Sturmskandal im Radio

Vor einigen Tagen weitete sich das Skandal um das zur Verteidigung des Vaterlandes völlig ungeeignete Sturmgewehr G36 aus: nicht nur das 1) sich das Ding mitten im Feuergefecht schiefschmilzt, nun kommt auch noch raus, dass 2) die Herstellerfirma Leckmich&Noch das Verteidigungsministerium darum bat, die „kritische Berichterstattung über das G36“ zu stoppen, und dass 3) das Verteidigungsministerium diesem Ansinnen gerne nachkam! Schließlich wurde 4) der Militärische Abschirmdienst um aktive Mithilfe beim Ausspähen von Journalisten gebeten und dazu sogar auf höchster Ebene von LeckmichAuchNochmal bearbeitet.  Nach all diesen Scheußlichkeiten 1)  bis 4) ist es geradezu wunderbeglückend, dass 5) der MAD dieses Ansinnen ablehnte, wenn auch nur aufgrund (angebllich) fehlender Zuständigkeit.

Vor wenigen Tagen kommentierte der Morgen-Moderator im örtlichen Dudelfunk diese eben beschriebene Sachlage gänzlich ironisch mit den Worten:

Unglaublich. Da wollte die Wirtschaft tatsächlich Einfluss auf die Politik nehmen. So was gab es noch nie, viele Grüße an die Autoindustrie.

Das lies mich sprachlos, weswegen ich diese Aussage hier eben schreibend kommentieren möchte:

Der Skandal liegt nicht darin, dass „die Wirtschaft tatsächlich Einfluss auf die Politik nimmt“, und ich finde es schade, dass der ahnungslose Moderator diese Tatsache dem müden Morgenpublikum als solches zu vermitteln versucht. Ganz im Gegensatz dazu glaube ich, dass alle Akteure und Betroffene eines politischen Systems auf diesen Einfluss nehmen können und sollen.

Denn Politik ist keine geschlossene berliner Veranstaltung, sondern dient der Regelung  des Gemeinwesens, und da darf das Gemeinwesen gerne dran teilhaben. Keine Regierung und auch kein Parlament hat von sich heraus ausreichendes Wissen, um alle nötigen Entscheidungen zu treffen; sie ist auf Input von außen angewiesen, also von denen, auf die ihre Entscheidungen Auswirkung haben. Dazu gibt es einerseits Wahlen und anderseits die verschiedensten Formen der Interessenverbände.

Dass dieser Einfluss von außen nicht immer nach gerechten Kriterien erfolgt, steht auf einem anderen Blatt – ja, vielleicht sogar weiter unten auf dem gleichen Blatt. Wenn z.B. Kanzler mit Autobossen ins Bett Kabrio steigen, geht der Einfluss der entsprechenden Industrie weit über das Vermitteln von sachdienlicher Information hinaus. Überhaupt wäre es wünschenswert, wenn sich Firmen nur über die zuständigen Verbände an die Regierung wenden.

Aber all das hat aber mit dem vorliegenden Fall nichts zu tun. Denn SteckmichInsLoch hat nicht etwa die Interessen der Waffenindustrie gegenüber einer Regierung, sondern nur ihre eigenen gegenüber ihrem Kunden vertreten.

Und auch das wäre erst mal ok, wenn sich das Vorgehen dabei im schwierigen Rahmen der Moral und im etwas einfacheren Rahmen der Legalität bewegen würde. Leider hat aber Meckler&Kotz 1) ihrem Kunden Scheiße geliefert und dabei das Leben von Soldaten gefährdet. Spätestens nach den ersten internen Berichten über die Probleme mit dem G36 muss man der Waffenschmiede dabei nicht bloß Mängel in der Produktion, sondern 2) der Firma wie auch 3) dem Verteidigungsministerium bewusste Inkaufnahme von toten Soldaten und mutwillige Täuschung vorwerfen. Weil all das vermutlich nicht ausreichend kriminell erschien, hat man gleich noch versucht, 4) unliebsame Gegner mit illegalen Mitteln mundtot zu machen und wollte dabei auch noch den vom Steuerzahler finanzierten Nachrichtendienst als Kampftruppe gegen die Aufklärung des Bürgers einspannen.

Und das ist der Skandal. Naja, ganz viele Skandale auf einmal.

Die Punkte 1) bis 4) halte ich für kriminelle Vorgänge, und zwar mit aufsteigender Schwere. Ich wünsche mir, dass es hier nicht nur bei ein paar Versetzungen ins Ausland und schlimmstenfalls der einen oder anderen Beurlaubung bleibt. Stattdessen hoffe ich, dass es hier zu einer dem Gemeinwohl dienlichen strafrechtlichen Verfolgung kommt.

Und ich wünsche mir, dass zukünftig ahnungslose Radio-Moderatoren ihre unbeabsichtigen Versuche der politischen Fehlbildung zugunsten eines müden Gags am Morgen unterlassen.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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3 Antworten zu Sturmskandal im Radio

  1. ...der Berliner schreibt:

    Sehr gut beschrieben und auch ich wünschte mir, dass diese Machenschaften gerecht bestraft würden. Aber dann müsste man bis in die Zeit der Rot-Grünen-Koalition zurück recherchieren und dann würde noch viel mehr Mist an´s Tageslicht kommen.
    Aber über unfähige Morgenjournalisten kann ich auch ein Lied singen.

    G. l. G. Jochen

  2. franhunne4u schreibt:

    „Und ich wünsche mir, dass zukünftig ahnungslose Radio-Moderatoren ihre unbeabsichtigen Versuche der politischen Fehlbildung zugunsten eines müden Gags am Morgen unterlassen.“ DAS ist nun wirklich zu viel verlangt.

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