Meine Musikalische Früherziehung, Teil 2: Thank God I’m A Country Boy

Wenn ich bis zum Alter von Zehn wenig Popmusik hörte, was hörte ich stattdessen? Vor allem amerikanische Folk-Music, Country und viel Easy Listening. Dabei hatten wir gar nicht mal so viele Schallplatten in der Richtung – wenn ich an die Musiksammlung meiner Eltern denke, fallen mir eher ein: „Help!“ von den Beatles, eine Händel-LP namens „Händel With Care“ und irgendein Hamburger Hafenkonzert…

Es gab aber eine große, reiche, nie versiegende Quelle von Folk und Country: der Fernseher: In der Muppet Show gaben sich die Stars der Szene die Klinke in die Hand (in der ersten Staffel noch die B-Stars, später auch die A’s, wie Kenny Rogers, dessen Lied „The Gambler“ zu meinen Country-Favoriten zählt); und von der Titelmusik von The Dukes of Hazzard (meine absolute Lieblingsserie, bevor Knight Rider und später Airwolf den Bildschirm und mein Abenteurerherz eroberten) kriege ich noch heute Gänsehaut:

Just the good old boys… Someday the mountain might get them, but the law never will.

In Hazzard war es ein bisschen wie in Entenhausen: alle Beteiligten der Familie Duke waren Cousins und Cousinen und Onkeln – direkte Familienbeziehungen, die irgendwas unkeusches implizieren könnten, waren tabu. Als Kontrast zu dieser Prüderie gab es Cousine Daisy (siehe Video oben) in ihren arg weit oben abgeschnittenen Jeans und freizügigen Oberteilen, die – wie auch Prinzessin Leia – der Traum aller heranwachsenden Jungs war.

Der Schmuggel und das Schwarzbrennen von Alkohol waren dagegen gesellschaftlich anerkannt und offenbar als nicht jugendgefährdend eingestuft, schließlich war das die Hintergrundhandlung der Serie, auch wenn ich das als Kind kaum mitgekriegt habe. Im Vordergrund standen hauptsächlich die korrupte aber total trottelige Polizei, die den Dukes ungerechtfertigterweise das Leben schwer zu machen versuchte – und natürlich das Auto, General Lee, ein 69er Dodge Charger mit Konförderierten-Flagge auf dem Dach, zugeschweißten Türen, sagenhaften Flugqualitäten und einer Hupe, die „I Wish I Was in Dixie“ spielte. Cult! Und weil ich gerade so rührselig bin, könnt ihr hier hören, wie die alten Dukes noch mal ihr eigenes Titellied singen.

Auch The Fall Guy (A Colt für alle Fälle) hatte eine wunderbare countryesque Titelmusik, und nicht umsonst liebe ich heutzutage die äußerst gelungene Serie Justified mit dem großartigen Titelsong von Gangstagrass (das mir als Kind vermutlich nicht gefallen hätte!), die in ähnlichen Südstaaten-Gefilden spielt, nur sind die Guten jetzt die Polizisten – naja, so wird man halt älter…

Aber es gab auch Radio – ein Thema, dass ich im nächsten Artikel im Zusammenhang mit Easy Listening noch mal aufgreifen wollte -, doch beim Stöbern durch die Adult-Contemporary-U.S.-Charts der frühen 80er stelle ich fest, dass die Country Stars Dolly Parton und Kenny Rogers auch außerhalb ihres eigentlichen musikalischen Reviers sehr erfolgreich waren, und mit „Islands in The Stream“ sogar eine gemeinsame Nummer Eins hatten. Man sieht: In den USA ist der Country-Sound nie weit vom Mainstream entfernt.

Der Oberheld meiner Country-Tage war aber der Schmusesänger John Denver (das war der, den die echten Country-Sender zu spielen sich weigerten, weil er zu soft war), dessen Greatest Hits ich mit zehn Jahren melodie- und textsicher im Baumhaus rauf und runter jodeln konnte. Selbst Uneingeweihte kennen das inzwischen zum Partysong verkommene Country Roads, das eigentlich genauso herzzerreißend sehnsüchtig wie Leaving On  A Jet Plane (hier in einer Version mit Mama Cass von The Mamas And The Papas) oder Starwood in Aspen ist, oder die klassische Liebesballade Annie’s Song.

Eines Tages entdeckte ich die Buchstaben „J.D.“ im Küchenkalender und bohrte solange nach, bis ich rauskriegte, was das zu bedeuteten hatte: meine Mutter und ich würden zu einem John-Denver-Konzert gehen – das erste echte Konzert (also im vernünftig großen Rahmen, ich glaube im Nassau Coliseum) meines Lebens! Und fast das letzte, denn die Konzerte mit mehr als tausend Zuschauern, auf denen ich war, kann ich an einer Hand abzählen (ich bin mehr der Zuhause-Genießer)…

Ich erinnere mich noch halbwegs an das Konzert: an meine Überraschung, dass er so weit entfernt war, meine Wiedererkennungsfreude über die Lieder,  dass er „The Garden Song“ vortrug, und dass ich gegen Ende des Konzertes mit dem Kopf auf dem Schoß meiner Mutter einschlief.

Außerdem ist John Denver untrennbar mit den Muppets verbunden – er hatte einen normalen Auftritt in der Show, der zu zwei weiteren Spezialsendungen mit den Muppets führte. Darunter war auch eine Weihnachtssendung, zu der wir die Schallplatte besaßen, so dass Weihnachtslieder für mich nur mit den Stimmen von Kermit und Miss Piggy so richtig feierlich klingen.

Einige der erwachsen gewordenen amerikanischen Kinder, die in der Grundschule das Kinderlied Grandma’s Feather Bed von J. Denver gesungen haben, werden arg getrauert haben, als John Denver 1997 (mit 53 Jahren) in einem Sport-Flugzeug abstürzte.

Hier zur Aufmunterung das fideldudelnde Thank God I’m A Country Boy. Wer danach nicht aufs Land zieht und allem Materiellen entsagt, dem ist nicht zu helfen.

I’d play „Sally Goodin“ (einen Fiedel-Standard) all day if I could, but the Lord and my wife wouldn’t take it very good…

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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3 Antworten zu Meine Musikalische Früherziehung, Teil 2: Thank God I’m A Country Boy

  1. franhunne4u schreibt:

    Been there, done that – genug Landleben für ein ganzes Leben gehabt … Klar kennt man auch hier in Deutschland das eine oder andere Denver-Lied und natürlich die oben beschriebenen Serien. Aber meine musikalische Früherziehung bestand leider aus den Schlagern der 70er, die aus dem Küchenradio dudelten *seufz*.
    Als 5jährige dudelte ich die drei Platten, die meine Großeltern außer dem Marschmusik- und Ostpreußengenre besaßen – eine davon war http://www.youtube.com/watch?v=Qkq0Ncf32cs&list=RDcVthlJm8ma4 … Eine andere, Aquarius. Und dann gab es noch http://www.youtube.com/watch?v=NGZif1QDJeQ, wonach ich mit 5, 6 und auch noch 7 gern getanzt hab – oder was man so tanzen nennt …

    • Pfeffermatz schreibt:

      Country-Musik, wenn zu künstlich, kann manchmal erschreckend nah an Schlagermusik rankommen. Tatsächlich sind einige deutsche Schlager umgedichtete und glattgezogene Country- oder Folk-Songs. Echter Country braucht etwas natürliches, rohes und bluesiges, um nicht ins schlagerhafte abzudriften.
      Danke für die Links – die Heinzelmännchen sind ja nicht zu ertragen, aber die „Singende Nonne“ ist ja fast echte Folk-Musik und für Kinder toll tanzbar – nur die Trällerstimme und der arg dööfliche religiöse Text unterscheiden es von Bob Dylan ab 😉

      • franhunne4u schreibt:

        Die Singende Nonne habe ich ja nicht verstanden, damals, daher war der religiöse Text an mich verschwendet. Und außerdem war ich zu dem Zeitpunkt noch katholisch. Die Heinzelmännchen waren so ein wenig der Hei-ho, Hei-ho-Ersatz …

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