Schlechte Presse, Teil 2

Anfang Dezember wurde das Ergebnis einer Studie über die drastisch sinkende Spermienzahl bei französischen Männern öffentlich. Das war natürlich Nahrung für die Presse, und auch Harald Schmidt konnte ganz hervorragend über die abgestuften Ratings der französischen Samenbanken lästern. Ein Kollege von mir dagegen kam direkt auf den Gedanken, dass die Untersuchung vielleicht in dem Zeitraum durchgeführt wurde, als Dominique Strauss-Kahn in U-Haft saß. Auch das würde einiges erklären…

Ich wurde über einen Artikel bei WELT Online auf dieses Phänomen aufmerksam, und genau dort fand sich auch die eigentümliche Aussage, die ich hier zitieren möchte:

Nach Ansicht von René Habert von der Universität Paris-Diderot könnten die Hormon-Störfaktoren den drastischen Rückgang der männlichen Samenzellen vor allem in der Region Paris erklären, „wo derzeit ein Mann zweimal weniger Samenzellen produziert als noch sein Großvater“.

Der musste sich der Logiker in mir natürlich kurz lachend übergeben, denn – was zum Henker bedeutet zweimal weniger?

Da die Spermienzahl drastisch sinkt, hat unser Franzose – nennen wir ihn Valentin – sicherlich weniger lebende Kulturen in seiner Crème Fraiche als sein Opa, den wir hier mal… Jacques… nennen wollen. Das ist natürlich ganz schön peinlich für Valentin. Vielleicht hat Jacques in dem normandie’schen Fischerdorf seiner Jugend täglich Austern geschlürft, während sich Valentin in Paris hauptsächlich ovo-lacto-vegetarisch ernährt und nebenbei Kleber schnüffelt.

Auf jeden Fall „produziert Valentin weniger Spermien als noch Jacques„. Wobei „noch“ hier wohl als „zu seiner Blütezeit“ zu verstehen ist, und nicht etwa als „noch heute“, (womit meine obige Lästerei wohl leider hinfällig ist…) Aber zweimal weniger? Sagen wir, Jacques produzierte 10 Million Spermien – ach, nennen wir sie doch Pierres – pro Stunde. Wieviele Pierres pro Stunde produziert nun Valentin?

Rein sprachlich logisch gesehen: „zweimal“ so viel wie Opa Jacques, also zwanzig Millionen Pierres. Zwar steht dort „zweimal so wenig„, aber das bedeutet nur, dass schon Jacques‘ 10 Millionen Pierres als wenig einzustufen waren, wie nun auch die zwanzig Mio von Enkel Valentin. Das würde aber eine steigende Pierrebarkeit bedeuten, was ja nicht sein soll.

Oder ist hier mit „zweimal so wenig“ etwa „halb so viel“ gemeint? Nach dem Motto: zwei falsche Begriffe ergeben zusammen einen korrekten Ausdruck. Tun sie leider nicht, aber man kann es ja versuchen. Dann hätte Valentin immerhin noch fünf Millionen Pierres zu bieten.

Noch eine Idee: „halb so viel“ bedeutet ja „50% davon“. Vielleicht bedeutet „halb so wenig“ dann „-50% davon“, was nichts anderes heißt, als dass man die Hälfte hinzunehmen statt abziehen muss: dann wäre Valentin mit 15 Mio Pierres noch ziemlich gut in Schuss. Geht aber nicht, denn es sollen ja weniger sein…

Oder: „doppelt so viel“ bedeutet „100% dazu“. Vielleicht ist „halb so wenig“ eine starke Verneinung davon, die mit „100% davon ab“ zu übersetzen ist. Oh oh, dann sieht es aber sehr schlecht um Valentin aus, der somit gar keine Pierres mehrs produziert, und noch schlechter sähe es um den Fortbestand der Grande Nation aus.

Dann verstehe ich natürlich die ganze Aufregung und würde Jacques mal bitten, seinen Enkel Valentin eine leçon oder deux in Sachen l’amour beizubringen. Wer soll den sonst die ganzen Austern vertilgen?

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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3 Antworten zu Schlechte Presse, Teil 2

  1. gnaddrig schreibt:

    Jaja, da werden dann x-mal weniger Austern gegessen als jetzt. Das Problem solcher Angaben (x-mal weniger) ist mir auch schon über den Weg gelaufen. und ich konnte mir eine Lästerei darüber natürlich auch nicht verkneifen. Der Aufhänger dafür war übrigens eine ebenfalls französische Salami mit viermal weniger Fett.

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