Klingt wie Deutsch

Heute Abend im Bus klärte auf den Plätzen neben mir eine (deutsche) Frau ihren (nichtdeutschen) Bekannten über die schwierigeren Feinheiten der deutschen Sprache auf:

Es heißt zum Beispiel: Ich bin der, der sich veräppelt gelassen hat. Das sind gleich drei Zeiten in einem Satz!

Diese unfreiwillig lustige Aussage könnte fast unter der Rubrik „Rätsel“ laufen: Zählen Sie die Fehler!

Mich erinnerte das sofort an den Satz

Als das Telebimmel fonte treppte ich die Rannte runter und türte gegen die Bums.

von dem es im Netz allerlei Versionen gibt. Und das bringt mich wiederum zum noch viel berühmteren Unsinns-Gedicht von Lewis Carroll, das im englischen mit den folgenden zwei Strophen beginnt:

Twas brillig, and the slithy toves
Did gyre and gimble in the wabe;
All mimsy were the borogoves,
And the mome raths outgrabe.

Beware the Jabberwock, my son!
The jaws that bite, the claws that catch!
Beware the Jubjub bird, and shun
The frumious Bandersnatch!

Deutsche „Übersetzungen“ gibt es mehrere, z.B. ganz originalgetreu aber etwas holprig von Robert Scott:

Es brillig war. Die schlichte Toven
Wirrten und wimmelten in Waben;
Und aller-mümsige Burggoven
Die mohmen Räth‘ ausgraben.

»Bewahre doch vor Jammerwoch!
Die Zähne knirschen, Krallen kratzen!
Bewahr‘ vor Jubjub-Vogel, vor
Frumiösen Banderschntzchen!«

oder viel freier und unterhaltsamer von Lieselotte & Martin Remané:

Es sunnte Gold, und Molch und Lurch
krawallten ‚rum im grünen Kreis,
den Flattrings ging es durch und durch,
sie quiepsten wie die Quiekedeis.

»Nimm dich in acht vorm Brabbelback,
mein Sohn! Er beißt, wenn er dich packt.
Reiß aus, reiß aus vorm Sabbelschnack,
vorm Jubjub, der dich zwickt und zwackt!«

und womöglich am gekonntesten (und am ernsten) noch vom Christian Enzensberger:

Verdaustig war’s, und glaße Wieben
rotterten gorkicht im Gemank.
Gar elump war der Pluckerwank,
und die gabben Schweisel frieben.

»Hab acht vorm Zipferlak, mein Kind!
Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr.
Vorm Fliegelflagel sieh dich vor,
dem mampfen Schnatterrind.«

Mir gefällt aber nicht, dass Enzensberger den Kreuzreim abab des Originals durch einen umarmenden Reim abba austauscht, denn dadurch geht viel vom sprachlichen Fluss verloren, der dieses Gedicht mit ausmacht. Das tolle am originalen Jabberwocky ist, dass es sich so fließend und natürlich – und verständlich! – liest, obwohl soviel Unsinn drin steckt. Gerade die erste Strophe ist reiner Stimmungsaufbau, dessen unheimliche Spannung rein über den Klang der Wörter funktioniert.

Irgend sowas Freundliches möchte ich eigentlich auch über die Dame im Bus sagen, aber leider passt mir fallend nichts gerades ein. Ich melde mich, sobald ich mir was eingefallen gehabt lasse!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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10 Antworten zu Klingt wie Deutsch

  1. franhunne4u schreibt:

    Ach ja, der Jabberwocky …

  2. gnaddrig schreibt:

    Also, ich habe dem Jabergewockel nie was abgewinnen können. Die Übersetzung der Remanés kenne ich als Bilderbuch und habe das ganze total bescheuert gefunden. Der Aspekt mit dem Stimmungsaufbau per Klang ist natürlich interessant, und die Übersetzung von Enzensberger hat Charme. Sein Maul ist beiß, sein Griff ist bohr ist genial. Das gefällt mir dann doch )

  3. Der Emil schreibt:

    Hach, ich bin nicht allein!

    Zur Frau könnt ich sagen: «Kabs tulifon bom iser lon / fei fati wana krei.».

    • gnaddrig schreibt:

      Emil, jetzt hast Du mich an eine postdadaistische Spielerei erinnert, die ich vor einer Weile mal von mir gegeben habe: Dalbi qüwehn pävko zyg.

      • Der Emil schreibt:

        Ah, interessant. Aber dafür Regeln? das widerstrebt mir 😉

      • gnaddrig schreibt:

        Ja, schon irgendwie. Aber wie will man sonst verhindern, dass man in Althergebrachtes zurückfällt? Und überhaupt, widerspruchsfrei geht es sowieso nicht, irgendwo muss man immer Abstriche machen. Aber für Albereien reicht es allemal, und manchmal kommt sogar was Klangvolles bei raus 🙂

    • Pfeffermatz schreibt:

      Sprachkünstler unter sich! Ich bin ja mehr für die gnaddrig-Methode, da für mich der besondere kreative Reiz beim Dichten im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Zwang liegt. Der Zwang wird durch Regeln, z.B. Versmaß und Reimschema vorgegeben, und schränkt die Beliebigkeit des Schaffens ein.
      Aber mit Zwölfton-Musik kann ich trotzdem höchsten auf intellektueller Ebene was anfangen! Und Emils Gedicht liest sich tatsächlich ganz wunderbar, und ich wette, dass er dabei unterbewusst ein paar Regeln Richtung Wohlklang verfolgt hat.

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