Neues vom Weltmeister oder: Die Sache mit dem Berg und dem Eis

Ich wollte ja noch erzählen, wie das mit dem WM-Finale auf dem südfranzösischen Campingplatz ausging (inzwischen bin ich wieder zuhause und mir stehen Tastatur und Maus zur Verfügung, statt nur Touchscreen-Bedienung).

Also, die Übertragung des Spiels auf Großleinwand war laut Programm für 22:00 Uhr angekündigt, was mich etwas störte, da Anstoß um 21:00 Uhr sein sollte. Am Sonntag-Morgen machte ich mich auf zur Rezeption, im sicheren Glauben, dass ich der Dreiundertfünfzigste wäre, der die Honks darauf aufmerksam machte, dass sie den Spielbeginn falsch angesetzt hatten. Doch weit gefehlt – ich war der Erste.

Dass ließ mich vermuten, dass ich auch der einzige Zuschauer sein würde, aber als ich um kurz vor 21 Uhr samt Familie auf der Terrasse auftauchte, saßen die anderen Dreihundertfünfzig schon da. Wahrscheinlich saßen sie ganzen Tag da rum, so dass es denen völlig egal war, wann das Spiel beginnen sollte.

Und dann war endlich Anstoß! Und dann lagen wir schon hinten! Doch nicht! Und dann erzielten wir endlich die Führung! Und doch nicht! Und es regnete! Und der Beamer überhitzte (weil man ihn zum Schutz gegen den Regen zugedeckt hatte)! Und der Beamer fiel aus!

Gottseidank gab es zusätzlich zwei Fernseher, einen im Restaurant und einen im überdachten Teil der Terrasse, so dass mit viel Stühlerücken das Finale weitergehen konnte. Und dann waren schon neunzig Minuten um. Die anderen Camper jubelten ganz ausgelassen sowohl beim argentinischen Abseitstor wie auch bei Höwedes Kopfball, so dass sie – zum größten Teil Niederlander und Franzosen – vermutlich einfach nur ein Tor sehen wollten, nachdem sie beim 7:1 gegen Brasilien so verwöhnt gewesen waren und jetzt vergeblich auf das vermeintliche Schützenfest warteten. Meine Kinder pennten jedenfalls selig zum Ende der zweiten Halbzeit, so dass meine Frau und ich mit ihnen zurück zum Container gehen musste, worauf ich mich gleich wieder Richtung Camping-Restaurant verdrückte, um die Verlängerung schauen zu können.

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Rocher de Sampzon, Blick von fast oben. Der Zeltplatz liegt ein paar Kilometer darunter, und wir mussten rauf bis zur Antenne.

Naja, und wie das ausging, wisst ihr wahrscheinlich schon… Ich ging also als Weltmeister ins Bett, um am nächsten Morgen zusammen mit den anderen dreihundertundfünfzig Urlaubern den Berg neben unserem Campingplatz hoch zu wandern. Leider pennten davon die meisten noch, so dass wir am Ende bloß zwei Familien (wir und eine französische) plus Wanderführer waren. Es waren zwar einige Kilometer, doch machte uns der Wanderführer die Sache mit dem Versprechen, lauter geheimer Schleichwege zu benutzen, schmackhaft. Leider stellte sich heraus, dass die Besitzer dieser als Privat markierten Schleichwege diese inzwischen zum größten Teil mit Gittertoren versperrt hatten. Aber das stört doch keinen Weltmeister! dachte ich mir, und marschierte vorne weg. Also meinem Sohn vorne Weg, denn der trödelte, wie immer. Die anderen sieben waren irgendwie stets schon eine Biegung weiter.

Endlich oben, auf der Spitze des Felsen angekommen, erblickte ich das ardèchener Land unter mir und nutzte die Gelegenheit, mal lauthals „Wir sind WELTMEISTER, ergebt euch!“ zu brüllen. Kilometerweit unter mir öffneten sich die Haustüren, und alte Omas und Opas schlürften auf die Straße zu ihren spielenden Enkelkindern (die Eltern waren einkaufen) und schauten zu mir hoch. Aus weiter ferne hörte ich ihre Stimmen: „Oui, bien fait!“

Ich dachte, ich nutze den Gunst der Stunde, und rief: „Verbeugt euch vor mir!“. Sie verbeugten sich tatsächlich. „Und ab jetzt zahlt Ihr Maut auf unseren Straßen, und nicht nur umgekehrt!“ Sie stimmten zu. „Und macht, dass das Eis nicht immer zwei Euro pro Kugel kostet, das ist doch Wahnsinn!“ Auch dem stimmten sie zu, und ich war mir sicher, dass ich auf dem besten Weg war, die Freundschaft zwischen unseren Völkern auf ewig zu festigen.

„Und wascht euch gefälligst die Hände nach dem Toilettengang!“

Was soll ich sagen… damit hatte ich es vergeigt. Die Omis und Opis zeigte mir auf französisch den Oiseau und verkrochen sich wieder in ihre Steinhäuschen, die Kinder spielten wieder Fangen, und Eis in der Waffel wird in Frankreich leider auf ewig unbezahlbar bleiben.

Tut mir leid. Aber trotzdem bin ich Weltmeister!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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3 Antworten zu Neues vom Weltmeister oder: Die Sache mit dem Berg und dem Eis

  1. Nesselsetzer schreibt:

    😀 Ein Fauxpas unglaublichen Ausmaßes. Generation von Urlaubern werden das noch zu spüren bekommen! 😀

    • Pfeffermatz schreibt:

      Ich selber nicht… ich weigere mich, zu diesen Wucherpreisen ein Eis zu kaufen, und glücklicherweise sehen das meine Kinder (die inzwischen ein Gefühl für Geld haben) auch so. Stattdessen kaufen wir immer gleich zu Urlaubsbeginn mehrere Packungen Eis (am Stiel und in der Waffel) im Supermarkt für die Tiefkühltruhe, und die Kinder freuen sich jeden Tag auf ihr 1 bis 2 Eis!

  2. BOWMORE Darkest schreibt:

    Nicht jeder Wunsch kann in Erfüllung gehen.

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