Ein angefangenes Leben

In Kürze werde ich ein weiteres mal meinen Geburtstag begehen und ein Alter erreichen, das zwar nicht als rund, aber laut gewisser Definition immerhin als der Sinn des Lebens (SDL) gilt. Höchste Zeit, einen Blick zurück zu werfen:

Als ich kurz nach Fertigstellung aus dem Krankenhaus geholt wurde, waren meine Auftraggeber sehr zufrieden mit mir: ich trank, rülpste, pinkelte und schrie. Meine Eltern zeigten ihre Zufriedenheit ob meiner Funktionstüchtigkeit durch herzliche Zusprache wie „gutschigutschi“ und „Wat isser niedlich, der kleene Hosenscheißer“. Als ich nach wenigen Wochen kurz davor war, ein eigenes Zimmer und einen Vornamen zugewiesen zu kriegen, tat ich etwas überraschendes und leider unerfreuliches: ich spuckte. Erst ein bisschen, dann ein bisschen mehr, und nach einer weiteren Woche waren es echte Fontänen aus Muttermilch, die ich durch die kleine Wohnung zu schießen imstande war.

Bald waren es meine Eltern satt, vor mir aufzuwischen, außerdem fühlte sich meine Mutter in ihrer Ehre als Milcherzeugerin beleidigt. Als sich mein Verhalten auch bei Fütterung mit Milchersatzflüssigkeiten nicht änderte, beschlossen meine unglücklichen aber resoluten Eltern, mich dorthin zurück zu bringen, wo sie mich geholt hatte, um mich gegen einen Säugling gleichen Modells umzutauschen. Im Krankenhaus angekommen, liefen meine Besitzer also schnurstracks zur Geburtsstation und übergaben mich der ersten Stationsschwester, der sie begegneten, und verlangten „wieder etwas in der Art“.

„Es tut mir leid, aber aufgrund des Pillenknicks haben wir nicht mehr die gewohnten Reserven an Babys“, erklärte diese. Offenbar kam so etwas wie ich öfters vor, dachten sich meine Eltern schon. „Da Ihr Kind nur einen kleineren Fehler hat – einen Magenpförtnerkrampf, wie’s mir scheint – werden wir ihn erstmals in die Reparatur geben. Sie können ihn in zehn Tagen abholen.“ Und schon war sie mit mir verschwunden, zwei verdutzte Ex-Eigentümer zurücklassend.

Zehn Tage später waren meine Eltern wieder an Ort und Stelle und fanden mich repariert und getestet vor. Sehr zum Ärger des Personals bestanden sie nun darauf, einen nachträglichen Rabatt zu erhalten, schließlich sei ich aufgrund meiner Narbe doch „beschädigte Ware“. Da sich nichts tat, verlangten meine Eltern den Chefarzt zu sprechen, und wurden nach entsprechender Wartezeit in dessen leeres Büro geführt, wo sie eine weitere gebührende Wartezeit über sich ergehen lassen mussten (währenddessen ich schlief). Aber diese Zermürbungstaktik kannten meine Eltern schon aus diversen Folgen „Kojack“.

Als der Chefarzt endlich erschien, trugen ihm meine Eltern erneut ihr Anliegen vor, und zwar mit Nachdruck. Meine Mutter erinnert sich gut an das darauffolgende Gespräch (welches ich hier wiederzugeben versuche. „Dein Vater erinnert sich übrigens nur an ein hinter dem Arzt hängendes Filmplakat mit King Kong und Raumschiffen darauf“, sagt sie immer, aber ich glaube, entweder sie oder mein Vater bringen da was durcheinander. Es war ja auch ein stressige Zeit).

Jedenfalls erzählten sie dem gütig dreinblickenden Arzt von ihrer Befürchtung, ich könnte dauerhaft beschädigt sein, von meiner Abwertung durch die entstellende Narbe am Bauch, und von ihrem verloren gegangenen Vertrauen in die derzeitige Kindererzeugung (eventuell erweise ich mich als Montagsmodell aus chinesischer Produktion, sagten sie), schließlich hätten sie ein drei Jahre älteres Modell zuhause, und das sei stets einwandfrei gelaufen.

Der Chefarzt blickte mich prüfend an, nickte, und redete dann mit verständnisvoller Stimme beruhigend auf meine Eltern ein. In der Tat sei ich nun kein „gelecktes Spitzenprodukt“ mehr, aber dafür habe ich um so mehr Charakter, und sollte ich mich als dauerhaft kränklich erweisen, was in der Tat nicht von der Hand zu weisen sei, dann könne ich immerhin noch Schriftsteller oder Mathematiker werden und so vielleicht den SDL (siehe oben) knacken. Derweil schlief ich selig weiter.

So leicht ließen sich meine gewieften Alten aber nicht unterkriegen! Nun stiegen sie voll in die Nachverhandlungen ein und machten richtig Stunk: Wenn sie mich jetzt nicht umtauschten, noch sei es nur Milch, das ich ausspucke, und bald esse ich auch kein Brokkoli, und dann sei es zu spät, und wenn ich dann verfette und der ganze Drogenkonsum und was noch und dann sei es viel zu spät und dann gehe gar nichts mehr.

Dem Chefarzt wurde klar, dass er nicht ohne Gegenangebot heil aus dieser Geschichte heraus kommen würde, und als ebenfalls erfahrener Taktiker wusste er, dass er wenigstens ein kleines Zugeständnis machen musste, bevor Begriffe wie „Anwalt“ und „Schadensersatz“ fielen, die weitere Verhandlungen unnötig erschweren würden.

Eigentlich sind meine Hände da vollkommen gebunden“, sagte er und warf seine Hände – entgegen seinem Metapher – etwas schauspielerisch in die Höhe, „und aus vertragsrechtlichen Gründen darf ich Ihnen keinen Rabatt gewähren – da käme das ganze Krankenhaus in Teufels Küche! -, aber wie wäre es, wenn ich Ihnen… so zum Ausgleich…, als kleine Aufmerksamkeit, sagen wir mal… noch einen jungen Hund mitgäbe?“

Meine Eltern überlegten nur kurz – eigentlich hatten sie nicht damit gerechnet, gleich einen derartigen Verhandlungserfolg zu erzielen („überleg mal: einen ganzen jungen Hund!“) und stimmten dem inoffiziellen Vergleich zu.

„Spaniel oder Schäferhund?“ Meine Eltern nahmen den Spaniel.

Noch vor Ort führten sie mit dem Welpen einen Trink-Spuck-Test aus, nach dessen Bestehen der Hund auf den Namen „Kevin-Conan“ getauft wurde. Das für mich vorgesehene Zimmer wurde mit einer mit blauer Kreide gezogenen Linie in zwei geteilt, und ab da waren wir zu fünft. Aber ich will mich nicht beschweren: Schon am ersten Tag leckte Kevin-Conan die Kreidespur auf und wir teilten uns das Zimmer ganz brüderlich. Kevin wurde mein bester Freund, und nach zwei Jahren erhielt ich meinen ersten eigenen Vornamen: Bello.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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7 Antworten zu Ein angefangenes Leben

  1. franhunne4u schreibt:

    Ja, auch bei mir nähert sich der Tag an dem meine Mutter die Nase voll hatte von meinen Attacken auf ihr Wohlbefinden und mich kurzerhand rausschmiss. Das sollte ein bleibendes Thema bei uns bleiben – drei Monate später wurde ich meinen (vermeintlichen) Großeltern übergeben – ich habe riesiges Glück gehabt, dass keine russischen Kinderhändler in der Nähe waren. Nach ein paar Fehlversuchen der Rückgabe haben meine Großeltern dann resigniert und mich auch ohne Hund bei sich wohnen lassen, dafür hat mein Vater noch die kleine Schwester drauf gepackt.

    • Pfeffermatz schreibt:

      Stimmt – du hattest schon mal gesagt, dass du bei deinen Großeltern aufgewachsen bist. Hast / hattest du noch Kontakt zu deinen Erzeugern?

      • franhunne4u schreibt:

        Sporadisch, bis auf die merkwürdige Zeit von kurz nach meinem 9. Geburtstag bis zum 11. Geburtstag meiner Schwester – da wohnte ich mal hier, mal da. Es waren „interessante“ Zeiten. Im chinesischen Sinne.

  2. tinyentropy schreibt:

    Hat dies auf Tinyentropy's Blog rebloggt und kommentierte:
    Ungeahntes Entwicklungspotential mit sehr geschätztem Zwischenergebnis 😀

  3. zeilentiger schreibt:

    Und darf man zwischenzeitlich schon zum Erreichen des SDL gratulieren?

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