Eine kleine Weihnachtserinnerung oder Wie der Nikolaus auf den Hund kam

Um die jetzigen postdominonatalen Tagen zu überbrücken, präsentiere ich euch (als verspätetes Geschenk, wenn ihr so möchtet) eine alte sentimentale Kurzgeschichte von mir, aus der Zeit, als ich noch alte sentimentale Kurzgeschichten schrieb.

Viel Spaß!

————————–

Eine kleine Weihnachtserinnerung oder Wie der Nikolaus auf den Hund kam

In meinen Erinnerungen war Jaspar stets schneller als ich gewesen. So plötzlich ich ihm auch davonlaufen möchte, stets schaffte er es, mich in kürzester Zeit zu überholen. Ich kam nicht auf den Gedanken, dass sich eines Tages daran etwas ändern könnte. Ich dachte nicht, dass sich überhaupt jemals etwas ändern könnte. Ich dachte nicht, dass ich jemals älter als zehn sein würde.

Jaspar war ein Spaniel, und er gehörte uns. Mir und meinen Geschwistern, und meinen Eltern gewiss auch, aber vor allem uns. Wir waren Kinder – und selbst die Kinder der Nachbarn waren mehr wir als es unsere Eltern waren.

Und so verging die Kindheit unbemerkt, denn Zeit war noch kein Begriff. Eines Tages wachte ich auf und war schon lange siebzehn gewesen. Jaspar lag auf unserem Wohnzimmerteppich und schlief den ganzen Tag. Nur zum Essen bemühte er sich noch hoch, ansonsten blieb er liegen, war inkontinent und japste im Traum. Ich stellte mir vor, er sähe sich, wie er vor vielen, vielen Jahren durch die Felder gelaufen war, die Ohren wie die Flügel eines Vogels aus dem hohen Gras hervorspringend. Bald begruben wir ihn und ließen den Teppich, auf dem er die letzten Jahre gelegen hatte, reinigen.

Die Teenager-Alter hielt sich wie eine hartnäckige Grippe, doch auch sie ging vorüber. Erst als mein Körper mit Anfang Zwanzig die Freiheit des Geistes benutzte, um mir verspannte Muskeln und Kopfschmerzen und andere chronische Unannehmlichkeiten zu bescheren, dachte ich wieder an Jaspar. An den jungen Jaspar, der mir vor unzähligen Jahren in einem Traum abhanden gekommen war.

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, dass es eine Zeit gegeben haben muss, eine längere Zeit sogar, in der ich der Schnellere von uns Zweien gewesen war. Es musste sogar einen Tag, eine Stunde in der Vergangenheit gegeben haben, zu der wir beide gleich schnell gewesen waren. Aber dieses Rennen waren wir nie gelaufen.

Schließlich studierte ich und landete in einem dichtbevölkerten und doch sterilen Großraumbüro. Ich legte mir jeden Morgen einen Schlips wie einen Hundehalsband um den Hals, erledigte außerhalb meiner Kaffeepausen unnütze Arbeiten, für die ich aber bezahlt wurde, und ging abends glücklich heim. Glücklich, weil ich erfolgreich meinen Lebensunterhalt verdient und nun ein paar Stunden Freizeit hatte, in denen ich in der Enge meiner sterilen und fast leeren Drei-Zimmer-Wohnung endlich unnütze Tätigkeiten verrichten konnte, für die mich keiner bezahlte.

Eines Herbstabends, als ich erschöpft meine Wohnungstür öffnete, begrüßte mich Jaspar. Er trottete mühsam heran, bellte schwach aber freundlich, und machte wieder kehrt, um sich auf dem teuren Wohnzimmerteppich schlafen zu legen. Instinktiv schnupperte ich nach, ob ihn Jaspar etwa schon verunreinigt hatte. Der Teppich roch aber noch nach Möbelhaus, und ich beschloss, sicherheitshalber mit Jaspar noch einen kleinen Spaziergang zu machen.

Am nächsten Tag rief mich mein Bruder an. Wie es mir denn so ginge, fragte er in seiner großbrüderlichen Art.

„Ganz gut. Japs ist hier.“ So hatten wir ihn immer genannt.

„Japs? Bruderherz, Japs ist tot. Und das schon seit zehn Jahren.“

„Mag sein. Aber jetzt ist er hier.“

„Na, dann viel Spaß. Und vergiss nicht, deinen Teppich abzudecken.“

Doch das war gar nicht nötig, denn Jaspar blieb stubenrein. Ich schätzte sein Alter auf das von einem Jahr vor seinem Tod, und im Laufe der nächsten Tage erschien mir Jaspar gar zunehmend jünger. Anfänglich hielt ich das für eine Täuschung.

Zwei Wochen später rief mich mein Bruder erneut an.

„Opa ist gerade zu Besuch“, verkündete er.

„Welcher?“

„Opa Wilhelm.“ Es war eigentlich egal, welchen er meinte, denn beide unserer Großväter waren schon vor Jahrzehnten sanft entschlafen.

„Aha. Wie geht´s ihm denn?“

„Prächtig. Und er redet viel von früher. Wie schon immer. Was macht Japs?“

„Er scheint das richtige Futter zu kriegen, denn er jagt schon wieder den Autos nach, wenn man nicht aufpasst.“

„Toll! Das hat er schon seit Ewigkeiten nicht mehr gemacht. Aber das kann in der Stadt ganz schön gefährlich sein -“

„Ich passe halt auf.“

Wie alle jüngeren Geschwister hatte auch ich eine angeborene Abneigung gegen Ratschläge meines älteren Bruders. Außerdem war auch Opa nicht gerade ein Kind der Großstadt. Einen Hund zu halten war eine Sache, aber einen Großvater…, naja.

Weihnachten nahte mit dreckigen Schritten, um einmal wieder den ersten Schnee des Winters zu verunreinigen. Inzwischen hatte Jaspar sein letztes graues Haar verloren und versprach knurrend, mir dieses Jahr den Nikolaus vom Halse zu halten. Sollte er doch mal seinen nächtlichen Einbruch bei mir versuchen, dieser alter Narr.

Wie immer schaffte er es doch. Ich rief meine jüngere Schwester an, um mich für ihre Geschenke zu bedanken. Da wir alle in verschiedenen Städten wohnten, meine beiden Geschwister im Gegensatz zu mir aber verheiratet waren und somit im eigenen Kreise feierten, erledigten wir die Bescherung auf dem Postweg.

„Die selbstgestrickten Socken passen perfekt,“ – das stimmte – „und der Kerzenständer gefällt mir auch außerordentlich.“ Das stimmte nicht. Ich wusste sogar schon, an wen ich ihn weiterverschenken würde.

„Danke für das Buch. Klingt echt interessant.“ Mir war dieses Jahr nichts Besseres eingefallen. Mir war noch nie etwas Besseres eingefallen. Ich wehrte mich gegen Einfälle wie gegen den Weihnachtsmann.

„Sag mal, hast du mir Duffi geschenkt?“

„Duffi?“ fragte ich verwirrt. Das war ihr einäugiger Teddybär gewesen. Sie hatte als Kind an ihm gehangen wie an ihrem Leben, und als Duffi eines Tages spurlos verschwunden war (er war verduftet, sagten wir Brüder), schien es wochenlang, als gehe es auch mit diesem zuende.

„Ja, Duffi! Er lag vor ein paar Tagen plötzlich in meinem Bett. Und keiner will ihn da hingelegt haben. Einer von euch muß ihn einfach irgendwo wiedergefunden haben und ihn dann Martin gegeben haben. Aber nicht mal Mama will damit etwas zu tun gehabt haben. Sogar Martin hält dicht. Ihr Schlingel…“

Auch das Weihnachtstelefonat mit meinen Bruder brachte ich mit Bravour hinter mich.

„Bruderherz, danke für die -“ Und so weiter.

„Hast du von Duffi gehört?“ fragte er schließlich.

„Ja, aber ich war´s nicht.“

„Merkwürdig. Was macht Japs?“

„Freut sich des Lebens. Und Opa?“

„Willi? Ach, ihm geht´s bestens. Er hat sich sogar an der Uni für -“

Willi?“

„Heutzutage kann mit vierzig Jahren doch nicht als ‘Wilhelm’ durchs Leben gehen.“

„Schon vierzig? Naja, ich hoffe, du kannst Windeln wechseln.“

Ich erzählte ihm nicht, was ich noch nie jemanden erzählt habe. Nämlich, dass ich mit dreizehn Jahren nach einem Streit mit meiner Schwester einen solchen Wutanfall hatte, dass ich Duffi mit einem Schälmesser die Innereien entfernte, um darauf seine sterblichen Überreste und damit sämtliche Zeugnisse meiner Untat im nächstgelegenen Müllcontainer zu versenken. Ich hatte nie den Mut gefunden, um das Geheimnis um den verdufteten Teddybär zu lüften.

Am Morgen des dritten Weihnachtstages machte ich mit Jaspar außerhalb der Stadt einen ausgedehnten Winterspaziergang. Schließlich befanden wir uns auf einer schneebedeckten Wiese, die einen Hügel hinauf zu den Bahngleisen führte. Die Luft war klar wie Kristall, und für einen Moment vergaß ich, dass ich existierte. Meine Gedanken hüpften geradezu gedankenlos durch die Raumzeit und landeten schließlich in den Pranken des großen Bären. Doch anstatt mich zu Sternenstaub zu zermalmen, lächelte er selig und schaute zu seinem kleinen Gegenpart herüber. Der kleine Bär sah Duffi täuschend ähnlich – er war sogar Duffi. Mir fiel auf, dass er inzwischen das Stereosehen wiedererlangt hatte. Seine Augen strahlten mich vergebungsvoll an, und erst das Zischen eines herannahenden Schnellzuges brachte mich zur Erde zurück.

Oben an den Gleisen, mit dem Rücken zu uns, stand der Weihnachtsmann. Er wartete darauf, den nächsten Schritt zu machen.

Von tiefem humanitärem – ja geradezu weihnachtlichem – Geist ergriffen, rannte ich auf ihn zu. Als ich ankam, war es aber schon zu spät. Jaspar flüchtete mir jaulend entgegen, offensichtlich hatte Nikolaus blankgeputzter schwarzer Stiefelspitze ihn schmerzlich getroffen.

Der schwere Körper des Weihnachtsmannes segelte träge durch die Luft und landete mit einem dumpfen plop neben mir. Der Kopf fehlte. Jaspar gab ein befriedigendes Knurren von sich, und wir spazierten zu unserem Auto zurück.

Es war eine komische Welt, in der Weihnachtsmänner Selbstmord begingen, ich versuchte, sie davon abzuhalten und Züge unverdrossen weiterfuhren. Ich habe aber nie behauptet, sie zu verstehen. Ich war froh, endlich meine Ruhe zu haben.

Auf der Rückfahrt fiel mir ein, dass ich in meinem erfolglosen Bemühen, Nikolaus vor seiner nun letzten postweihnachtlichen Depression zu retten, vor Jaspar los gelaufen, er aber deutlich vor mir angekommen war. Liebevoll streichelte ich seinen Kopf.

Japs kläffte leise, mehr schlafend als wach, und als ich zuhause ankam, war er schon in die Vergangenheit entschwunden.

————————–

Advertisements

Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
Dieser Beitrag wurde unter Unechte Geschichten abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Eine kleine Weihnachtserinnerung oder Wie der Nikolaus auf den Hund kam

  1. Steffi schreibt:

    Die Geschichte ist so schön. Am liebsten würde ich sie selbst erleben 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s