Mein Leben von Willy Joel

Wer hätte das gedacht? All, die auf dieser Site letztens den Song anhand meiner Übersetzung zu erraten versucht haben, haben richtig gelegen! (Achtung, Mathematiker am Werk, denn das war eine Aussage über die leere Menge.)

Das gesuchte Lied heißt My Life und ist von Billy Joel. Darin geht es um den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. In der ersten Strophe wählt der New Yorker Billy das Beispiel eines alten Kumpels. Der Originaltext lautet:

Got a call from an old friend we used to be real close,
Said he couldn’t go on the American way.
Closed the shop, sold the house, bought a ticket to the west coast,
Now he gives them a stand-up routine in L.A.

Worum geht es da? Ein alter Freund von Billy meldet sich, um zu verkünden, dass er das typische amerikanische Leben satt habe. Dann macht er seinen Laden dicht, verkauft sein Haus und kauft sich ein Flugzticket nach Kalifornien. Nun ist er Bühnenkomiker in Los Angeles.

Wie übersetzt man das nun? Erst mal braucht man eine sinnvolle Geschichte, denn die Begriffe American Way, West Coast und L.A. machen im Kontext eines Deutschen natürlich wenig Sinn. Also, von hinten mal angefangen:

Statt Los Angeles brauchen wir eine deutsche Stadt, in die es einen aufstrebenden Bühnenkünstler ziehen würde – da bleiben eigentlich nur Köln, München und Berlin, wobei Berlin sicherlich die Stadt ist, die sowohl dem Künstler wie auch dem reimesuchenden Übersetzer die meisten Möglichkeiten bietet.

Der hier negativ verwendete Ausdruck American Way soll wohl ein Leben mit Frau und Kinder und Haus und regulärem Job und so bedeuten, also das, was ein desillusionierter Deutscher als ein spießiges Leben bezeichnen würde. Auf Berlin reimt sich ihn, und schon haben wir Strophen zwei und vier. Für die ungeraden Strophen eins und drei muss der Reim nicht 100%ig sein, wir finden aber sogar den hübschen Reim dicke (für das englische close, also nahe) und Ticket. Wir erhalten:

Letztens rief mich ein Freund an, wir war’n mal ganze dicke:
So ein Leben als Spießer wär nichts mehr für ihn.
Er verkaufte das Haus und besorgte sich ein Ticket,
Und jetzt macht er den Bühnenkomiker in Berlin.

Und ich bin noch nicht glücklich. Mich stören:

  • Das allererste Wort letztens – ist nämlich als Auftakt schwer singbar. Man sollte nicht in das Lied hineinstolpern müssen.
  • Der Verweis auf den Besitz eines Hauses, denn in Deutschland ist dies meist mit Frau und Kindern verbunden. Da fragt man sich automatisch, was aus der Rest der Familie geworden ist. Im übrigen ist bei der obigen Übersetzung schon das closed the shop herausgekürzt wurden. Gut so, denn Ladenbesitzer sind in Deutschland eine seltene Spezies und beschweren sich nicht über ihr spießiges Leben. Besser wäre, der Freund kündigt Wohnung und Job. Das ist echtes deutsches Revoluzzertum.
  • Dei Betonung des Tickets. Die 4000 Kilometer von New York nach  L.A. zurückzulegen mag eine große Sache sein, da kann man durchaus erwähnen, dass der Kerl sich ein Ticket gekauft hat. Aber von Irgendwo-in-Deutschland nach Berlin? Da lassen wir die wenig spektakuläre Hinfahrt mal lieber texttechnisch ausfallen.
  • Der letzte Satz, der mit dem Bühnenkomiker. Der hat keinen Rhythmus, keinen Fluss, keinen Jazz.

Ergo folgende Nachbesserung:

Gestern rief mich ein Freund an, der sah letztens blass aus,
So ein Leben als Spießer war nichts mehr für ihn.
Er gab Wohnung und Job, und alles was er besaß, auf,
Heute hat ’ne Nummer und ’ne Show in Berlin.

Das ist natürlich auch nicht perfekt: die zwei ’nes in der letzten Zeile; die Dichtersünde, dem verführerischen Reim „blass aus – besaß, auf“ dem Vorrang vor einem sinnvolleren Inhalt zu geben; die Zeitbestimmung „gestern – heute„, die bildlich aufgefasst werden muss, um Sinn zu machen. Aber alles in allem ist die Übersetzung ausreichend gut, dass mein innerer Übersetzungshund sich zufrieden zurück in seine Ecke legt.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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2 Antworten zu Mein Leben von Willy Joel

  1. giftigeblonde schreibt:

    Na das hätte ich nicht erkannt, deshalb auch nicht geraten.
    Dieser Sänger ist nicht unbedingt das was ich mir anhöre 🙂

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