Modelle auf die Schnelle

Wer in einem halbwegs modernen Unternehmen arbeitet und auch schon ein paar nicht-fachliche Seminare besucht hat, wird vielleicht das eine oder andere Persönlichkeits-, Kommunikations-, Führungs- oder Sonst-Was-Modell kennen gelernt haben. Ich finde diese Modelle faszinierend, weil ich auf sowas stehe gerne die Welt verstehen mag, und solche Modelle häufig einen Einblick in alltägliche psychologische Vorgänge gewähren.

Es sollte einem nur klar sein, dass dieser Einblick tatsächlich wie ein Blick durch eine Tür, aus einer bestimmten Richtung, ist. Anders gesagt: jedes Modell versucht, einen Teil der Wirklichkeit in vereinfachter, aber möglichst brauchbarer, Form abzubilden. Vor der Anwendung eines Modells sollte man wissen, wozu dieses bestimmte Modell überhaupt geeignet ist, und wo seine Grenzen liegen.

In der praktischen Physik bzw. der Angewandten Mathematik kennt man eine Reihe von möglichen Modellfehlern. Dabei entstehen diese Fehlerarten nicht etwas aus Nachlässigkeit, sondern sie sind einfach dadurch bedingt, dass man eine sehr komplexe Wirklichkeit auf ein begreifbares, beschreibbares, rechenbares Verhalten herunterprojiziert.

Stellen wir uns vor, wir möchten die theoretische Fallgeschwindigkeit eines Steins bestimmen. Wir kennen dazu eine Formel, in der die Erdanziehungskraft und Zeit eingehen; und schon haben wir den ersten Modellfehler, da wir den Luftwiderstand vernachlässigt haben. Trotzdem mag diese Formel für unsere Zwecke ausreichend sein. Falls nicht, so können wir die Formel erweitern, um einen statischen Auftrieb zu berücksichtigen, und falls das auch nicht ausreicht, können wir auch die Reibung der Luft berücksichtigen, usw.

Des Weiteren gibt es den Diskretisierungsfehler, der dadurch entsteht, dass wir nur diskret rechnen können, obwohl die Welt stetig ist. So können wir die Fallgeschwindigkeit bei einem ausreichend komplizierten Modell, der Differentialgleichungen beinhaltet, immer nur in einer endlichen Anzahl von Zeitpunkten berechnet werden.

Zuletzt kann es noch einen Näherungsfehler geben, der dadurch bedingt ist, dass selbst die Bestimmung der diskreten Lösung derart zeit- und ressourcenaufwändig ist, dass man hier auf eine näherungsweise Lösung angewiesen ist.

So ist es auch bei psychologischen Modellen. Bei Wikipedia liest man zum Beispiel ganz fürchterliches über den Myers-Briggs-Typenindikator (kurz MBTI), wobei mich Teile der Kritik wundern. Wer ein Erklärungsmodell als Vorhersagemodell missbraucht, darf sich doch nicht wundern; der blickt sozusagen durch die falsche Tür und sieht das Holzgerüst und unverputzte Wände.

Außerdem werden bei diesem Modell Personen absolut dichotom in Schubladen gesteckt, was sicherlich zur Beurteilung eines Menschen völlig unsachgemäß ist, aber zum Beurteilen seines Verhaltens in bestimmten Situationen durchaus zweckdienlich sein kann. Sicherlich wären diese Beurteilungen bei weniger dichotom gestalteten Schubladen noch treffender, aber dass würde das Modell natürlich weiter verkomplizieren. Kurz: hier haben wir es mit einem Diskretisierungsfehler zu tun (welches das MBTI allerdings verschweigt – sie tun, als gäbe es diese Dichotomie wirklich -, was tatsächlich eine berechtigte Kritik darstellt).

Solche Fallstricken erwarten einen auch bei Kommunikationsmodellen. Hier hat man häufig noch die Schwierigkeit, die Analyse und die Entscheidung über das weitere Vorgehen noch in situ treffen zu müssen. Hier schlägt dann der Näherungsfehler zu!

Insgesamt: Augen auf bei der Anwendung von Modellen! Und trotzdem: manchmal sind diese Modelle das Beste was wir haben, und sachgemäß angewendet können sie sehr nützlich sein.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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2 Antworten zu Modelle auf die Schnelle

  1. tinyentropy schreibt:

    Eine sehr schöne Betrachtung der modellhaften Vorstellungen, derer wir uns täglich bedienen. In diesem Zusammenhang möchte ich Ideologien erwähnen, die nichts anderes sind: http://www.tinyentropy.com/2014/10/19/konvivialismus/

    • Pfeffermatz schreibt:

      Ich kann den verlinkten Artikel von tinyentropy sehr empfehlen, insbesondere ersetzt er meinen halb angedachten zweiten Teil zum Thema Modelle!
      Tatsächlich bedienen wir uns in einem fort Modelle, ohne uns dessen bewusst zu sein. Wenn wir unseren z.B. Bekanntenkreis einteilen („Bekannte“, „Freunde“, „gute Freunde“) und daraus Handlungen ableiten (Freunde rufe ich zum Geburtstag an, guten Freunden schenke ich sogar was, bei Bekannten warte ich mit meinen Glückwünschen, bis sich eine Gelegenheiti ergibt – uns so erwartet ich es auch von meinem Bekanntenkreis) haben wir ein Bekannten-Modell erstellt. Usw.

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