Paradox!

Weihnachten in Frankreich! Da habe ich mich wieder gänzlich ungeniert dem französischen Paradoxon widmen können – also fressen und saufen und angeblich gleicht sich das am Ende irgendwie alles aus. Toll!

Inzwischen glaube ich allerdings nicht mehr an die wundersame Wirkung des Rotweins – ich vermute eher, dass viele Franzosen einfach von anderen Sachen dahin gerafft werden, bevor die berühmten Herz-Kreislauf-Erkrankungen sie erwischen: von durch flächendeckenden Antibiotika-Einsatz hervorgezüchteten superresistenten Keimen, zum Beispiel, großzügig unterstützt durch die permanente Weigerung, jemals die Hände zu waschen (ich habe selbst neu gebaute Häuser in Frankreich gesehen, die keinen Waschbecken im WC haben – wozu auch?). Oder vom Rotwein, den man dort angeblich trinkt, um gerade länger leben zu dürfen. Doch leider hat das auch ganz andere, nicht so gesunde Nebenwirkungen:

Alkohol am Steuer ist seit 2006 Todesursache Nummer eins auf französischen Straßen. Bei jedem dritten tödlichen Verkehrsunfall hat einer der Beteiligten getrunken. In Deutschland trifft dies nicht einmal auf jeden zehnten Unfall zu.

Meine persönliche Beobachtungen als Schwiegerfranzose bestätigen leider diese These. Nicht, dass ich schon einen Unfall miterlebt hätte, aber dass „drink ze vin rouge & drive ze car“ in Frankreich gängige Praxis ist, leider doch („and ze bière and ze champagne avant ze repas and ze dessert vin après ze repas and maybe ze porto aussi„), und zwar immer. Tut mir leid, dass so deutlich sagen zu müssen, iss aber so. 10 Erwachsene sitzen am Tisch, 10 Gläser Wein stehen auf dem Tisch, und 5 Autos stehen vor der Tür – das ist en France leider selbstverständlich.

Meine Frau gehört nicht zu den üblichen Franzosen – es wird ja schließlich seine Gründe haben, dass sie Exil bei den Deutschen gesucht hat. Meine Schwiegeroma dagegen sieht es als ihre heilige französische Pflicht an, jeden ihrer Besucher mit mindestens fünf verschiedenen Alkoholsorten abzufüllen. Der Satz: „Ich darf nicht zuviel trinken, schließlich muss ich noch fahren„, kommt bei ihr folgendermaßen an: „Ich kann höchstens zwei Liter Wein und dann noch ein paar Kurze kippen, schließlich ist gestern in China ein Sack Reis umgekippt.“ Kurz: sie versteht ihn nicht, deswegen lieber noch einen Pinot Noir drauf 🙂 Eine typisches Tischgespräch zu diesem Thema zwischen meiner Frau und ihrer Oma könnte – rein theoretisch natürlich – folgendermaßen ablaufen:

Schwiegeroma, Flasche hinhaltend: „Füll‘ dir etwas Cabernet-Sauvignon nach, ma petite, Dein Glas ist schon fast leer!“

Frau: „Nein, danke, ich muss noch fahren.“

Schwiegeroma: „Ach. dann lieber einen Weißwein, einen Chenin-Blanc?“

Frau: „Nein, ich muss wirklich noch fahren.“

Schwiegeroma: „Also was leichteres, einen Muscadet?“

Frau: „Nein, wirklich nicht.“

Schwiegeroma: „Aber der ist so lecker! Weißt du, der wird in der Gegend angebaut, wo ich groß geworden bin!“

Frau: „Ja, ich weiß, chère Mamy. Ich mag ihn auch, aber ich muss gleich noch Auto fahren.“

Schwiegeroma: „Vielleicht noch etwas von dem Champagne?“

Frau: „Ich habe schon ein Glas Champagne vorhin getrunken und jetzt ein Glas Wein. Das reicht mir wirklich.“

Schwiegeroma, besorgt: „Geht es Dir nicht gut, ma Chèrie? Da trinkst du am besten gleich einen Brandy – ich hole ihn dir!“

Frau: „Nein, ich möchte keinen Alkohol mehr trinken!“

Schwiegeroma, nun beleidigt: „Gut, dann halt ein Bier!“

Und so weiter, fürchte ich. Bei Übelkeit leider das gleich (habe ich selbst erlebt, wirklich!): einen Wein? – nein, mir ist schlecht – dann einen anderen Wein, einen Porto, einen Whisky? – nein, ich möchte wirklich keinen Alkohol, mir ist total schlecht – gut, dann halt ein Bier…

Advertisements

Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
Dieser Beitrag wurde unter Eingefallen, Frankreich abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Paradox!

  1. tinyentropy schreibt:

    … nicht zu vergessen der sorglose Umgang / Konsum mit Atomenergie in Nähe zu unseren Grenzen 😉

    Hat dieser Dialog wirklich so stattgefunden? *lol* Genial!

    Ich wünsche Euch ein wunderschönes Silvesterfest, einen guten Rutsch und ein tolles Jahr 2013!

    • Pfeffermatz schreibt:

      Der exemplarisch dargestellte Dialog ist natürlich ein Kondensat verschiedener Dialoge zwischen mir und meiner Frau auf der einen (vernünftigen) Seite und meinen Schwiegereltern und Schwiegeroma auf der (atomar verseuchten) Gegenseite 😉

      Ebenfalls alles Gute für 2013!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s