Brief an die Heimat

Manche englische Redewendungen poppen immer wieder in meinen Kopf auf (to pop up: ein Dialogfenstermenü aufklappen), wie z.B. das schöne Idiom

That’s nothing to write home about,

was so viel wie Das ist nichts besonderes bedeutet. Keine Ahnung, warum, aber es gefällt mir. Ah, doch ich weiß, warum – weil es folgendes innere Bild bei mir hervorruft:

Ein junger Mann ist aus seinem Elternhaus (Holzhaus, mittlerer Westen der USA, rundherum nur Maisfelder) aus- und in die Welt gezogen, um seine Erfahrungen zu machen. Der er Mama und Papa und seine drei jüngeren Schwester liebt und sie an seinen Abenteuern teilhaben lassen möchte, schreibt er von Zeit zu Zeit längliche Briefe in verschnorkelter Schrift, die er in einem fremdländischen Postamt mit exotischen Briefmarken beklebt und nach Hause sendet. Da er aber seine Familie nicht mit Nichtigkeiten belästigen mag, schreibt er Ihnen nur, wenn es eben etwas zum nach Hause schreiben gibt, zum Beispiel ein besonderes Essen oder einen spektakulären Sonnenuntergang oder die Frau seiner Träume …

Manchmal sehe ich den Kerl auch in einem Ersten-Weltkriegs-Feldbett auf der Seite liegend und briefeschreibend, vermutlich irgendwo in Frankreich in ausreichender Entfernung hinter der feindlichen Linien, aber da geht wohl meine romantisierende Ader mit mir durch. Denn eigentlich bin ich von der Generation, die bei der Redewendung eher an „E.T. nach Hause telefonieren“ denken müsste.

Das ist also das Bildnis altamerikanischen Großfamilienglücks, welches dieses Idiom bei mir erzeugt. Da nun aber die Deutschen ihre Hunde lieber haben als ihre Kinder, ist es nur konsequent, dass das passende Gegenstück im Deutschen

Damit lockt man keinen Hund hinter dem Ofen hervor

lautet. Das hierzu gehörige Bild muss ich wohl nicht näher beschreiben: große Landküche, alter schwarzer gusseiserner Ofen, Labradordackelspanielmischung dahinter, davor Frau mit Schürze und vollschlanker Figur und vergammeltem Wurstrest. Wahrscheinlich ist es kalt, sonst wäre der Köter gar nicht erst hinter dern Ofen gegangen.

Deutscher Hund schreibt seinem amerikanischen Brieffreund.

Allerdings – wir hatten mal einen Hund, und der hätte auch den vergammelten Wurstrest gegessen, da bin ich mir sicher. Er hätte sich auch niemals hinter den Ofen und damit außer Reichweite von herabfallenden Küchenabfällen oder gnädigen Essensspenden begeben. Oder von unbeaufsichtigten Tellern. Besagter Hund hat sogar mal ein ganzes Nikolaushäuschen samt darunterliegender Alufolie verspeist. Ja, ja, und wieder ausgekotzt. Und auch das hat er… schon gut. Aber das war mal was to write home about!

Der Nachbarhund war genauso.  Wie sagte sein Frauchen mal: „Und grad im Winter, wenn die Häufchen knackig festgefroren sind…“ – Bah! Und so was soll man nicht hinter dem Ofen hervorlocken können?! Naja, wenn der Mops dort die Essensreste der letzten Generationen entdeckt, dann könnte das eine Weile dauern, aber auch die sind irgendwann (fünf Minuten später, zum Beispiel) vertilgt.

Unser Hund ist immerhin dreizehn Jahre alt geworden. Wer weiß, vielleicht hätte er es ohne Alufolie auf ein paar Jahre mehr gebracht.

Ich schließe jetzt jedenfalls diesen Brief an die Heimat, erhebe mich aus meinem Feldbett und schaue nach, ob ich noch ein paar Würstchen im Kühlschrank finde – irgendwie habe ich Hunger gekriegt.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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2 Antworten zu Brief an die Heimat

  1. Verschwende Deine Zeit schreibt:

    Ich stelle mir bei der Redewendung eigentlich ein Kind im Ferienlager vor, dem die anderen Kinder die Bonbons weggenommen haben. Es ist drauf und dran Mutti einen Brief zu schreiben um das sofortige Abholen aus dem Feriencamp zu fordern. Dann überlegt es sich das Kind aber doch nochmal. Ist ja doch alles nicht so schlimm, schließlich gibt es ja noch die Notfallration Bonbons im Rucksack versteckt.

    • Pfeffermatz schreibt:

      Weniger romantisch als meine Version, aber dafür schon eher mitten aus dem Leben! Da bedeutet das „nothing to write home about“ also eher „es ist ja nicht so schlimm wie zuerst angenommen“, bzw. „et hät noch emmer joot jejange“ oder „reg’sch net uff“ oder „pass scho“.

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