Schnaps in Sankt Kathrein

Heute mal ein paar Worte zum richtigen Argumentieren. Genauer gesagt, möchte ich eine ganz triviale Möglichkeit in Erinnerung rufen, woran man erkennen kann, ob ein Argument nicht vielleicht totaler Schwachsinn ungültig ist.

Sagen wir mal, du läufst durch Stuttgart und stellst fest, dass du Hunger hast. Also beschließt du, dir eine Bratwurst zu kaufen. Du findest einen Bratwurststand, bei dem die Würste Zwei-Euro-Fünfzig kosten. Nun kommt ein Mensch an und erklärt Dir in selbstgerechtem Panik, dass du dieses Geld nicht ausgeben solltest, denn schließlich ist es keine drei Monate her, dass ein Mensch in Leipzig einen Kleiderschrank für Zweihundert Euro gekauft hat – und der war Schrott!

Woran erkennst Du nun, dass der Kerl nicht ganz dicht ist?

a) Es gibt in ganz Leipzig keine Kleiderschränke.
b) Er trägt eine rote Krawatte zu einem blauen Hemd.
c) Du hast letztens bei Pfeffermatz einen Artikel über Geld-Argumente gelesen.

Die korrekte Antwort ist c). Herzlichen Glückwunsch, liebe(r) Leser(in).

Dass eine ausgesuchte Erfahrung mit dem Kauf eines Möbelstücks im Osten der Republik wenig hilfreich ist, um Rückschlüsse auf die Investition in einen Snack in Schwaben zu ziehen, ist vermutlich jedem klar. Und trotzdem musste ich und jeder klar denkende Mensch in Aachen letztens derartiges lesen. Ihr ahnt es schon: es geht immer noch um die Straßenbahn, die am 10. März mit überwältigender Mehrheit von den Bürgern abgelehnt worden ist.

Jetzt möchte ich hier nicht die inzwischen abgeschlossene Diskussion wieder aufwärmen, und es gibt sicher gute Argumente gegen die Einführung einer Straßenbahn in Aachen. Leider habe ich kaum welche gehört.

Häufig gehörte Argumente gegen den Bau waren die desaströsen (im gewissen Sinne gescheiterten) Großprojekte „Berliner Flughafen“ und „Elbphilharmonie“, außerdem die wahrhaft unglücklichen aachener Eigengewächse „Tivoli“ (das überdimensionierte aachener Fußballstadion, dass für den Niedergang der Alemannia mitverantwortlich ist) und das „Bauhaus Europa“ (ein ebenfalls durch Bürgerentscheid abgelehntes Bauprojekt eines längst abgewählten und leicht geltungssüchtigen Bürgermeisters).

Noch ein tolles Argument: „Wenn 90% des Stadtrates dafür sind, dann muss etwas daran faul sein.“ (!!)

Um die Gültigkeit eines Arguments festzustellen, sollte man zwei Sachen überprüfen:

  1. Stellt das Argument einen logischen Schluss dar? Das ist schon mal ein guter Anfang 🙂
  2. Kann man mit diesem Argument auch zu unplausiblen Schlüssen kommen? Dann ist das Argument leider unbrauchbar.

In der Regel wird nur anhand von 1. argumentiert: Man streitet darüber, ob die Erfahrungen aus dem Tivoli-Bau auf den Bau einer Straßenbahn übertragbar sind; man diskutiert die Klüngelei im Stadtrat. Man kommt zu unterschiedlichen Ergebnissen, schön und gut.

Aber was ist mit 2.? Betrachten wir mal eine unstrittige Investition, z.B. die Schulträgeraufgaben der Stadt Aachen. Können wir die obigen Argumente auch gegen den (gesetzlich vorgeschriebenen) Betrieb von Schulen verwenden? Leider ja: Sie kosten auch viel Geld (ein vielfaches der hypothetische Straßenbahn) machen wahnsinnig viel Aufwand mit ihren sieben Schulformen und der Schülerbeförderung und dem Medienzentrum und der Schulaufsicht, beschäftigen hunderte Mitarbeiter  – und der Stadtrat ist vermutlich sogar zu 100% dafür.

Obwohl also diese Aufgaben unstrittig und sogar gesetzlich vorgeschrieben sind, können wir sie mit den Argumenten „Tivoli“ und „Stadtrat“ ablehnen. Daraus folgt, dass diese Argumente in ihrer jetzigen Form nicht gültig sind. Solche Argumente sind eine Form von Totschlag-Argumenten. Das jedenfalls ist die Überprüfung nach 2.

Der Mathematiker spricht hier von Fehlern 1. und 2. Art:

Einen Fehler 1. Art macht man, wenn man eine Veränderung des Ist-Zustandes herbeiführt, obwohl sich dadurch die Situation verschlechtert; wenn man also ein bestehendes Medikament durch ein weniger wirksames ablöst, oder eine Straßenbahn baut, wo es besser gewesen wäre, es sein zu lassen. Vorrangiges Ziel bei statistischen Entscheidungs-Verfahren ist es, die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Fehlers 1. Art ausreichend gering zu halten.

Eine einfache Möglichkeit, Fehler 1. Art vollständig zu vermeiden, wäre es, niemals etwas zu ändern. Das ist gerade das stockkonservative Vorgehen mancher argumentativet Totschläger. Um solchen Leuten was entgegenzusetzen, gibt es in der Statistik eben auch den Fehler 2. Art: Diesen macht man dann, wenn man den Ist-Zustand beibelässt, obwohl eine Veränderung die Situation verbessert hätte; wenn man also ein wirksameres Medikament ablehnt oder eine dringend benötigte Straßenbahn eben nicht baut.

Der Grund, warum man sich über das Eintreten solcher Fehler überhaupt Gedanken machen muss, ist, dass man Entscheidungen stets unter Unsicherheit trifft. Man weiß nicht wirklich, ob ein neues Medikament besser als ein bestehendes ist: man weiß nur, bei wie vielen von 100 Versuchpersonen das eine Medikament gewirkt hat, und bei wie vielen von 100 Versuchpersonen das andere Medikament gewirkt hat. Und anhand dieser Daten muss man nun eine Entscheidung treffen.

Der Bau einer Straßenbahn ist natürlich nur viel kniffliger – denn da kann ich keine Versuchsreihe machen. Stattdessen gibt es aber andere Städte, die Straßenbahnen eingeführt haben oder eben nicht. Eine zielführende Diskussion hätte die Erfahrungen aus den anderen Städten berücksichtigt, um die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Fehlers 1. Art (Straßenbahn bauen, obwohl „falsch“) gering zu halten; aber eben auch keine Totschlagargumente zugelassen, denn diese heben die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Fehlers 2. Art (Straßenbahn nicht bauen, obwohl „richtig“) auf 100%!

Zum Trost für mich und zur Belohnung all derer, die bis hierhin durchgehalten haben, folgendes Liedchen:

Und weil es so schön war, hier noch mal das deutsche aus Italien auf englisch über Amerika.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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2 Antworten zu Schnaps in Sankt Kathrein

  1. Nesselsetzer schreibt:

    Du glaubst immer noch daran, dass politische Entscheidungen rein logisch aufgrund logischer Argumente getroffen werden (sollten)? Hö… hö…. hö… 😉

  2. Pfeffermatz schreibt:

    Ja, ja, „sollten“! Gerade erst gestern erzählte mir ein Bekannter von seinen früheren Erfahrungen als sog. „sachkundiger Bürger“ im lokalen Kulturausschuss. Fazit: das Abstimmungsverhalten der Koalitionsparteien wurde grundsätzlich beim wöchentlichen Frühstück in der Wohnung von Politikerin X ausgeschachert. Ich möchte gar nicht wissen, was in der Bundespolitik los ist. Die sehr erfolgreiche TV-Serie „The West Wing“ (1999 – 2006, USA) hat das wohl umfassend dargestellt (habe ich allerdings nie gesehen – da weder Cowboys noch Superhelden noch Zombies noch Außerirdische darin vorkamen).

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