Die Seuche der Seuche.

Ich leide an einer Art Seuche. Es fing damit an, dass ich seit Anfang letzter Woche Diverse Schmerzen hatte. Dazu gesellten sich Mitte der Woche eine Schlechte Laune. Diese führte zu Krach mit Menschen. Ende der Woche gab mir mein Hausarzt Viele Dicke Tabletten und eine Krankschreibung.

Die Seuche verlief ehe unspektakulär bis Mitte dieser Woche, als mich dann ein kurzer Seuchenschub aus dem Hinterhalt erwischte. Erst kam es zu einer derben Verschlafung, als ich eigentlich das Mittagessen für ein schulheimkehrendes Kind hätte vorbereiten sollen. Im klingelgeweckten Stehtiefschlaf schob ich dann Tiefkühlfischdinger in den Ofen. Ich legte sie auf den Rost, um sie nicht „nach halber Backzeit“ umdrehen zu müssen. Sie tropften. Das Herausgetropfe brannte sich am Boden des Ofens fest. Es stank. Ich stellte eine tropfmasseauffangbereite Auflaufform unter den Fisch. Zehn Minuten später: gleiches Spiel, ersetze „Boden des Ofens“ durch „Auflaufform“. Mir fiel ein, dass ich etwas Wasser in die Auflaufform hätte füllen sollen. Habe ich nachgeholt. Es gab Versprengung und Zersplitterung. Mein Abwehrsystem reagierte mit Fluchung, der Rauchmelder mit durchdringender Piepsung. Wir aßen.

fish skeleton

Photos by artist Erin Metcalf of Eirewolf Creations.

Ich entfernte die Bruchstücke der Auflaufform aus dem Ofen. Sie waren ölig. Um unseren Mülleimer nicht unnötig zu beölen, wischte ich die Bruchstücke in der Spüle ab. Dabei kam es aufgrund der Schärfe des gebrochenen Porzellans zu tiefen Verschnittungen in zwei Fingern meiner linken Hand. Die Fluchung nahm zu.

Der Abend nahte, inzwischen war der Rest der Familie zuhause. Es wurde ein frisch eingetroffenes schulkindgerechtes Laptop entpackt und hochgefahren. Statt Windows-8-Hintergrund erschien Linux-Prompt. Laut Hersteller-Angabe hätte unter Linux wenigstens eine grafische Oberfläche erscheinen müssen, laut eigener Vorstellung wäre Windows richtig gewesen. Folglich: vorsichtige Wiedereinpackung mit anschließender Verblutung auf dem Karton aus durch kartoffelputzig aufgeweichten Fingerschnittwunden. Erste Ansteckung der Fluchung auf Ehefrau bemerkbar.

Danach musste terminbedingt trotz wütender Seuche von einem weiteren Laptop ein Verzeichnis gepackt und auf ein USB-Stick gesichert werden. Der Versuch misslang, es kam zu einer endgültigen Löschung der zu sichernden Daten mit unübersehbaren Folgen, weiterer Fluchung und lieberinsbettgehende Empfehlungen seitens des Partners. Ich zog den Stecker des Laptops aus der Steckdose. Es klemmte. Mein Ellbogen berührte eine Stehlampe. Diese Berührung führte zu einer Zerbrechung der Leuchtstofflampe. Die darauffolgende Entfernung der Lampe aus dem Wohnbereich mit Empfehlung des Ausweitens dieses Vorgang auf meine Person wurde von meiner Frau durchgeführt. Ich zeigte Widerstand durch selbstständige, behandschuhte und vor allem unfallfreie Fegung, Staubsaugung, Birnenersetzung und Wiederhinstellung. Angesichts dieses Erfolges ging ich zufrieden ins Bett.

Der nächste Tag verlief wieder fast unspektakulär, bis auf folgende absolut erzählenswerte Anekdote:

Ich machte einen Spaziergang, um eine kindergeburtstägliche Schnitzeljagd vorzubereiten. Im Laufe dessen stand ich an der Hauptstraße unseres Dorfs, vor dem Anschlagsbrett der Pfarrei und schrieb Daten ab (meine Schnitzeljagde sind gerne ein wenig anspruchsvoll).  Wie ich inzwischen weiß, ist dieses Brett links und rechts von niedrigen Hecken gesäumt, die den davor anschlagsbrettstudierenden Menschen aus Sicht der Autofahrer ein wenig verdecken. Irgendwann muss ich – die Ankündigungen lesend – meine Hände mit dem Schreibblock und dem Stift gesenkt vor mir gekreuzt gehalten haben.

Autos fuhren vorbei. Ein Auto hupte und hupte. Ich drehte mich nach rechts, in die Richtung schauend, aus der das Auto an mir vorbeirauschend ankam. Das Auto hatte ein belgisches Kennzeichen. Eine hässliche Frau älteren Semesters schrie mich aus dem Beifahrerfenster wütend an:

Pinkeln Sie doch dahin, wo es sich gehört!

(Ich wohne nahe der Grenze zum deutschsprachigen Teil Belgiens.)

Ich drehte mich noch in Richtung wegfahrendes Auto um und schrie ihr ein verdattertes „Was ist los?“ hinterher. Ich hoffe, dass sie dabei wahrgenommen hat, dass ich Schreibmaterial in den Händen hielt – und kein Körperteil. Damit sie sich schlecht fühlt, die verschrumpelte alte Kotzzicke. Ich stand jedenfalls noch eine Weile verdutzt da – so was war mir auch noch nicht passiert. Ich vermute mal, die Belgier kennen es nicht anders: wenn ein Kerl vor einem Anschlagsbrett steht, dann pisst er es wahrscheinlich an. Ist einfacher als Lesen.

Aber ich schiebe auch dieses Erlebnis auf die Seuche. Und auf die Belgier, natürlich. Wahrscheinlich kam der tropfende Fisch auch aus Belgien, würde mich nicht wundern.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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14 Antworten zu Die Seuche der Seuche.

  1. Harald schreibt:

    Obwohl ich natürlich mit Dir gelitten habe, muss ich zugeben, dass Deine Erzählung meinen Arbeitstag um mehrere Stufen im Spaßfaktors gehoben hat. Danke dafür!

  2. Anna-Lena schreibt:

    Da bewahrheitet sich mal wieder: ein Unglück kommt selten allein :mrgreen:
    Aber ich hoffe, du hast alles mit Bravour überstanden.

    LG Anna-Lena

  3. Nesselsetzer schreibt:

    Ich hoffe, bei Dir hat die Pechsträhne aufgehört, bei mir scheint sie gerade anzufangen. Als erstes funktioniert der „Gefällt mir“ Button bei mir nicht mehr. Mal sehen, was als nächstes kommt. Ansonsten fühlte ich mich bei Deiner Erzählung an einen allseits bekannten Sketch erinnert…

  4. tinyentropy schreibt:

    Gute Besserung … von Gesundheit, Laune und Glücksfaktor! Auf der steten Suche nach dem Glück wird es immer Rückschläge geben. In diesem Sinne, einfach weiter machen und Glück auf 🙂

  5. gnaddrig schreibt:

    Es gibt so Tage, manchmal auch mehrere hintereinander. Das geht vorbei. Hoffentlich bald! Aber sehr unterhaltsam geschrieben 🙂

    • Pfeffermatz schreibt:

      Humor ist meine Waffe und mein Selbstschutz… 😉 Überhaupt: dieser Artikel gehört jetzt schon zu meinen toppesten Artikeln. Dabei habe ich nicht recherchiert, nicht nachgedacht, sondern einfach nur mich ausgekotzt und dabei noch ein Nachbarvolk beleidigt. Ist es das, was ihr lesen wollt?! Ich bin gleichzeitig entsetzt und geschmeichelt über eure Begeisterung für mein Geschmiere 😉 Ach, ist das schön…

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