Die Zahlenmeister

In weiten Teilen der Bevölkerung herrscht ein tiefes Unwissen über die tägliche Arbeit von Mathematikern im Controllingwesen. In ernster Besorgnis um das Wohl unserer (Wissens-)Gesellschaft betrachtete ich es als hehre Aufgabe dieses Blogs, dieser eklatanten Ignoranz entgegenzuwirken.

Glücklicherweise war ich mal mit dem einen oder anderen mathematischen Controller befreundet, so dass ich eine ungefähre Vorstellung von besagter Tätigkeit besitze. Und ich kenne sogar die eine oder andere Anekdote aus diesem strategisch unverzichtbaren Bereich der Unternehmensführung. Nun mögen die Freundschaften meine impertinente und durchwegs unsympathische Art nicht überstanden haben, die Geschichten hingegen schon…

… und so mag die folgende Geschichte zum Wohle aller aufklärerisch wirken:

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Lassen Sie uns eine typische Arbeitswoche im Leben von Rechenknecht folgen. Dieser arbeitet als mathematischer Controller für die Theater AG und macht… naja, das werden wir gleich erleben. Er hat natürlich einen Chef, den wir Scheffe nennen wollen, und dieser hat auch wieder einen Chef, den wir als den Zahlenmeister bezeichnen. Je nach Hierarchietiefe hat auch der Zahlenmeister einen großen Chef und dieser womöglich einen noch größeren Chef.

Nun glauben Sie nicht, dass hiermit die Hierarchie beendet wäre. Die Theater AG befindet sich mehrheitlich im Besitz der Puppenspiel Holding, die prall gefüllt mit Seppln und Kasperlen ist, die von Schauspieltagung zu Dramakonferenz tigern und in diversen Theatergremien über die Zukunft der Bühnenkunst entscheiden – und das alles ohne jemals ein Theater betreten zu haben. Ach ja, Krokodile gibt es auch, aber die kommen in unserer Geschichte nicht direkt vor.

Und selbst da ist noch nicht Schluss: die Puppenspiel Holding wird wiederum von einer geheimnisumwitterten Beteiligungsgesellschaft – als Etrusker bekannt – kontrolliert. Vermutlich sind auch die Aktien der Etrusker in weiterem Streubesitz über die halbe Finanzwirtschaft verteilt… man weiß es nicht.

Kasperletheater
Aber nun zu unserer Geschichte:

Der Rechenknecht sitzt an seinem Schreibtisch, als das Telefon klingelt. Es ist der Businesskasper, sein Kontaktmann bei der Puppenspiel Holding: „Wir haben eine dringende Inquiry von den Etruskern! Sie wollen wissen, was Drei-Plus-Fünf ist! Erste Ergebnisse müssen sehr zeitnah erfolgen!“ Die ersten Schweißtropfen bilden sich auf Rechenknechts Stirn. “Die WichtigWichtigSeppl haben den Auftrag mit allerhöchster Priorisierungstufe geratet!”

Rechenknecht verspricht, sich sofort an die Arbeit zu machen, und stattet als erstes Scheffe einen Besuch ab, um ihn auf dem Laufenden zu bringen: “… natürlich allerhöchste Priorität.”

Scheffe seufzt. „ Naja, dann rechnen Sie mal.“

Genau das tut er auch. Zwei Tage lang verschiebt er Hieroglyphen auf dem Bildschirm und bringt den Prozessor zum glühen, bis ihm endlich ein halbes „Eureka!“ entweicht. Er hat ein Ergebnis, aber er ahnt schon, dass es nicht reichen wird: „Ich kriege nicht mehr als Acht raus“ erklärt er seinem Scheffe.

„Haben Sie´s überprüft?“

„Doppelt.“

„Seufz.“

Gemeinsam gehen Sie zum Zahlenmeister – einer gediegenen Gestalt mit grau-melierten Haaren – und erklären ihm den Sachverhalt: „… nicht mehr als Acht.“

„Na, wenn´s halt so rauskommt,“ sagt dieser, wie immer die Ruhe selbst.

„Und wenn die Seppl damit nicht einverstanden sind?“

„Dann werden sie es uns schon wissen lassen.“

Der Rechenknecht teilt dem Businesskasper telefonisch das Ergebnis mit.

„Das ist aber viel zu wenig!“

„Ja, aber das kommt nun mal raus.“

„Die Etrusker werden not amused sein!“

„Aber das kommt nun mal raus!“

Es kommt daraufhin zu vielen Unterredungen auf allen möglichen Ebenen, zwischen Oberseppln und Unterseppeln, zwischen Unterseppln und großen Chefs, zwischen großen Chefs und kleinen Chefs.

„Das werden die Etrusker niemals akzeptieren – damit können wir nicht leben!“

Damit können wir nicht leben!

„Somit können wir nicht damit leben.“

„Damit können die nicht leben.“

„…und irgendwie kann keiner damit leben. Der Zielwert ist nun Elf. Seufz.“

Der Rechenknecht setzt sich also erneut an seinen Schlachtrechner, während Scheffe die Verteidigungslinie aufbaut: „Auf jeden Fall ist die Zahl Acht fehlerhaft, da zu niedrig. Wir suchen nun nach möglichen Fehlern.“

Statt nach Fehlern sucht man gemeinsam nach Alternativen: „Vielleicht ist mit Drei eher Drei-Komma-Eins gemeint.“ „Warum nicht gleich Drei-Komma-Fünf?“ „Oder sogar Drei-Komma-Sechs?“ „Nee, das kriegen wir nicht durch den Zahlenmeister. Seufz.“

„… und Fünf bedeutet dann Fünf-Komma-Fünf.“ „Gut, damit sind wir dem Zielwert schon etwas näher.“

Viele vollgekritzelte Zettel, totgespitzte Bleistifte und geleerte Kaffetassen später:: „… vielleicht kann man das Plus neu interpretieren.“ „Plus könnte ja auch Plus-Und-Eins-Dazu heißen…“ „Das Stimmen wir mit den Kapitalanlegern ab.“ „Aber die haben doch gar keine Ahnung von Plus!“ „Umso besser – wir erzählen denen irgendetwas und verkaufen dann deren verwirrtes ‚ok‘ als Bestätigung, und zwar auf deren Verantwortung.“ „Genial!“

Rechenknecht und Scheffe sind fast am Ziel, aber eben nur fast. „So, Scheffe, uns fehlt noch eine Eins bis zum Zielwert. Ich sehe allerdings keinen Spielraum mehr“ „Ich schon…“ „Wie, um alle Welt?“ „Wir lügen die Eins hinzu.“„Geht das denn, Scheffe?“ „Das stimmen wir mit der Rechtsabteilung ab.“

Zwei Tage später ist das Vorgehen durch den Zahlenmeister abgenickt, und Rechenknecht teilt dem Businesskasper das verbesserte Resultat mit: „Das neue Ergebnis ist Elf.“

„Schön. Doch leider haben die Etrusker die Fragestellung inzwischen einem proof of concept unterworfen“, sagt Businesskasper, „und nach dem Review neu gestellt. Nun wollen sie stattdessenwissen, was Sechs-Plus-Sieben ist.“.

Rechenknecht reißt die Augen auf: „Heißt das, dass wir neu rechnen müssen?!“

„Nein, denn der Zielwert ist gleich geblieben. Immer noch Elf.“

Rechenknecht knallt den Hörer auf und lacht: „Die spinnen, die Etrusker!“

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So, ich hoffe, damit wären alle Fragen beantwortet. Also immer schön brav eure Multiplikationstafeln üben, dann dürft ihr eines Tages auch controllen.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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7 Antworten zu Die Zahlenmeister

  1. franhunne4u schreibt:

    Uhm – ok – drei und fünf sind 35, das weiß doch jedes Kind, und wenn du es spiegelst, sogar 53 …

  2. Charisma schreibt:

    *chchch* *ggg* *rofl*
    Ich krieg mich nicht mehr ein – aber so läuft’s tatsächlich !!!
    Ich stehe mit Zahlen ja auf Kriegsfuß, aber diese Geschichte ist so nahe an der Realität, daß es fast keine Satire mehr ist … 😉

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