Der perfekte Platz

Ich fahre gerne Bus. Wochentags jeden Morgen zur Arbeit und abends zurück. Die Fahrt dauert 35 Minuten pro Richtung. Morgens mache ich schon mal fünf Minuten Meditieren-Light, bevor ich mich dann in einen Roman versenke. Auf der Rückfahrt begebe ich mich auch gerne mal an das aktuelle Kreuzworträtsel der ZEIT, gegen Ende knacke ich auch schon mal fünf bis zehn Minuten. Interessanterweise wache ich spätestens wenige Sekunden vor dem Erreichen meiner Haltestelle wieder auf. Das führt schon mal zu hektischen Ausstiegsszenen.

Machmal verbringe ich die Fahrt auch im Gespräch, was ich so jedes vierte oder fünfte Fahrt gut ertragen kann. Und ich schaue mir die Mitfahrer an. Über die Jahre lernt man manche sogar kennen.

Aber das wichtigste am Busfahren ist: der Platz muss stimmen.

Im Bus gibt es nicht nur Sitze, die in Fahrtrichtung zeigen, sondern auch welche gegen die Fahrtrichtung, und im hinteren Teil des Busses kann man auch nach links oder nach rechts schauend sitzen. Nur kopfüber sitzen geht nicht. Nun gehöre ich glücklicherweise nicht zu den Leuten, denen entgegen der Fahrtrichtung schlecht wird – aber wenn ich es mir aussuchen kann, dann sitze ich schon am liebsten „richtig“ herum. Und seitwärts zur Fahrtrichtung Sitzen ist gar nicht mein Ding, da kippe ich bei jedem Bremsen und Anfahren um, was dem Lesen nicht gerade förderlich ist. Also am liebsten einen Platz in Fahrtrichtung.

Ähnlich wie beim Flugzeug gibt es im Bus auch Fenster- und Gangplätze. Nur die Mittelreihe und die FlugbegleiterInnen fehlen. Da wähle ich natürlich einen Fensterplatz. Da bin ich gut geschützt und kann außerdem meinen Kopf an das vibrierende Fenster zum Einschlafen lehnen. Den Tomatensaft und die zollfreien Zigaretten können Sie dagegen weglassen.

Vielleicht kennt Ihr die erhöhten Sitze im Bus, die sich irgendwie entweder konstruktionsbedingt (Radkasten?) und zum Zwecke der Steh- und Sitzplatzmaximierung höher als die andere Sitze befinden. Die sind jedenfalls schon mal gar nichts für meine empfindliche Seele, und zwar gleich aus zwei Gründen. Erstens sitzt man da sehr exponiert, das ist mir geradezu unangenehm. Also bitte einen nicht-erhöhten Platz.

Zweitens sind diese Plätze Rücken-an-Rücken positioniert, was die Beweglichkeit der Rückenlehne arg einschränkt – genaugenommen geben die Rückenlehnen solcher Sitze überhaupt nicht nach, was sie sehr ungemütlich macht. Das möchte ich meinem empfindlichen Denkerrücken (der von den Sitzmöbeln im Büro ganz anderes gewöhnt ist)nicht zumuten. Allerdings gibt es auch andere – nicht erhöhte – Sitze mit solch eingeschränkter Rückenlehnwippigkeit, z.B. wenn sich die Wand oder was anderes direkt dahinter befindet. Nicht mit mir! Also bitte einen Platz mit wippender Rückenlehne. Oder wahlweise eine Fangopackung.

Apropos erhöhte Sitze: die Plätze davor sind auch Mist, deswegen keinen Platz direkt vor einem erhöhten Platz. Denn wer mag es schon, wenn der Hintermann auf einen herunter blicken oder einem ins Buch starren kann. Da läuft es mir kalt den Rücken runter und ich werde ganz zappelig. Nee, nee.

Genauso sind auch die vordersten Plätze einer Reihe nicht so dolle, wenn sich eine Trennwand davor befindet – denn dies schränkt arg die Beinfreiheit ein. Folglich akzeptiere ich – wenn möglich – nur einen Platz hinter einem anderen Sitz auf gleicher Höhe. Das sind mir meine Beine wert.

Ach, ja – direkt neben der Tür sitzen will doch auch kein vernunftbegabter Mensch. Ich sag‘ nur: Kälte und Zugluft bei jedem Halt, ein- und aussteigende Menschen, die ungeduldig wartend und stehend auf einen herunter schauen und einem beim Bremsen in den Schoß fallen. Also bitte keinen Platz direkt neben der Tür.

Mehr will ich nicht. Denn ich fahre gerne Bus, wirklich.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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9 Antworten zu Der perfekte Platz

  1. Catio schreibt:

    Der exklusive Platz in einem Bus ist der Fahrersitz. Man sitzt auf alle Fälle alleine, hat die gesamte Kontrolle über den Bus und bekommt auch noch Geld dafür. Nachteile gibt´s allerdings auch: man müsste dort arbeiten und darf keine Kreuzworträtsel lösen – und schon gar nicht während der Fahrt schlafen!
    Oder wie wäre es denn ganz einfach mit einem angemieteten beheizten und einsitzigen Busanhänger? 😉

  2. gnaddrig schreibt:

    Mir geht es im Prinzip ähnlich, allerdings pendele ich per Bahn. Da ergeben sich stellenweise andere Prioritäten. Jedenfalls ist die Zahl der richtig guten Plätze relativ niedrig, es gibt ein mittelgroßes Feld akzeptabler Plätze und ein etwa genauso großes Feld nach Möglichkeit zu vermeidender Plätze. Kriterien sind Fahrtrichtung, Gang oder Fenster, über oder zwischen den Radkästen, Anzahl freier Plätze pro Viererabteil und wer schon dort sitzt. Zum Glück verkehren auf meiner Strecke keine Doppelstockwagen, die hasse ich.

    • Pfeffermatz schreibt:

      Na, das ist doch schon sehr ähnlich zum Busfahren. Ob Flugpendler auch diese Probleme haben? Was gefällt Dir nicht an den Doppelstockwagen – dass man sein Gepäck auf dem Schoß tragen muss?

      • gnaddrig schreibt:

        Nö, Gepäck habe ich als Pendler normalerweise keins. Die Dinger sind so eng, zumindest oben. Und neuerdings haben die so fiese LED-Beleuchtung mit ausgesprochen unangenehm bläulichweißen Licht, das zwar sehr hell ist, aber trotzdem fahl wirkt.

        Und zum Flugpendeln: Ein Schulfreund ist zwar kein Flugpendler, aber beruflich bedingt Vielflieger, und der hat auch eine Reihe Kriterien für die besten Plätze. Der kennt auch die auf seinen Routen eingesetzten Flugzeugmodelle und deren Bestuhlung und kann dann beim Einchecken ganz gezielt nach seinen Lieblingsplätzen fragen. Das geht dann aber schon in Richtung eigene Wissenschaft.

  3. damals-ist-jetzt schreibt:

    Sehr anspruchsvoll die Dame 😉

    Nun könnte es passieren, dass Du zufällig (München) direkt neben mir den letzten Platz bekommst – oder ich hinter Dir sitze. Ich kann mich nicht beherrschen und schaue, was Du so liest. Meistens werde fündig. Dann sitze ich gemütlich neben oder wie schon erwähnt hinter Dir und in meine eigene Lektüre purzeln Gedanken, warum gerade Du gerade dieses Buch lesen magst.
    So jeden … vierten!? Tag kommt es dann zu interessanten Gespächen.
    In München ist man gemütlich und freundlich.
    Es reicht ein Wort –
    etwa so …
    Lächel …
    Ahh – Chinesisch?!
    Mein Nachbar hebt erfreut ja willig den Kopf, als hätte er darauf gewartet, dass ich frage und erzählt ausgibig vom Studium dieser interessanten Sprache.
    Die Zeit fliegt mit den Feldern und netten Vorstadthäusern nur so dahin.

    Zufällig steigen wir an der gleichen Haltestelle aus.

    Er will noch schnell einen Witz loswerden. Ich achte darauf, dass ich ihn im Gedränge nicht verliere – ohne Pointe jetzt nachhause laufen?! …

    Lachend trennen sich unsere Wege.
    Sollte ich Dich treffen habe ich auch einen Witz parat,
    den erzähle ich Dir dann.
    Liebe Grüße
    Barbara
    (mein Blog – namenlos – existiert nicht mehr – damals-ist-jetzt ist auch ganz nett)

    • Pfeffermatz schreibt:

      Tatsächlich freue ich mich auch über solche Begegnungen. Und manchmal braucht man auch zwanzig gemeinsame Fahrten, damit sich beim einundzwangisten mal unterhält. Und dann ist es wunderbar, einen neuen Menschen kennen gelernt zu haben. Und die Aussicht, sich immer mal wieder mit diesem Menschen unterhalten zu können, wenn man wieder zur gleichen Zeit (und in der gleichen Sitzreihe) fährt. Und trotzdem: jedes vierte Mal reicht mir. Ich brauche viel „Eigenzeit“ 🙂

  4. tinyentropy schreibt:

    Aja! Alles klar, Monsieur Sheldon Cooper! 😉

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