La hygiène

Auf Flohmärkten stößt man häufig auf unerwartete Sachen, so ähnlich wie im non-food Bereich von ALDI. Eine echt freudige Überraschung fand ich letztens – neben einem Brettspiel und ein paar Büchern – auf dem hiesigen (Aachener) Altstadt-Flohmarkt: eine Bestätigung meiner Vorurteile gegenüber der französischen Hygiene.

Wobei Vorurteil nicht ganz das richtige Wort ist, schließlich kann ich nach etlichen Jahren hoher Frankreich-Frequenz inzwischen auf einige Erfahrung zurückgreifen. Eine dieser Erfahrungen ist die stete Herausforderung, vom Auto bis zur Haustür meiner Schwiegereltern zu gelangen, ohne in einen Hundehaufen zu treten. Und ein Spaziergang durch ihre nordfranzösische Kleinstadt endet immer (und damit meine ich „mathematisch zu 100%“) mit crotte de chien am Schuh.

von WolfgangE (Self-published work by WolfgangE) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) oder CC-BY-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.5)], via Wikimedia Commons

Qu’est-ce que c’est? Alors – ein französisches Katzenklo!

Überhaupt scheint Kot in Frankreich nicht in den Ruf stehen, besonders unhygienisch zu sein, schließlich ist es dort absolut unüblich, sich nach dem Stuhlgang die Hände zu waschen. Genaugenommen ist dies in der Regel nicht mal möglich, da in vielen französischen Häusern in der Nähe der Toilette nicht mal ein Waschbecken zu finden ist. Das gilt übrigens nicht nur für alte Häuser: mir fallen direkt zwei Haüser in Frankreich ein, eines im Norden, eines im Süden, beide keine zehn Jahre alt, bei denen das WC waschbeckenfrei gestaltet ist (meine persönliche Studien anhand kritischer Beobachtungen bestätigen übrigens, dass der Franzose an sich tatsächlich auch nicht anschließend auf der Suche nach einer Handwasch-Möglichkeit durchs Haus wandert. Dafür bin ich auch ein bisschen dankbar, denn das nächste Waschbecken befindet sich in aller Regel natürlich in der Küche, und dort sollten Fäkalien eher wenig zu suchen haben).

Für den Fall, dass der hastige Leser meine obigen Ausführungen überlesen haben mag, hier noch mal in aller Deutlichkeit: Es gibt in ein zivilisiertes Land in Westeuropa, in dem – selbst in neu gebauten Häusern aus diesem Jahrtausend – die theoretische Möglichkeit des Händewaschens nach dem K*ck*n architektonisch nicht vorgesehen ist!

Und damit zurück zum Aachener Flohmarkt. Dort trafen wir hinter einem Krimskrams-Stand ein Renterpärchen: sie Deutsche, er Franzose. Sie waren seit siebzehn Jahren ein Paar und wohnten jeweils die Hälfte des Jahres in Deutschland und in Frankreich. Dass der Mann Franzose war, erfuhren wir dadurch, dass ich ihn (auf deutsch) ansprach, und er mich nicht verstand (eher ungünstig als Standbesitzer, oder?). Dafür aber war er von meiner Patrouille de France-Schirmmütze ganz angetan. Von seiner Frau erfuhren wir dann, dass er nach siebzehn halben Jahren in Deutschland noch kaum ein Wort Deutsch konnte, was ganz andere Vorurteile bestätigt, hier aber nicht Thema sein soll 😉

Nachdem wir uns als Zur-Hälfte-Franzosen outeten, entspann sich ein langes Gespräch – nein: zwei lange Gespräche, das eine zwischen den zwei anwesenden Franzosen, das andere zwischen mir und der netten Pensionärin. Was sich meine Frau und der Retraité zu erzählen hatten, weiß ich nicht, aber Frau Standbesitzerin und ich hatten sofort ein gemeinsames Thema – welches mit folgendem Ausspruch ihrerseits begann:

Es gibt für mich Frankreich und den Rest Europas- Europa ist sauber, und Frankreich ist DRECKIG!

So drastisch würde ich es nicht ausdrücken wollen… bin aber froh, dass meiner Flohmarkt-Bekanntschaft dies für mich übernommen hat. Wir erinnern uns: es handelt sich um eine Frau, die la France genug liebt, um das halbe Jahr dort zu verbringen. Und falls sich einer fragt, was meine Frau dazu sagt: auch sie ist keine Freundin drastischer Worte, ärgert sich aber bei jedem Besuch in ihrer alten Heimat über den Dreck, manchmal mehr noch als ich. In der Straße meiner Schwiegereltern fühlt sich auch keiner für den Bürgersteig oder die eigene Häuserfassade zuständig – das ist schon ein bisschen traurig.

Gerade kommen wir übrigens aus unserem Sommerurlaub in der Ardèche zurück. Das erwähne ich, weil ich auch was Positives berichten wollte. Dort fanden wir hauptsächlich wunderschöne und vor allem saubere Städtchen vor. Vielleicht liegt es daran, dass die Gegend dort sehr touristisch ist. Im wunderschönen ganz aus Stein gebauten Städtchen Balazuc trafen wir zwar auf und in den einen oder anderen Hundehaufen, der in den steinigen Gassen gerade in der Mittagshitze besonders übel herausstach, aber ob dieses Häuflein einer der 341 Einwohner oder eher einer der tausenden Touristen zu verantworten hat, kann ich nicht sagen.

By Stefan Bauer, http://www.ferras.at (Own work) [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)], via Wikimedia Commons

Eine sauberes Fleckchen Frankreich – das Hôtel-Dieu in Beaune.

Und ob die Häuser dort Waschgelegenheiten in den Toiletten haben, weiß ich nicht – würde ich aber eher bezweifeln. Auf der Rückfahrt machten wir in Beaune (berühmt für seine wirkliche sehenswerte Hospiz aus dem 15. Jahrhundert) südlich von Dijon halt. Dort suchten meine Frau und meine Kinder eine öffentliche Bedürfnisanstalt auf – und wurden trotz der 50 Cent Gebühr von der „Klofrau“ angemacht, weil sie beim Händewaschen den Waschbeckenrand nass gemacht hatten! Die Reinigungskraft war es wohl nicht gewohnt, dass diese komische Schüssel mit dem Wasserhahn von den Gästen verwendet wurde.

Auf der Hinfahrt dagegen hielten wir morgens auf einem stinkenden mit Müll übersäten Rastplatz, just in dem Moment, als ich in meiner Beifahrerlektüre Life of Pi auf die Stelle stieß, wo der Autor Yann Martel die Angewohnheit von Hyänen beschrieb, sich in ihrem eigenen Urin zu wälzen. Aber das war sicher nur Zufall. Sollte irgendein Leser hieraus eine völlig unangebrachte, unpassende, unverschämte und unsonstirgendwasige Parallele zwischen Franzosen und Hyänen ziehen wollen, so würde ich dies zutiefst verurteilen. Außerdem gibt sich Martel (beziehungsweise der Ich-Erzähler) danach viel Mühe, die hohe soziale Intelligenz der Hyänen herauszustellen.

Auch Franzosen besitzen eine hohe soziale Intelligenz.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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