Meine Musikalische Früherziehung, Teil 1: Boys At Work

Auf folgendem Wege kam ich als zehnjähriger Matz zur Pop-Musik:

Zum Haus meiner amerikanischen Kindheit gehörte eine vollgestellte Garage, die es einmal im Jahr zu säubern galt. Dazu mussten mein Bruder und ich die Garage komplett ausräumen, ausfegen, und wieder einräumen. Dies war natürlich eine Tätigkeit von mehreren Stunden, zu der etwas musikalische Untermalung nicht schaden konnte, allerdings – je nach Musikrichtung – auch nicht selbstverständlich war.

Mein Bruder war in den Besitz des vermutlichen ersten Pop-Albums unseres Haushaltes geworden, nämlich dem damals mega-erfolgreichen Business As Usual von Men At Work (als Kassette). Wer sich nicht mehr erinnert: Men At Work (vor kurzem von mir hier vorgestellt) war die australische Band, die Anfang der Achtziger mit einem irre schielenden und hüpfenden Lead-Sänger und ihrem fröhlichen Reggae-Pop den berühmtesten Vertretern desselben, nämlich The Police, arg Konkurrenz machten. Ich sage nur: Down Under. Leider gingen sie auch als Musterbeispiel einer Band, die von einer geldgierigen Musik-Industrie buchstäblich zu Tode geritten wurde, in die Pop-Geschichte ein. Nach zwei Alben und zwei Jahren erzwungenes durchgängiges Touren brachen sie bei der Erstellung eines dritten Albums auseinander.

Jedenfalls fragte mein Bruder meine Mutter, ob wir die Kassette beim Garage-Säubern hören dürften – denn schließlich sei ja ich (ca. 10 Jahre alt!) dabei. Mama überlegte recht lange und gab dann widerstrebend ihr Erlaubnis. Nun mag manches aus meiner Erinnerung über die Jahrzehnte und durch häufiger Rezitation verfälscht und verzerrt worden sein – aber die Tatsache bleibt, dass es nicht selbstverständlich war, dass ich als Zehnjähriger Popmusik hören durfte.

Das war aber nicht weiter schlimm, denn musikalisch war ich bis dahin auch ohne „Pop“ voll ausgelastet – mit Folk und amerikanischen Standards und Country und dergleichen mehr, aber dazu wird in den folgenden Beiträgen einiges zu lesen sein. Außerdem scheinen sich die Vorbehalte meiner Eltern um die Zeit gelegt zu haben, denn die Hits der US-Charts der Jahre 1982 aufwärts sind mir alle derart präsent, dass ich ab da wohl viel Zeit vor dem Radio verbracht haben muss.

Ich hörte The Hooters und John Parr und Duran Duran und John Cougar und Chicago und Cars und Springsteen und McCartney und endlos so weiter. Michael Jacksons „Thriller“-Video war angeblich „a reeeeal movie!“ (aber natürlich hatten wir kein MTV), Queens „Radio Ga Ga“ wurde einen ganzen Sommer lang im Radio gespielt, und ich verfolgte begeistert wie Nenas „99 Luftballons“ – ein Lied aus dem Land meiner Eltern! – die Stufen von Casey Kasems American Top 40 erklomm – „floats up a notch to number two!“ – aber leider doch nicht Van Halens „Jump“ von der Nummer Eines verdrängen konnte. Für die Charts eines lokalen Radio-Senders durfte ich sogar mal anrufen, um meine Stimme für Nena abzugeben – was war ich stolz!

Kein Wunder aber, dass ich „Jump“ hasste. Da half es gar nicht, dass wir in unserer katholischen Grundschule mal ein christliches Prediger-Ehepaar zu Besuch hatten, die dem eher ungläubigen Aulapublikum in der Aula einzeln aufführten, warum quasi alle Rocksänger Satanisten seien. „Jump“ war deren Meinung nach jedenfalls ein klarer Aufruf zum Selbstmord, was ich sofort einsah, und danach sangen sie ein christliches Rocklied über eine 2000 Jahre alte Leiche, was mich weniger beeindruckte, auch wenn ich zu der Zeit überaus gläubig war. Auch wenn selbst unsere beinharte Schulleiterin – wie ich später erfuhr – über den dort verzapften Schwachsinn nur beschämt den Kopf schütteln konnte (sie hatte die ja eingeladen!), fiel die Kritik an „Jump“ bei mir auf durchaus fruchtbarem Boden: Gegen Nena, gegen Gott, geht klar.

Ich fürchte, dass ich heute noch „Jump“ mit schwarzen Messen und ominösen unterschwelligen Botschaften und so in Verbindung bringe, aber eigentlich höre ich das Lied überaus gerne, wenn’s mal im Radio läuft. „99 Luftballons“ dagegen hat sich inzwischen bei mir doch etwas abgenutzt – obwohl meine Kinder jetzt große Stücke darauf halten und beide den Text auswendig gelernt haben… – der Song hat wohl doch das Zeugs zum Evergreen.

Zurück bleibt, dass die Alben Business As Usual und Cargo meinen Einstieg in die Popmusik und in die Achtziger bildeten. Und obwohl ich die unbekannteren Lieder seit Jahrzehnten nicht mehr gehört hatte, war ich soeben bei der Auffrischung per YouTube angenehm überrascht, wie präsent sie mir noch sind.

Hier z.B. das skurrile Dr. Heckyll and Mr. Jive. Damals musste mir mein Bruder tatsächlich noch erklären, dass es sich beim Liedtitel um ein Wortspiel und nicht um einen unabsichtlichen Verdreher handelte – denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass solche künstlerische Freiheiten auf Pop-Alben erlaubt waren!

Hey hey, he’s cool in every way
Sometimes he loves to sing that old black magic

Übrigens räume ich heutzutage meine Garage selber aus, während mein achtjähriger Sohn auf dem Boden seines Zimmers liegt und auf seinem CD-Radio-Dingens Ritter RostThe Beatles und selbst schon mal ohrenbetäubenden Urban-Techno-Dancefloor-Was-Immer-Auch (eher unabsichtlich, aber gestört hat es ihn nicht!) hört. Ohne nachzufragen!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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4 Antworten zu Meine Musikalische Früherziehung, Teil 1: Boys At Work

  1. franhunne4u schreibt:

    Wir müssen um dieselbe Zeit herum groß geworden sein … Nur dass ich bei meinen Großeltern hier in Deutschland ganz selbstverständlich Popmusik hören und MTV sehen durfte. Und das „Thriller“-Video war ein wundervoller Kurzfilm!

  2. Pfeffermatz schreibt:

    Dann hattest du – so hoffe und vermute ich – tolle Großeltern 🙂

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