Keine Sterne in Athen

Letztes habe ich mir aus gegebenem Anlass (den Bau einer Straßenbahn in Aachen) Gedanken ums Geld gemacht, genauer gesagt darum, wie man feststellen kann, ob eine Sache eine bestimmte Geldsumme wert sei.

Gerade bei Fragestellungen, in denen es um Geld geht, wird häufig mit den Kosten in absoluter Höhe „argumentiert“. Da heißt es: Kauf diesen Fernseher / dieses Auto / dieses Haus nicht, denn 2000 € /25.000 € /270.000 € ist viel Geld. Da frage ich mich – was ist denn nun „viel Geld“? Eher 1oo € oder eher 100.000 € ?

Die Antwort weiß jeder, sie lautet: „Es kommt darauf an.“ Aha, worauf denn? Da wird es schon schwieriger. „Auf das, wofür man das Geld ausgibt“. Wirklich nur? Soll ich das Auto also kaufen, wenn mir der Verkäufer glaubhaft versichert, dass er 25 Tausend Ocken wert sei? „Das kommt darauf an, ob du ihn brauchst“. Und wenn ich ihn nicht brauche aber gerne hätte, und außerdem mehrere Million flüssig habe? „Wenn du viel Geld hast, dann sieht das natürlich anders aus.“ Aber was ist denn nun viel Geld? Und was bedeutet „Geld haben“ (wie kann einer behaupten, er habe die 20 Euro für ein Schulbuch nicht, wenn er schließlich 1000 Euro im Jahr für Zigaretten ausgibt)?

Ist das wirklich viel Geld? Für eine Currywurst zum Sattwerden schon. Für eine Currywurst zum Glücklichwerden nicht. cc Catia from Padova, Italia 

Meine persönliche zentralepochale Erkenntnis ist:

Man gibt Geld nicht aus, man investiert es.

Jede Geldausgabe kann als Investition betrachtet werden. Kaufe ich eine Currywurst, betätige ich eine kurzfristige Investition in ein Sättigungsgefühl und sicherlich auch in eine Lustbefriedigung (des Salz und Fettes wegen). Kaufe ich stattdessen einen Rohkost-Wrap, erhalte ich an Stelle der Lustbefriedigung das gute Gefühl, etwas für meine Gesundheit (und vielleicht auch für mein Karma) getan zu haben. Für das Geld, das ich in ein teures Restaurant hinterlasse, erhalte ich womöglich zusätzlich eine schöne Erinnerung, und vielleicht investiere ich nebenbei auch in eine Beziehung. Selbst, wenn ich 100 Euro anzünde und in Rauch aufgehen lasse, kriege ich dafür etwas: ein kurzfristiges Gefühl der Überlegenheit und eine Party-Anekdote für den Rest meines Lebens.

Nehmen wir mal eine große und langfristige Investition, z.B. ein Haus. Das ist schon etwas komplexer. Sagen wir, das Haus kostet 270.000 Euro – das Geld hat tatsächlich kaum einer zur Verfügung. Und doch kaufen die Leute Häuser… wie kommt’s? Weil sie die 270.000 Euro gar nicht ausgeben müssen, sondern – mit Hilfe eines Kreditinstituts – stattdessen, sagen wir mal, 1000 Euro im Monat auf unbestimmte Zeit zahlen. Die 270.000 € sind letztendlich völlig irrelevant, wichtig sind nur die 1000 € Monatsbelastung. Das ist die Investitionssumme. Und was gibt es dafür? Wohnraum und in ferner Zukunft eine abbezahlte Immobilie.

Es stehen aber noch andere – schwer zu bewertende – Positionen auf der Ausgabe- und Einnahme-Seite: Die Abwesenheit eines Vermieters, das Gefühl des Eigentums und das der Bindung an einen Ort, der lange Zahlungshorizont, das zur Verfügung stehende Resteinkommen, usw. Die Bewertung dieser Punkte ist natürlich von Mensch zu Mensch ganz unterschiedlich: so mag der eine eine eher bescheidene Immobilie kaufen, um denkbar lange darin zu wohnen, diese möglich schnell abzubezahlen und dabei ruhig schlafen zu können. Ein anderer mag sich mit dem gleichen Gehalt eine Luxusvilla erwerben und diese aus vollen Zügen genießen und außerdem wunderbar schlafen, während seine Geldreserven monatlich dahinschwinden. Und was antwortet er, wenn man ihm zwei Jahre später bei der Zwangsversteigerung sagt: „Ich wusste doch, dass du dir das nicht leisten konntest“? Er lacht und sagt: „Wieso? Ich habe sie mir doch geleistet – und das zwei Jahre lang!“ Dann zieht er von dannen leistet sich eine Yacht – auf Pump.

Was ich sagen will: Das Argument „Dieses Geld habe ich / haben wir / hat die die Stadt – das Land – der Bund nicht“ ist Kokolores! Es ist nie eine Frage, ob Geld zum Ausgeben vorhanden ist. Die Frage muss immer sein: ist die Investition (und zwar als Geldfluss, falls ratierlich bezahlt wird) ein Gute? Dazu Bedarf es selbstverständlich als Grundlage eine ausführliche Aufstellung der Kosten und der Nutzen. Aber warum sich diese Mühe machen, wenn man doch so schön populistisch „argumentieren“ kann?

So argumentierten die Straßenbahngegner in Aachen gerne mit den Kosten in absoluter Höhe: 240 Millionen Euro! Oh mein Gott! Dabei ist diese Zahl völlig irrelevant, wichtig dagegen die jährliche Belastung von 4 bis 6 Millionen Euro. Und auch diese Zahl ist noch unwichtig, solang man sie nicht den Nutzen gegenüberstellt (eine standardisierte Nutzen-Kosten-Analyse ergab einen Wert von 1,5).

Natürlich ist eine solche Bewertung schweinemäßig schwer. Wie kann man da wenigstens etwas Abhilfe schaffen? Naja, andere Leute fragen. Andere Leute, die eben diese oder eine möglichste vergleichbar Investition getätigt haben. Aber was fragt man sie? Ob ihnen das Auto gefällt, ob es das Geld wert war? Damit verlagert man das Problem nur von sich auf den anderen. Besser, man stellt gleich die richtige Frage, und mein Tipp dazu wäre:

Frage jemand, der eine vergleichbare Investition getätigt hat, ob er diese Investition heute rückgängig machen würde, wenn dies problemlos möglich wäre.

Du hast vor einem Jahr 2000 Euro für einen neuen Fernseher ausgegeben – würdest du den Fernseher wieder gegen dein altes Gerät umtauschen, wenn du dafür die 2000 Euro verzinst wieder haben könntest? (Wenn die Kasse arg Knapp und die Stromrechnung noch unbezahlt ist, vielleicht ja.) Würdest du die exzellente Flasche Wein nie getrunken haben und dafür 30 Euro mehr auf dem Girokonto haben wollen? (Wenn ich mich heute noch an den Geschmack erinnern kann, sicher nicht.) Würden die Bewohner von Freiburg ihre Straßenbahn zurückgeben, um die Stadtkasse um die verzinste Anfangsinvestition wieder zu erhöhen? (Wahrscheinlich nicht.)

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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3 Antworten zu Keine Sterne in Athen

  1. gnaddrig schreibt:

    Du vergisst die attraktivste Möglichkeit: Den Wein getrunken zu haben und das Geld trotzdem wiederzukriegen. Und hinterher umsonst mit der Straßenbahn nach Hause. Leider wird das fast nie angeboten…

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