Hat jemand „Kitsch“ gesagt?

Letzte Woche war ich so unvorsichtig, ein älteres Gedicht von mir als etwas kitschig zu bezeichnen. Daraufhin wurde ich auf die Erkenntnis gestoßen, dass Kitsch schon mal muss. Richtig so!

Also machte ich mir etwas Gedanken über Kitsch und was das eigentlich sei – genaugenommen habe ich mir vom Internet das Denken abnehmen lassen, und es ergab sich erst mal, dass es sich mit Kitsch ein bißchen wie mit dem Begriff „Zeit“ verhält:

Ich weiß was es ist, wenn mich niemand fragt. Ich weiss es nicht, wenn ich es erklären muss. (Augustinus)

Die Quintessenz scheint zu sein, dass eine Sache „kitschig“ ist, wenn sie allzu plump Emotionen erzeugen will, also keine Möglichkeit zur Deutung übrig läßt: Finde mich süß! Der Begriff „Kitsch“ wird – nicht überraschend – in der Regel abwertend verwendet.

Nun ergab es sich, kaum hatte ich mir so meine Gedanken gemacht, dass meine Mutter (ich war am Wochenende bei meinen Eltern zu Besuch) über ein Ornament in ihrem Garten (das ich aus Gründen der Diskretion hier nicht näher beschreiben möchte) sagte, sie finde es kitschig. Das haute mich gleich doppelt von den Socken: nicht nur hatte mich der Begriff Kitsch innerhalb von einer Stunde wieder eingeholt, er wurde auch noch von meiner Mutter verwendet zur Beschreibung eines Gegenstands, das ich gar nicht kitschig fand. Darf das sein? Dass Eltern etwas kitschig finden, was für ihre Kinder akzeptabel ist? Natürlich, aber ein wenig ist das doch eine Umkehrung der natürlichen Ordnung 😉

Diese Ordnung stellte sich schon sofort beim Autofahren mit meinem Vater wieder ein: er hört gerne Radio-Sender mit etwas… naja, leichterer Musik. Und da erstaunt es mich immer wieder, wie völlig inakzeptable Schlager-Schnulzen Rücken an Rücken mit großartigen Musikstücken gespielt werden. Kitsch neben Kunst! Natürlich alles nur aus meiner Sicht, völlig subjektiv. Oder? Gibt es einen halbwegs objektiven Maßstab, nach welchem The Sounds of Silence von Simon & Garfunkel tatsächlich irgendwie wertvoller ist als … äh … alles von Wolfgang Petry? Naja, aber schon Lionel Richie sehe ich da mal im Graubereich, zusammen mit The Hollies und vielen anderen Oldies-but-Goldies, die ich doch sehr mag. Und Credence Clearwater Revival, die BeeGees? Ersterer niemals Kitsch, zweiterer schon… Und Foreigner ja wohl doch auch, obwohl die wahrscheinlich selten die Playlist von NDR 90,3 schaffen. Queen dagegen: Kunst! Aber auch Kitsch, oder? Und könnte nach obiger Definition nicht sogar jedes stereotype Genrestück kitschig sein, egal ob Blues, Jazz, Country oder Heavy-Metal? Nicht auszudenken, wenn dem so wäre!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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