Die Kunst des Radiohörens

Auf der steten Suche nach neuen musikalischen Erlebnissen entdeckte ich vor einiger Zeit den Internet-Sender Radio Art, der einundzwanzig Sender umfasst und sich dem Ziel Stress Relief and Anxiety Reduction – also Stress- und Angstminderung – verschreibt. Des Weiteren „foreground dreaming, inner peace, soul cultivation“ – ich erspare mir die Übersetzung. Dazu kann man, nach Zahlung eines überschaubaren Beitrags, sich Musik aus den unterschiedlichsten aber allesamt sehr entspannenden Stilrichtungen zusammenmixen und dies auch noch mit natürlich Geräuschen, zum Beispiel aus den Bereichen „Wasser und Wetter“ oder auch „Säugetiere und Kreaturen“(!), unterlegen. Großartig!

Hört man sich einen dieser einundzwanzig Sendern in der Gratisversion an, so wie ich bis Mitte vorletzter Woche, so wird die Sendung etwa alle fünf Minuten von einer leicht zugedröhnten aber sicherlich sehr glücklichen Dame unterbrochen, die dem Hörer eine Premium-Mitgliedschaft ans Herz liegt. Diese Unterbrechung dauert ungefähr eine Minute:

… genieeeeeßensiedie seeeeeeeelestreichelnde erfaaaahrung dieser saaanftenundentspaaaannenen musikadmosphäääre unngelangensiesurinnerenruhemit rädioahrtdotkomm…

Und so weiter.

Mitte letzte Woche bereitete ich eine Spaghetti Carbonara zu, als mich die Stimme derart ablenkte, dass mir die Nudeln misslangen. Danach waren nicht nur die Spaghetti, sondern auch ich ausreichend weichgekocht, und so ließ ich mich zu einer stressbefreienden Premium-Mitgliedschaft verführen. Schon kurz darauf erfreute ich mich an Positivity, Solo Harp, Ethnic und Vocal Jazz, alles sanft umspielt vom sanft plätschernden Geräusch von sich fröhlich ins Meer stürzenden angstfreien Lemmingen.

Doch… irgendwas fehlte mir. Sollte meine auskultivierten Seele nach etwas dursten, was mit einer Premium-Mitgliedschaft nicht zu kaufen war? Schlimmer noch – mir war sogar ein ganz gewisser Vordergrundtraum abhanden gekommen, und dieser handelte ausgerechnet von der bekifften Radiodame, von der ich mich mit meinem Mitgliedsbeitrag freigekauft hatte.

Ich kontaktierte Radio Art, doch leider hatte ich kosten-nutzen-maximierenderweise einen Zweijahres-Vertrag abgeschlossen (21% Ersparnis!), und dieser war nicht mehr rückgängig zu machen. Ob das wirklich nicht ginge, ich würde den Beitrag samt Zinsen zurückerstatten? Nein, das gäbe das Buchungsprogramm nicht her. Ob man mir denn wenigstens die Werbung wieder einspielen könnte? Nein, das sei für ein Premium-Mitglied eine technische Unmöglichkeit. Ob ich mich mit der zugedröhnten Stimme zu einem Candlelight-Dinner verabreden könnte? Ja das ginge.

Wir trafen uns am vergangenen Sonntag bei einem angesagten Italiener in Köln. Man hatte mich beim Wort genommen und stellte mir nur die Stimme und nicht die Dame zur Verfügung: Kaum hatte ich mich hingesetzt, trat ein innerlich befriedeter Mitarbeiter von Radio Art an meinen Tisch und legte mir gegenüber ein Smartphone hin, aus der die Stimme meiner Angebeteten säuselte:

Haaaaaallo, schöööönsiesusehn!

Das mit dem Sehen man gestimmt haben, so ein Smartphone kann ja allerhand. Ich bestellte mir quasi als Wiedergutmachung eine Spaghetti Carbonara und dazu eine Flasche Merlot. Die Stimme gab sich aus ihrer Oase des Friedens heraus mit einem gemischten Vorspeisenteller zufrieden, über dass sie sich mit einer passenden App hermachte. Die Carbonara war mist (viel zu sahnig), doch trotzdem unterhielten wir uns prächtig. Ich fühlte mich zunehmend gelöst und seelenkultiviert und kippte ihr gegen Ende des Abends überglücklich ein Glas Rotwein ins Gehäuse, womit meine Begleitung leider plötzlich verstummte.

Heute brate ich mir einen Hamburger mit viel Speck und tröste meine aufgerührte Seele mit Cherie FM. Oh, Susanna!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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