Ein Schlag in die Highlands

Gerade saß ich mit meiner Familie beim Abendbrot, als ich zur allgemeinen Verwunderung – meiner eigenen eingeschlossen – gleichzeitig würgend und lachend vom Stuhl fiel. Cherie FM (ein beliebter französischer Oldie-Sender) hatte gerade einen Song vom Stapel gelassen, den ich erst für eine Verarschung hielt. Kreischende Frauen sangen zu Synthi-Drums und in furchtbar akzentuiertem Englisch: „I’ll be… WAITing…. on the… HIGHland… with it’s WONderFUL seRENiTY“.

Das Wort „Serenity“, also Gelassenheit, Abgeklärtheit, inmitten dieses schrill und holzhammerartig vorgetragenen Textes von geradezu kleinkindlichem Charakter – das war zuviel für mein Zwerchfell. So wurde meine ureigene Abgeklärtheit von einem esoterischen möchtegern Highland-Schmied platt geschlagert, und ich fand mich vor dem Laptop wieder, wo ich zu meiner Überraschung feststellte, dass dieser Song vor gut zwanzig Jahren tatsächlich ein halbwegs großer Hit gewesen war. Muss im Abiturstress irgendwie an mir vorbei gegangen sein… Weniger überrascht war ich, dass das Video (aus einem Show-Auftritt) noch unfreiwillig-lustiger als das Lied ist:

Schaut euch den Keyboarder bei 1:33 im obigen Video an – sein Gesichtsausdruck (bzw. Mangel an…) sagt alles. Und dann ist da noch der permanente elektronische Dudelsack-Sound im Hintergrund, der noch einmal für den „Sack“ in „Dudelsack“ sorgt. Diese Welt fasziniert mich immer wieder 🙂

Was wäre ein guter schlechter Song ohne dazu passende Phantasie? Wie bei mir Standard, hat sich gleich ein passendes Musik-Video in meinem Kopf breit gemacht: Ich sehe ein picknickendes Paar in den schottischen Highlands, allein auf ihrer Decke, essend und unterhaltend. Irgendwann stellt der Mann die fatale Frage, was sie denn gerade tut, worauf sie loskreischt: „I’ll am… SITTing…. on the… HIGHland… with it’s WONderFUL seRENiTY!!!“ Oder so ähnlich.

Auf jeden Fall kreischt sie weiter und weiter, und der Kerl kriegt sie echt nicht still („I am WAITing!!!“). Die Hochlandrinder nehmen Reißaus, die Murmeltiere verlassen die Berge in Kolonien, die ausgewanderten Kondore ziehen zurück in die Anden. Die ersten Leute kommen angelaufen und versuchen, die Frau („…on the HIGHland!!!“) shut zu uppen, aber sie ist resistent („with it’s WONderFUL seRENiTY!!!“) Als der Himmel sich schon zu verdüstern beginnt, holt sie ihren elektronischen Dudelsack aus dem Picknick-Korb. Die umstehenden Menschen schreien entsetzt auf: „O my God, she’s got a bagpipe!“, „Back off, everybody!“

Sie bläst in den Dudelsack, es gäbe es kein Morgen. Kleine Steine zerstäuben, große kullern davon, die Felswände fangen an zu weinen. Endlich ist der erste Polizeiwagen angekommen, der Officer versucht, die Situation zu entschärfen: „Put down that bagpipe, and nobody get’s hurt!“ SWAT-Teams nähern sich in Hubschraubern…

… und ich bin jetzt in ausreichender Stimmung, um die dritte Stafel Justified weiter zu schauen. Tschöö!… ich meine: Cheerio!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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5 Antworten zu Ein Schlag in die Highlands

  1. Nesselsetzer schreibt:

    Die Fantasie kennt keine Grenzen. Wir warten dann auf den entsprechenden Film… 😉

  2. gnaddrig schreibt:

    Ganz großes Kino, war an mir allerdings auch völlig vorbeigegangen.

    Sehe ich das richtig, dass die drei Keyboards auf der Bühne haben? Ich sehe den Geistesabwesenden hinten, davor einen mit schwarzweiß geflecktem Hemd, davor den Schwarzgekleideten, der zwischendrin mal rumturnt. Und zwischen dem Schwarzweißgescheckten und dem Flötisten sitzt wer an was, das auch noch ein viertes Keyboard sein könnte, der rührt sich aber so wenig, dass ich es nicht erkennen kann.

    Was in aller Welt macht man mit drei oder vier Keyboards? Ich behaupte mal, den lahmen Klangbrei hätte einer allein genausogut hingekriegt. Nur kann ich beim besten Willen nichts heraushören, was auch nur entfernt an einen Dudelsack erinnert, außer vielleicht die imitierten Bordun-Pfeifen am Schluss. Hübsch auch der Flötist am rechten Rand des Ensembles (über der schwarzhaarigen Vokalistin), der die ganze Zeit sehr emsig musiziert, den man aber nur an ausgewählten Stellen ein wenig heraushört. Und überhaupt, was machen all die anderen Leute auf der Bühne?

    Ich hoffe, Du kriegst Geld für den Film zusammen…

    • Pfeffermatz schreibt:

      Danke für die ausführliche Rezension! Jetzt musste ich erst mal nachschauen, was eine Bordunpfeife ist… (schaue, schau)… ja, genau die meinte ich. In Wikipedia steht unter „Dudelsack“ (bzw. Sackpfeife):

      Das Instrument hat eine Spielpfeife (manche Typen auch mehrere), mit der die Melodie gespielt wird und meist ein oder mehrere Bordunpfeifen (auch Brummer), die je einen andauernden Ton spielen.

      Also doch auch irgendwie Dudelsack! Ich meine, das Ding auch unterm Refrain zu hören, dieses „mnmnmnmnm“, halt.
      Übrigens ist einer der Keyboarder (sicherlich der schick schwarz angezogene) der Sohn von Benny Andersson von ABBA! Die anderen sind wahrscheinlich Statisten, vielleicht weitere Kinder von Ex-Musikern, die irgendwo in der Show-Welt untergebracht werden müssen.

      • gnaddrig schreibt:

        Wow, ABBA! Stimmt natürlich, Plastikdudelsack ist tatsächlich drin. Aber bei dem Stichwort Dudelsack denke ich immer eher an dieses nervenzerfetzend verstimmte Geschrille („Spielpfeifen“), das das eigentlich harmlose „Amazing Grace“ zu einer Tortur macht.

        Kaum bekannt ist, dass der Dudelsack auch in der klassischen Musik auftaucht. Bekanntestes Beispiel ist das Pervertimento for Bagpipes, Bicycle and Balloons von P. D. Q. Bach (ich habe leider keine frei zugängliche Aufnahme gefunden, es lohnt sich aber, das Stück zu kaufen).

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