Father Browns Lesespaß

Ich erfreue mich gerade sehr an einem „Father Brown“-Buch voller Kurzkrimis von G. K. Chesterton, dessen Fälle vielleicht nicht ganz so raffiniert wie die von Agatha Christie und nicht ganz so spannend wie die von Arthur Conan Doyle aufgebaut sind, aber dafür deutlich mehr Humor und drollige Predigten beinhalten. Vielleicht kennt Pater Brown nicht jede Sorte Londoner Lehm, wie es sein Kollege Sherlock Homes tut, dafür aber alle Untiefen und Eigenheiten der menschlichen Seele, sowohl die guten wie auch die weniger guten.

Darin ist er manchmal ähnlich zur ebenfalls völlig unscheinbaren Miss Marple, die aber über Analogien zu Menschen in ihrem Heimatdorf St. Mary Mead arbeitet, während Father Brown sich wahrhaft in den Menschen hineinversetzt:

Ich warte, bis ich weiß, daß ich im Inneren eines Mörders bin, seine Gedanken denke, mit seinen Leidenschaften ringe; bis ich mich selbst in die Haltung seines kauernden und spähenden Hasses gebeugt habe; bis ich die Welt durch seine blutunterlaufenen und argwöhnischen Augen erblicke und zwischen den Scheuklappen seiner Schwachsinnigen Konzentration herausschaue […] Ja, das nenne ich eine religiöse Übung.

Bei Gericht, wo ein Poet (fälschlicherweise) vor der Verurteilung steht, sagt er:

Sie reden davon, daß einem Mann ein Gericht aus seinesgleichen zusteht. Warum also haben Sie keinen Gerichtshof aus Dichtern?

Er selbst zwar auch keiner („Danken Sie Ihren Glückssternen, daß ein Priester barmherziger sein muß als ein Dichter“), kann sich aber in ihn gut hineindenken. Vorurteile hat er natürlich auch, und die führen ihn in die Regel zum Ziel:

Wenn es aber einen Typus gibt, der gelegentlich dazu neigt, noch gottloser zu sein als der andere, dann ist es jene reichlich brutale Sorte Geschäftsmann. Er hat kein soziales Ideal, geschweige denn eine Religion; er hat weder die Traditionen des Gentleman noch die Klassenloyalität des Gewerkschaftlers. All sein Prahlen über gute Geschäftsabschlüsse ist praktisch ein Prahlen, andere Leute betrogen zu haben.

Und er weiß, warum ein Verbrechen geschieht:

Er wußte, daß eine Menge Männer […] tagelang sagen können, daß etwas getan werden sollte oder auch getan werden könnte. Aber wenn man einer Frau den Gedanken nahebringt, daß irgendwas getan werden sollte, besteht immer die furchtbare Gefahr, daß sie es plötzlich tut.

Der Krimi-Autor Chesterton zeigt auch Selbstironie, denn er lässt einen Polizeidetektiven sagen:

Unser Beruf ist der einzige, dessen Profis sich angeblich immer irren. Schließlich würde niemand Geschichten schreiben, in denen Friseure nicht Haare schneiden können, so daß ihnen ein Kunde helfen muß; oder in denen ein Taxifahrer nicht Taxi fahren kann, bis ihm sein Fahrgast die Philosophie des Taxifahrers erläutert (Anmerkung der Redaktion: damals gab es den Film Night on Earth von Jim Jarmush noch nicht!).

Am besten gefällt mir aber noch die Haushälterin, die über einen verdächtigen, weil denkenden, Landsmann „dunkel“ anmerkt:

Er mag ja vielleicht nicht gerade ein Ausländer sein, aber er ist kein solcher Narr, wie er aussieht. Ausländisch ist, was ausländisch tut, sage ich.

So gefällt mir das! Warum erst mühsam seine Vorurteile gegenüber „Ausländer“ begründen, wenn es auf die semantische Tour doch viel einfacher geht: Man setze ausländisch = böse = denkend – basta, und die oberschlauen Kotzbrocken hat man gleich mit abgefertigt! Da erlaubt sich Chesterton bei der Beobachtung seiner Mitmenschen deutlich mehr Sarkasmus als seine Kollegen.

Also: ich habe durchaus meinen Spaß bei der Lektüre, und kann somit alle fünf Bücher in der neuen Übersetzung von 2004 / 2005 sehr empfehlen, wenn ihr gerne Kurzweiliges und Rätselhaftes mögt.

Alle Zitate aus:
Gilbert Keith Chesterton: Father Browns Geheimnis (OT: The Secret of Father Brown). Zehn Geschichten. Haffmans, Zürich 1992, ISBN 3-251-20118-2. Neuauflage Haffmans, Zürich 1999, ISBN 3-251-20294-4. Neu aufgelegt im Area Verlag, Erftstadt 2005, ISBN 3-89996-182-X. Neu aufgelegt als Taschenbuch im Suhrkamp / Insel Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-458-35061-3
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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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