Belgischer Existenzbeweis

Letztens war ich mit meiner Frau in Brügge Kleidung für die Kinder einkaufen. Denn klar, was macht man sonst, wenn man zufällig durch Brügge fährt?

Na gut, eigentlich ein bisschen Sight-Seeing, ist doch klar. Dazu haben wir uns von unserem Navi ins Herz der Lagunen-Stadt fahren lassen, haben die halbe Urlaubskasse in die Parkuhr gesteckt (für die ersten Stunden; die andere Hälfte der Kasse mussten wir dann nachinvestieren) und wussten erst mal nicht, wo wir hin sollten. Wir hatten keine Karte, und unser Tom-Tom scheint keine vernünftige Karten-Funktion außerhalb des „Fahre-Mich-Dahin“-Betriebs zu haben. Da war unser letzter Navi (von Becker) besser.

Aber ich bin ja ein Meister im organisieren… also quatschte ich erst mal zwei junge amerikanische Studentinnen asiatischer Herkunft an, die etwas verloren durch die Gegend schauten. Und das Glück war mir hold: sie besaßen tatsächlich einen Plan von Brügge, wussten aber nichts mit diesem anzufangen. Sie hatten ihn tief in ihrem Rucksack vergraben und versuchten stattdessen erfolglos, das Schokoladenmuseum über ihre Smartfons zu orten.

Glücklicherweise konnte ich ihnen weiterhelfen; nicht etwa, weil ich Brügge so gut kennen würde, sondern weil sie direkt von dem Museum standen. Ich fungierte also als Navi-App-Erweiterung („da!“) und erhielt dafür den Stadtplan, eine total amüsante no-nonense USE-IT tourist map for young people made by young locals. Ich sach‘ mal: offenbar nicht for alle young people.

USE-IT-Bruges

Ich fand die Karte jedenfalls total klasse gemacht, auch wenn mir als Familienvater „Places To Park“ wichtiger gewesen wäre als „Places To Kiss“, aber dafür konnte ich was über die Geschichte Brügges lernen (zum Beispiel, dass zwischen 1500 und 1892 nicht erwähnenswertes passiert war: „Bruges falls asleep“), und wie man sich als „local“ zu verhalten hat, und dass der Eigentümer von „Joey’s Cafe“ eigentlich Stevie heißt.

Es gibt solche Karten für eine Handvoll europäische Städte, und es hat mich gefreut zu sehen, dass Aachen dabei ist! Ich muss mir unbedingt mal eine solche Karte besorgen.

Übrigens traf ich die zwei amerikanisch-asiatischen Studentinnen schon kurze Zeit später am nächsten Platz. Auf meine Frage, warum sie denn nicht im Schoko-Museum wären, meinten sie, es hätte „too educational“ ausgesehen.

Ein Place To Kiss

Wir liefen also durch die Stadt, entdeckten allerhand Kleidungsläden, aßen Nudeln aus Pappkartons und danach das leckerste Eis jemals, wickelten Babys im Windschatten der Rathaustreppe und widerstanden der Versuchung, überteuerte belgische Schokolade zu kaufen. Zwischendurch verprassten wir das Erbe unserer Kinder in der Parkuhr.

Drei Tage später fanden wir uns wieder in Brügge, da sich die Stadt zufällig auf der Strecke zwischen unserem holländischen Urlaubsort und meinen Schwiegereltern befand. Und dieses Mal konnten wir das lästige Sight-Seeing weglassen, obwohl ich meine USE-IT-Karte allzeit parat hatte, und konnten direkt zum Tagesordnungspunkt Kleidungskauf für die Kinder übergehen. Schließlich hatten wir den Bedarf und die Zeit und alle Kinder beisammen. So eine Chance lässt man sich nicht entgehen!

Wir waren dabei größenteils erfolgreich, bis auf die schwarzen Chinos, die ich für meinen Sohn suchen sollte. Da ich selber großer Chinos-Fan bin, schwor ich, dass es sowas wie „schwarze“ Chinos nicht gibt (sondern nur „hell“, „heller“, „blau“ oder „häßlich-grün“) . Meine Frau wollte das nicht unbedingt wahr haben, aber die Auswahl in den Geschäften gab mir recht. Ich feierte meinen Sieg, indem ich die Familie zu einem ausgiebigen Mittagessen bei Pizza-Hut einlud.

Von der realen Welt enttäuscht und frustriert nahm sich meine Frau vor, die schwarzen Chinos stattdessen in der virtuellen Welt, also im Internet, zu suchen. Diese Woche meldete sie Vollzug, aber bis die schwarzen Hosen nicht angekommen sind, glaube ich nicht, dass sie wirklich existieren.

Das erinnerte mich ja an meinen Kauf der Sherlock-Holmes-Münze aus Moskau. Auch da bin ich mir – trotz Vesandbestätigung – noch nicht sicher, ob die Münze wirklich existiert. Zur Hölle, ich bin mir nicht mal sicher, ob Moskau wirklich existiert.

Brügge, aber, und das kann ich jetzt guten Gewissens behaupten, existiert wirklich. Schließlich habe ich einen Stadtplan davon.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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15 Antworten zu Belgischer Existenzbeweis

  1. franhunne4u schreibt:

    Ich habe auch schon einen Stadtplan von Ankh-Morpork gesehen …

  2. gnaddrig schreibt:

    Also, bis vor gut 10 Jahren hat Moskau tatsächlich existiert. War eine große Stadt mit zuvielen Autos und fast immer schlechter Luft. Was seitdem passiert ist, weiß ich natürlich nicht…

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