Postnatale Planlosigkeit, Teil 3

Seit der Allgegenwärtisierung des Handys – inklusive Headset -, ist es üblich geworden, überall vor sich hin brabbelnde Menschen anzutreffen. Was früher den eigenen vier Wänden vorbehalten war, findet heute in aller Öffentlichkeit statt – im Supermarkt, im Bus, auf dem Gehweg. Noch vor zwanzig Jahren war ein einsam umher wandelnder Plappergeist ein klarer Fall für den Irrenarzt. Heute ist diese Erscheinung Normalität.

Dies kommt mir sehr entgegen, denn ich bin tatsächlich irre. Ich denke gerne laut, und das auch auf offener Straße. Dabei bemerke ich oft recht spät, dass ich gerade hörbar vor mir her sinniere. Vermutlich hilft mir das Artikulieren meiner Gedanken, diese halbwegs sinnvoll zu ordnen.

In der vergangenen Woche litt ich zusätzlich unter PnP (Postnatale Planlosigkeit), was meine eh schon schlecht ausgebildete Grundfähigkeit, in der realen Welt zurecht zu kommen, nicht gerade verbesserte. Nach einem Vormittag voller Amtsgänge spazierte ich vom geparkten Auto zum Krankenhaus, um den Neugeborenen und die Neugebärendte (nee, wie heißt das richtig?, ich meine „die, die neu gebahr“) zu besuchen. Dabei gratulierte ich mir lauthals zu dem bisher Geleisteten: Sehr gut. Familienkasse und Eltergeldstelle geschafft. Heute noch: Post und Krankenkasse. Seeeehr Gut.

Ich passierte eine Einfahrt, in der eine Frau kniend ihr Auto putzte (oder ausräumte oder anbetete, ich habe nicht genau hingeschaut). Da wurde mir gewahr, dass ich gerade handyhabendgleich vor mir hin brabbelte, und obwohl die Frau nicht mal zu mir heraufschaute, fügte ich meinen laut ausgesprochenen Gedanken ein

Ich rufe dich nachher zurück!

hinzu.

Wo wäre ich ohne meine Bluetooth-Verbindung ins Nirgendswo?

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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4 Antworten zu Postnatale Planlosigkeit, Teil 3

  1. gnaddrig schreibt:

    In so weggetretenem Zustand so elegant zu improvisieren hat was, alle Achtung! Das zeugt von Stil 🙂

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