Meine Musikalische Früherziehung, Teil 3: Close To The Cradle

Die Stadt, in der wir wohnten, konnte einen in America sehr berühmten Singer-Songwriter vorweisen: Harry Chapin, der heute auch im Ausland für seinen Megahit Cats in the Cradle bekannt ist (spätestens seit dem miesen Cover von Ugly Bleah), in den USA aber auch für zahlreiche prosaische Balladen, die aber aufgrund ihrer erzählerischen Dichte im nicht-englischsprachigen Ausland kaum bekannt sind, wie Taxi (ein Lied über verpasste Träume, in der ein Taxifahrer, der eigentlich Pilot werden wollte, in einer Passagierin seine zwar reich aber unglücklich verheiratete Jugendliebe wieder erkennt, die lieber Schauspielerin geworden wäre. Heute haben sich sich nichts zu sagen. Fazit: sie schauspielert, dass sie glücklich sei, und er fliegt in seinem Taxi, wenn er stoned ist, womit die Jugendträume erfüllt worden sind) oder W*O*L*D (ein alternder und abgewrackter Radio-DJ ruft seine Ex an, dass er zufällig in der Gegend ist, und ob seine Kinder seine Stimme noch erkennen und so. Auch traurig).

Harry Chapin investierte den größten Teil seiner Zeit und seines Geldes in soziale und künstlerische Projekte („er unterstützte 17 Verwandte, 14 Verbände, 7 Stiftungen und 82 Wohltätigkeitsorganisationen“, sagte seine Frau). Geld sei für die Leute, meinte er, und verschenkte so ca. ein Drittel seiner Einnahmen (zum Verdruss seiner Band und seiner Frau!). Da er gerade in seiner Heimatstadt und Umgebung auch gerne umsonst auftrat, hatte ich als kleines Kind die Möglichkeit, ihn das eine oder andere Mal zu erleben.

Wer lust hat, höre hier wie Bruce Springsteen sich über den missionarischen Eifer von Harry Chapin amüsiert, den er am eigenen Leib erfahren musste:

We do one for us and one for the other guy.

Der selbst auferlegte Dauerstress (kaum Schlaf, viel Alkohol, noch mehr Kaffee) bekam ihm nicht: mit nur 38 Jahren starb er in einem Autounfall, vermutlich hatte er am Steuer einen Herzinfarkt (seinen Führerschein hatte er übrigens schon abgeben müssen). Ich war acht Jahre alt, und kann mich gut erinnern, wie und wo ich davon erfuhr. Auf seinem Grab steht ein Auszug aus einem seiner Lieder:

Oh if a man tried
To take his time on Earth
And prove before he died
What one man’s life could be worth
I wonder what would happen to this world

Da ich so unvorsichtig war, in der letzten Folge Easy Listening zu erwähnen: ich kann nichts dafür – der entsprechende Sender war im elterlichen Autoradio fest eingestellt. Easy Listening –entspricht nicht etwa dem deutschen Schlager, sondern umfasst alle möglichen Genres – Folk, Country, Beat, Disco, Pop, Jazz, you name it – solange die Lieder leicht verdaulich sind.

Somit kann quasi jeder Künstler, der mal ein seichte Ballade verfasst hat, für ein Easy-Listening-Verbrechen verhaftet werden. Natürlich neigten die notorischen Schmuse-Heinis wie Barry Manilow oder Chris De Burgh eher zu solchen Untaten, Country-Sänger wie Kenny Rogers waren auf jeden Fall verdächtig, aber auch sonst anerkannte melodisch orientierte Künstler wie Elton John oder Billy Joel oder gar anspruchsvolle Bands wie Dire Straits setzten ihre Songs mal auf der falschen Seite der Easy-Listening-Grenze. Irgendwann wurde es Usus, dass selbst ehemals beinharte Rocker wie die Scorpions oder Ozzy Osbourne zur altersweisen Schnulzensängern wurden. Herrgott, selbst Springsteen ist schon in die Falle getappt. Da sieht man, was Easy Listening aus einem machen kann.

Als Spätfolge singe noch ich heute am Ende eines jeden Regengusses lauthals jubilierend I Made It Through The Rain von Barry Manilow. Hier also meine Entschuldigung an alle Umstehenden, die zufällig Opfer Zeuge eines solchen Ausbruchs geworden sind- und da Worte selten ausreichend sind, schenke ich euch hier ein vieeeeeeel geileres Regenlied zum abhotten, denn mal ehrlich, wozu ist Musik da?

Puts a song in this heart of mine
Puts a smile on my face every time
‚Cause I love a rainy night!

Siehe auch:
Meine Musikalische Früherziehung, Teil 1: Boys At Work
Meine Musikalische Früherziehung, Teil 2: Thank God I’m A Country Boy
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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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