Eine wundervolle Tour ins Unglück

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Karl und Emmi machen eine Fahrradtour. Sie fahren morgens los, durch Wiesen und Wälder, und erreichen schließlich das hübsche Städtchen Insburg, welches sie durchqueren. Die Stimmung ist wunderbar, die vormittägliche Sonne scheint. Das Leben ist schön.

Nach einer weiterer Fahrt, auf welchem sie einen idyllischen Badesee umrunden, kommen sie nach Weidorf. Auch dieses Städtchen gefällt den beiden wunderbar, und nach  einer kurze Mittagspause finden sie sich bald auf einer ruhigen Landstraße Richtung Küste wieder. Eine sanfte Brise trägt das Zwitschern der Vögel zu ihnen. Das Leben ist schön.

Karl wird unruhig. Vor langer langer Zeit hat er gehört, dass Rittweide ein schönes Fleckchen Erde sein soll, durch das man wunderbar Fahrrad fahren kann.
„Lass uns nach Rittweide fahren“, sagt er.
„Rittweide?“ fragt Emmi. „Das liegt doch gar nicht auf unserem Weg.“
„Aber dort ist es so schön“, sagt Karl.
„Aber hier ist es auch schön“, sagt Emmi. „Und wir sind auf dem Weg zur Küste, wo es auch sehr schön sein soll.“

Karl ist nicht mehr glücklich. Denn zu einer schönen Fahrradtour – so hat er gelernt – gehört eine Fahrt durch Rittweide:
„In Rittweide gibt es eine schöne Altstadt, und einen See, und tolle Fahrradwege, und … -“
„Aber das haben wir jetzt auch schon alles gehabt. Und Rittweide liegt einfach nicht auf unserem Weg,“ argumentiert Emmi.
„Wenn wir hier querfeldein fahren, dann können wir es schaffen!“
„Ich bezweifele, dass wir dazu die Kraft haben werden, und dass unsere Räder das aushalten. Sicherlich ist Rittweide schön – aber eine Fahrt dahin passt einfach nicht zu unserer jetzigen Tour. Und warum der Stress: Was wir hier haben, ist doch auch schön.“

Doch Karl lässt sich nicht beirren: „Wenn wir nicht durch Rittweide fahren, dann war diese Tour für mich nicht schön.“ Und er lenkt sein Fahrrad von der Straße aufs Feld. Emmi fährt ihm hinterher.

Der Weg ist steinig. Karl stürzt und steht wieder auf. Ein Reifen muss geflickt werden. Er stürzt wieder. Als sie – erschöpft und mit verbogenen Felgen – eine Schlucht erreichen, gibt Karl endlich auf. Niedergeschlagen schiebt er sein Fahrrad den Weg zurück zur Straße.

Dort angekommen, reparieren sie ihre Fahrräder, rasten, trinken und essen was, und fahren weiter Richtung Küste. Doch Karl bleibt untröstlich: „Ich habe versagt“, sagt er. „Jetzt könnte ich es schaffen“.
„Nein“, sagt Emmi. „Ersten glaube ich nicht, dass du es diesmal schaffen würdest; denn selbst wenn du jetzt wieder Kraft und ein funktionierendes Fahrrad hast – es gibt von hier aus immer noch keinen geeigneten Weg nach Rittweide. Und zweitens glaube ich gar nicht, dass diese Fahrradtour schöner wäre, wenn wir Rittweide erreichen würden. Wir wären zu müde und erschöpft, um die Gegend zu genießen. Und unsere Erinnerungen an Insburg und an Weidorf wären weniger stark. Und wer weiß, ob wir dann überhaupt noch die Küste in einem Stück erreichen würden.
„Wir brauchen Rittweide gar nicht, um eine schöne Tour zu machen. Lass dich nicht von der festen Vorstellung an Rittweide diese Tour verderben.“

Man verpasst das naheliegende Glück durch das Festhalten an – womöglich unpassenden – Vorstellungen von dem, was Glück zu sein hat.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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3 Antworten zu Eine wundervolle Tour ins Unglück

  1. gnaddrig schreibt:

    Ein klasse Bild hast Du da. Selbstgebaut?

    • Pfeffermatz schreibt:

      Und ich wollte mich schon bedanken, weil ich dachte, du meinst das sprachliche Bild, also die Metapher Leben = Fahrradtour.
      Aber beim zweitenLlesen ist mir klar geworden, dass du das Foto meinst 😉 Das habe ich unter dem Stichwort „Fahrradtour“ ergoogelt und kommt von einer „Wallpaper“-Seite (und ist zum freien Download, also keine Copyright-Verletzung!).

      • gnaddrig schreibt:

        Das sprachliche Bild ist auch gut, aber ich meinte tatsächlich das Foto. Und ich wollte auch nicht auf Copyrightfragen hinaus, mir gefällt das Bild einfach 🙂

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