Die Seuche der Unzufriedenheit

Letztens unterhielt ich mich während der Tennisstunde meines Sohnes mit meinem Bekannten Heiner. Er beschwerte sich über den Unterricht und überlegte, seinen Sohn wieder zurück zum ehemaligen Verein zu wechseln, von wo aus er gerade vor wenigen Wochen (aus mir unbekannten Gründen) in den unseren gewechselt hatte. Er fragte mich, ob mein Sohn mit ihm wechseln mochte.

Meine Antwort war ein klares „nein“. Zwar stimmte es, dass der Tennislehrer etwas lasch war und dass das Training häufig mit fünf bis zehn Minuten Verspätung begann, aber es stand auch einiges auf der Plus-Seite: Es gab noch zwei zusätzliche, deutlich stringentere Hilfstrainer; alle drei Trainer waren unglaublich lieb, und die anderen Kinder waren alle nett, so dass mein Sohn – sonst schwer für Sport zu begeistern – selber äußerst glücklich über seinen Tennisunterricht war; und nicht zuletzt passten uns sowohl der Ort wie auch die Trainingszeiten ganz hervorragend.

Nichtsdestotrotz versuchte Heiner weiter, mich zu überreden: ich könne es ja mal probieren, vielleicht mal ein Probestunde machen, vielleicht gefällt es uns… Irgendwann gab er es auf, doch es hing die unausgesprochene Aussage im Raum:

Irgendwo anders könnte es doch besser sein.

Meine unausgesprochene Antwort darauf lautet:

Es ist sogar ganz sicher irgendwo anders besser. Ja und?

Manchmal bin ich halt zufrieden, und was will ich dann mehr? Zufriedenheit ist ein schwieriger Begriff, denn er wird häufig im Sinne von „so lala“ missbraucht, wie im resignierten „ach, ich bin schon ganz zufrieden, was soll ich denn machen…“ Das ist natürlich nicht Zufriedenheit, sondern eher das Gegenteil. Echte Zufriedenheit ist erfüllend und gibt innere Ruhe. Sie ist eine Voraussetzung für das Glück und ist – wie das Glück – erlernbar.

Vor einigen Jahren besuchte ich ein Seminar, bei welchem der Referent auch auf das schöne Thema „Glück“ einging. Dabei bat er die Teilnehmer, zu verschiedenen Lebensbereichen (in dem Fall waren es berufsbezogene Themen, wie Work-Life-Balance, Beziehung zu den Kollegen oder berufliche Tätigkeit) seine jeweilige Zufriedenheit auf einer Skala von 1 bis 10 zu bewerten. Über alle Themen und Teilnehmer waren die am häufigsten vergebenen Noten 7 und 8. Dazu stellte der Referent gerne die Frage „Warum hast du hier eine acht vergeben?“ Die klassische Antwort lautete z.B.: „Naja, eigentlich bin ich mit meinen Kollegen ganz zufrieden, es gibt da kaum nennenswerte Probleme… aber es könnte natürlich besser sein, denke ich.“

Aha, man hatte also in der Bewertung etwas Luft nach oben gelassen. Dabei hatte der Referent aber gar nicht gefragt, ob es besser sein könnte – denn besser, das geht doch immer. Die Frage war eigentlich die nach der Zufriedenheit gewesen.

Und das ist doch der Knackpunkt. Bin ich nur dann zufrieden, wenn es nichts Besseres gibt? Dann verdamme ich mich selbst zu einem Leben voller Unzufriedenheit, ergo Unglück.

Und da wo man „echt“ unzufrieden ist, weil einen konkret etwas stört (und sei es das Gefühl, dass man etwas verpasst), da sollte man ohne Umschweife tätig werden – ganz klar. Häufig ist es aber leider die Heiner’sche Grundeinstellung, die einen treibt: hier ist es nicht perfekt, lass uns woanders schauen.

Also hier mein Gebot des Tages: Akzeptiere keine Unzufriedenheit – ändere die Umstände oder erlaube es dir, zufrieden zu sein!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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8 Antworten zu Die Seuche der Unzufriedenheit

  1. cloudette schreibt:

    sehr schön!

  2. gnaddrig schreibt:

    Zufriedenheit ist ein schwieriger Begriff, denn er wird häufig im Sinne von “so lala” missbraucht, wie im resignierten “ach, ich bin schon ganz zufrieden, was soll ich denn machen…”

    Ja, Zufriedenheit passt nicht recht in die heutige Zeit mit der Philosophie der gnadenlosen Selbstoptimierung, des immerwährenden Strebens nach oben. Zufriedenheit ist für Schlaffis, die es nicht gebacken kriegen, sich was Besseres zu beschaffen. Zufriedenheit ist das Opt-out für Verlierer, die mit den hippen Selbstverbesserern nicht mithalten können und sich einreden, es gehe ihnen ja trotzdem gut. Zufriedenheit ist Kapitulation.

    Warum Golf fahren, wenn Du es mit einem bisschen Anstrengung zum Audi A6 bringen kannst oder zum Porsche? Warum das Kind in einem egalen Vorstadtverein Bälle dreschen lassen, wenn der Trainer im Nachbarort vielleicht den Boris Becker aus dem Jungen herauskitzeln könnte? So läuft das heute. Kein Wunder sind alle nur am Jammern und Meckern. Völlig ungesund, das…

    • Pfeffermatz schreibt:

      Respekt – ich bin mit deinem Kommentar absolut zufrieden! Wenn ich Kommentare „liken“ könnte, dann würde ich 🙂
      Im ernst: Der erste Absatz deines Kommentars ist absolut druckreif – ich wünschte, ich könnte so schreiben. Offenbar bin ich nicht der einzige, den die die Dauerunzufriedenheit der anderen ratlos macht.

  3. Anna-Lena schreibt:

    „Akzeptiere keine Unzufriedenheit – ändere die Umstände oder erlaube es dir, zufrieden zu sein!“
    Genau das brauchte ich jetzt gerade.
    Mein Rotstift und ich haben beschlossen, mit dem zufrieden zu sein, was wir im Vorfeld gemacht haben, mit den Folgen haben wir nichts zu tun 🙂 .

    LG Anna-Lena

  4. Anonymous schreibt:

    „Echte Zufriedenheit ist erfüllend und gibt innere Ruhe“. Das ist eben der Knackpunkt. Denn solange man die innere Ruhe nicht besitzt, können Dinge oft nicht als erfüllend betrachtet werden. Hätte man die Naivität eines Kindes behält, wäre es einfacher echt zufrieden zu sein. Leider verlernt man vieles, während man denkt, man soll Dinge nicht so naiv betrachten. Also versucht man vieles zu erlernen, damit man zufrieden ist und somit auch glücklich. Aber wer ist denn hier eigentlich man….
    Viele liebe zufriedene hannoversche Grüße 🙂

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