Lyrische Definition des Begriffs „Baum“

Bezugnehmend auf Brechts Exilgedicht An die Nachgeborenen mit der berühmten Zeile

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!

dichtete Walter Helmut Fritz 1975 das Gedicht Bäume:

By Dezidor (Own work) [CC-BY-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

By Dezidor (Own work) via Wikimedia Commons

Wieder hat man in der Stadt,
um Parkplätze zu schaffen,
Platanen gefällt.
Sie wussten viel.
Wenn wir in ihrer Nähe waren,
begrüßten wir sie als Freunde.
Inzwischen ist es fast
zu einem Verbrechen geworden,
nicht über Bäume zu sprechen,
ihre Wurzeln,
den Wind, die Vögel,

die sich in ihnen niederlassen,
den Frieden,
an den sie uns erinnern.

Da dieses Gedicht für sich spricht, muss ich mir keine weiteren Worte dazu einfallen lassen. Mehr Raum für Interpretation lässt Günter Eich mit seinem Haiku namens Vorsicht:

Die Kastanien blühen.
Ich nehme es zur Kenntnis,
äußere mich aber nicht dazu.

Allerdings fällt mir auch hierzu nichts ein. Aber das ist vielleicht der Sinn bzw. Unsinn von Eichs Gedichten.

Was mir als Mathematiker ganz allgemein an Baum-Gedichten auf- und missfällt, ist dass zwar ebenda über Bäume gesprochen oder eben nicht gesprochen wird – allerdings ohne dass der Begriff „Baum“ an sich vorher definiert wird. Somit bleibt „Der Baum“ an sich im nebeligen Zustand des Konzeptionellen, Nicht-Festgelegten verhaftet. Im Sinne einer klaren und auch gewagteren Denkanstößen gegenüber strukturell stabilen Lyrik ist diese von Faulheit zeugende Unachtsamkeit natürlich nicht hinnehmbar.

Ich habe beschlossen, diese Definitionslücke höchstpersönlich zu füllen. Voilà:

———————

Definition: Baum

Steht ein Ahorn im Raum,
So nennt man das „Baum“.
Wenn zwei Weiden im Vektor das Ufer säumen,
So spricht man von „Bäumen“.
Und mehrere Tannen in Matrix-Gestalt
Nennt man „Wald“.

Der Körper der Kiefer steht recht stramm –
Das ist der „Stamm“.
Geformt ist er wie ein Zylinder;
Es ist hart da drin. Der
Fachmann sagt stolz:
„Das ist Holz“.

Den Rand, auch bei der Linde,
Bezeichnet man als „Rinde“,
Und bildet – man glaubt es kaum –
Den Übergang zum Außenraum.

Wird am unteren Ende der Stamm gegossen,
So bleibt oben er nicht abgeschlossen,
Sondern bildet Untermengen,
Die sich weiterhin verengen
(So dass einer noch neben dem anderen passt) –
Ein solcher Unterstamm heißt „Ast“.

Ein derartiger Ast, ob hoch, ob tief,
Teilt sich weiter, rekursiv,
Und ab der vierter Iteration
Spricht man statt „Ast“ von „Zweigen“ schon.

Die Ast-Zweig-Folge bei den Birken
Muss eine Dimension verwirken
Und mündet so zur Sommerszeit
In einer Untermannigfaltigkeit:
Sie ist endlich, folglich konvergent,
Und endet eher vehement
In ein Flächenelement,
Welches man mit „Blatt“ benennt.

Viel ärger ist es bei den Fichten.
Da sind sie nicht mal flach – mitnichten! –

Die Blätter, sondern eindimensional,
Und heißen „Nadeln“ allemal.

Am untersten Ende sollen Eichen
Tief noch in die Erde reichen.
Diese Projektion in den Unterraum
Sind die „Wurzeln“ von dem Baum.

—–

Das war’s: Mein Bäume-Manifest –
In Formeln und in Vers gepresst.
Mehr zum Thema weiß ich nicht,
Und somit endet das Gedicht.
Ihr müsst darin nicht lange suchen,
Nach Kastanien oder Buchen.
Auch zu Pappeln oder Eiben
Wußte ich einfach nichts zu schreiben
Selbst zur Platane und zur Zeder
Floss rein nichts aus meiner Feder.
Und Araukarien, Baobabs und Eschen,
Hab ich vergeschen.

Doch ich hab‘ kein Wort erlogen
Darauf ist bei mir Verlatz.
Aus dem Verein der verhinderten Biologen
Grüßt Euch Pfeffermatz!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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12 Antworten zu Lyrische Definition des Begriffs „Baum“

  1. Nesselsetzer schreibt:

    Verlatz? VERLATZ????

    Wenn dichtet unser Pfeffermatz
    der häufig witzig wie ein Spatz
    und manchmal schelmisch in ´nem Satz
    ein Wort benutzt, das für die Katz´.

    Dann war der Matz wohl in der Hatz
    in Eile schrieb er diesen Satz
    das Richt´ge kam grad nicht zupatz
    und schrieb deshalb das Wort Verlatz.

    😉

    • Pfeffermatz schreibt:

      Ach, und ich hatte gehofft, das Kunstwort fällt nicht weiter auf… aber du hast die Lage voll erfasst (außer „Satz“ fiel mir kein Reim ein) und dichterisch einwandfrei umgesetzt. Ich freue mich auf zukünftige Gedichte von Dir!

      • Nesselsetzer schreibt:

        Da muss ich Dich enttäuschen – es gibt ein paar Sachen, von denen ich absolut nichts verstehe, nämlich von Sprache, Grammatik und Dichtkunst. Gleichwohl wird mir hin und wieder gesagt, dass ich ein ausgezeichnetes Gefühl dafür hätte, und ein befreundeter Mensch meinte gar, ich würde streng nach den lateinischen Regeln schreiben. Meine äußerst professionelle Antwort darauf: „Wat?“ 😉

  2. Petra Wiemann schreibt:

    Jetzt bin ich wirklich gespannt auf die kommenden Gedichte des verhinderten Biologen: z.B. die Gedichte über Käfer oder Vögel oder Insekten … Das Talent ist jedenfalls vorhanden 😉

    • Pfeffermatz schreibt:

      Danke! Mal schauen, schließlich ist mein biologisches Fachwissen ungeahnt tief. Nur die einzelnen Bäume auseinander halten kann ich noch nicht. Bei Käfern geht es mir genauso – ich weiß aber, dass sie eher klein sind, viele Beine haben und essbar sind. das muss doch für eine epische Verarbeitung reichen!

  3. Petra Wiemann schreibt:

    Ups, ich meinte natürlich „und andere Insekten“, denn Käfer gehören ja dazu.

  4. tinyentropy schreibt:

    Wie kann ich meine verzückte Sprachlosigkeit ausdrücken, ohne unhöflich und mundfaul zu erscheinen? Sehr gelungen!!!

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