenem Herbstabend in das kalte Wasser und den sicheren Tod sprang, damit seine Liebste nicht umsonst auf ihn warten müsste.

Ich denke gerne an unsere Urlaube zurück, damals, am Idiotensee.

 


Okay, fürs böse Herz war diese Geschichte. Als Kind hatte ich ein Witzebuch, da war diese Story drin (oder so ähnlich, ist ja schon ein paar Jahrzehnte her), allerdings mit Indianern (war in den USA, und „Lake Stupid“ hieß da der See). Zu meiner Studentenzeit habe ich mal an einem entsprechend romantisch gestimmten Abend unter Freunden diese „Story“ präsentiert, und meinen besten Freund hatte ich damals derart eingelullt, dass er bei der Pointe erschrocken hochzuckte. Tat mir ein bisschen leid…

Ansonsten war das Witzebuch voller Flachwitze, an die ich mich immer noch erinnere, z.B.: „R2-D2 kommt zur Erde, sieht eine Parkuhr, sagt: Hör auf zu betteln; sieht eine Zapfsäule, sagt: Nimm den Finger aus dem Ohr; sieht ein Müllauto, dem eine Mülltonne herunterfällt, und sagt: Frau, Sie haben ihr Baby verloren!“ Warum weiß ich so was noch? Offenbar ist in den letzen 35 Jahren nicht ausreichend Interessantes in meinem Leben passiert, um R2-D2 und die Müllabfuhr zu verdrängen…

 

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Höhenunterschiede

Gestern ging ich in Begleitung eines Freundes zu einer Veranstaltung – eine Podiumsdiskussion. Die Räumlichkeiten waren nicht als Zuschauerraum konzipiert, es gab keine aufsteigende Ränge oder dergleichen – will sagen, die Sicht auf die Redner hing sehr stark von der Größe des vor einem Sitzenden ab.

Wir setzten uns hin; der Platz vor mir war besetzt, der vor meinem Begleiter noch frei. Nun ist dieser Freund sowohl überdurchschnittlich groß, so ca. 1,95, wie auch sehr rücksichtsvoll, so dass er mich fragte, ob wir Plätze tauschen mögen. Ich lehnte ab, da ich mit meiner 1,75er-Durchschnittsgröße ausreichend gute Sicht hatte.

Der Saal füllte sich. Alsbald bewegte sich ein neuer Zuschauer durch die Reihe vor uns und steuerte auf den leeren Platz vor meinem Begleiter zu. Er schien groß zu sein. Sehr groß. Erst als er sich hinsetzte, wurde mir klar, wie groß er war. Es gibt Menschen, die sind im Sitzen größer als im Stehen, und hier war so einer. Mein Freund blickte nicht länger auf ein Podium, sondern auf die massive Rückseite eines unbezwingbaren Bergs.

Er harrte völlig verdattert im tiefen Schatten seines Vordermanns. Für meinen knapp zwei Meter großen Begleiter war diese Situation sicherlich absolut ungewohnt, für mich immerhin bizarr und auch ein bisschen lustig, doch ich verkniff mir das Lachen. Glücklicherweise war der Platz rechts von mir noch frei, und nach einer kurzen Weile setzte sich mein Freund um, immer noch sichtbar um Fassung ringend.

Was dann geschah, habe ich mir wirklich nicht ausgedacht, das Leben ist halt manchmal abstrus. Denn: kurze Zeit später bahnte sich der nächste Zuschauer durch die Reihen, und zwar durch unsere. Sein Ziel konnte nur der Sitzplatz neben mir sein, im Windschatten des Kleiderschranks, ein anderer war nicht frei.

Der Mann schien klein zu sein. Erst als er meinen Platz passierte, wurde mir klar, wie klein: kleinwüchsig nämlich, im Stehen ungefähr so groß wie ich im Sitzen. Und dieser kleine, kleine Mann setzte sich neben mir, die Füße ein Stück über den Boden baumelnd, direkt hinter dem ungeheuren Riesen, der ob seiner kolossalen Dimension meinen großen Freund verschreckt hatte.

Diesmal konnte ich mir das Lachen nicht ganz verkneifen, doch wenigstens drehte ich mich dabei dezent Richtung meines Begleiters. Es war nicht meine Absicht, den Herrn neben mir zu beleidigen; es war der absurde Zufall, der mich zum lachen brachte.

Besagter Freund von mir ist übrigens nicht nur groß und rücksichtsvoll, sondern auch schlau: Dem kleinwüchsigen Herrn war es doch egal, dass er hinter einem Riesen sitzt, sagte er, er hätte so oder so nichts gesehen. Stimmt, der Mann hatte die Absurdität der Situation wahrscheinlich nicht mal bemerkt.

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Ecce Homo

Am Nebentisch des kleinen Cafés, nur wenige Schritte vom Grand Place in Brüssel entfernt, saß ein älterer Herr, seine massige Gestalt dösend in seiner speckigen schwarzen Jacke versunken, vor ihm ein einsamer Pappbecher halbvoll mit kaltem Cappuccino. Wir belegten mit unseren drei Kindern samt Buggy und Rucksack drei der kleinen runden Tische im hintersten Teil des Lokals und vertilgten in aller Unruhe unsere Wraps und Nudelgerichte.

Ich blickte ab und zu zu ihm herüber, besorgt, dass unser Chaos ihn stören könnte; und nachdem der Mann aus seinem Nickerchen erwacht war, schaute auch er ab und zu in unsere Richtung. Er schien nicht unglücklich über unsere Anwesenheit.

Älterer Herr mit Lederjacke. Aus meiner Erinnerung gezeichnet. Es fehlen: Kaffee, Stuhl, Körperfülle.

    Erst nachdem wir im großen und ganzen mit dem Vertilgen und Aufräumen fertig und die Damen zur Toilette gegangen waren, und mein Kleinster begann, auf einem der frei geworden Stühle hoch und runter zu hüpfen, schaute mich der älterer Herr direkt an. Er lächelte vergnügt und sagte: Es ist schön, wenn Kinder glücklich sind.

    Er sei sechsundsiebzig Jahre alt, komme aus Serbien und wohne seit dreiundfünfzig Jahren in Brüssel. Deutsch habe er in der Schule gelernt. Er habe keine Kinder, dafür aber Herzprobleme und Diabetes. Er war Dreher, habe auch mal in München gearbeitet, kenne Aachen von der Durchfahrt her, früher, als er noch ab und zu nach Serbien fuhr – dafür sei er jetzt zu alt. Echte Freunde habe er nur in Serbien, Kinder habe er keine. Ja, er sei schon einsam, dafür gehe er viel in Cafés und beobachte die Leute. Vor allem liebe er Kinder. Er selber habe keine.

    Ich wünschte ihm alles Gute, er gab mir seine wichtigste Erkenntnis mit auf den Weg: mach‘ langsam.

    Ich dachte lange an ihn. Seine Geschichte war nicht spektakulär, in dieser komprimierten Darstellung nicht mal einzigartig. Aber nichtsdestotrotz war es die Geschichte eines Lebens, und durch sie wurde ein unscheinbarer älterer Herr zu einem Menschen.

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    Frankreich hat die Wahl…

    … und fast alle versprechen mehr Law & Order (die Linken nicht so), mehr Staat, flexiblere Arbeitsgesetze, Vollbeschäftigung, mehr Kaufkraft, mehr Sicherheit, mehr Agrar, mehr digital, und alle sind sie stolze Franzosen … 

    Also, alles bleibt wie es ist!

    P.S. Die Hauptunterschiede: die Rechten wollen aus Europa raus, klar. Und alle außer die zwei großen Parteien wollen Bürokratie abbauen, Verwaltungsebenen streichen, das Parlament verkleinern (das dürfen die Großen ja nicht, weil dann Posten verloren gehen!). Und es gibt auch alternative Kandidaten, denen der Rückkehr zum Agrarstaat am Herzen liegt.

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    Wo wären wir ohne…

    … wegweisende Instruktionen, die uns sagen, wie und mit welcher anschließender Gefühlsäußerung löslicher Kaffee zuzubereiten ist.

    Und eine Anleitung in sechs Schritten zur Bedienung eines Aufzugs hatte ich bis dato auch noch nie gesehen. Insbesondere Punkt eins hat mir die Augen eröffnet.

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    Normal ist das nicht.

    In der Mathematik wimmelt es von normalen Dingen. Es gibt normale Zahlen, Vektoren, Matrizen und Räume, die aber beim ersten Hinsehen gar nicht so normal wirken. Wer steht schon den ganzen Tag senkrecht oder kommutiert regelmäßig mit seiner Transponierten?

    Und trotzdem sind diese normalen Dinge gut. Sie machen das Leben einfach. Plötzlich ergeben sich Nullen oder disjunkte Umgebungen oder wenigstens gesicherte Verteilungsaussagen, wo vorher nur Chaos, Kuddelmuddel und Unvorhersagbarkeit war.

    Darauf möchte ich heute hinaus: Normalsein ist gut. Normalität ist erstrebenswert. Ja, Normal ist toll!

    Und da muss ich mir selber an die Nase fassen. Beim näheren Betrachten dieses Blogs stelle ich nämlich fest, dass auf diesen Seiten ausgesprochen wenig Normalität herrscht. Stattdessen überwiegen eher abnormale Beiträge, wie…, ach, ich erspare mir eine Liste mit Links, dann erstens wäre sie ausgesprochen lang, und zweitens röche das arg nach Klicktreiberei, was beides keinesfalls als normal durchgehen kann.

    Normale Artikel sind gut recherchiert, behandeln gesellschaftlich aktuelle und relevante Themen, sind logisch stringent und sprachlich ansprechend. Mit Logik und Sprache kenne ich mich etwas aus, aber mit Recherche und Relevanz bin ich hoffnungslos überfordert. Weil keine Zeit und keine Ahnung.

    Ups, seht ihr? Schon ist es mit der Sprache auch nicht mehr weit her.

    Artikel mit Katzen sind, glaube ich, gesellschaftlich relevant. Ich habe keine Katze. Und natürlich Politik, so mit Ausland und AfD und Arbeitslosenstatistiken und Akronymen und Asylverfahrenbeschleunigungsgesetzen, aber da weiß ich echt gar nichts von. Ich habe da nicht mal eine Meinung zu, genau so wenig wie zu Kunst oder zu Großstadtbauprojekten.

    Ich kann auch nicht über die Reichen und Mächtigen schimpfen, weil ich nicht ausreichend recherchiert habe, warum sie zu den Bösen gehören und insgeheim die Befürchtung habe, dass einige von ihnen total nett sein könnten.

    Ich kann keinerlei Beweise zu irgendeinen der gängigen Verschwörungstheorien vorlegen; so weiß ich zum Beispiel vom Internationalen Judentum so wenig wie von Katzenpflege. Außerdem finde ich die Idee eines weltumspannenden Tums ziemlich cool und bin sogar ein bisschen neidisch, da nicht zuzugehören. Andererseits bin ich ja katholisch getauft und irgendwann ausgetreten, vielleicht bin ich ja Teil des Internationalen Ausgetretenen Christentums und wusste bisher nur nichts davon. Oder ich bin als promovierter Mathematiker passives Mitglied des Internationalen Nichtmedizinischen Doktortums. Auf das nichtmedizinisch lege ich übrigens wert, ich möchte nämlich nicht, dass mein Kommentarbereich mit Fotos von Ekzemen mit der Bitte nach einer Diagnose befüllt wird.

    Hmmm…

    Allmählich schwant mir, dass auch dieser Artikel voll unsenkrecht wird. Ich gehe jetzt mal eine Runde kommutieren, entschuldigt mich.

    Für die, die dran geblieben sind, hier ein immerhin normahles Video.

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