Atem- und Fassungslos

Heute morgen hatte ich unbeabsichtigt eine Premiere: ich habe zum ersten Mal das Lied Atemlos von Helene Fischer im Radio gehört. Irgendein Junge hat sich in der Lokalradiomorgensendung den Song für seinen Papa gewünscht, und nun saß ich da am Frühstückstisch und lies die Neugier siegen statt aufzustehen und auf „Martini in the Morning“ umzuschalten.

Natürlich kenne ich den ohrwurmträchtigen Refrain aus 1001 Fernseheinspielungen…, wer nicht? – und ich war naiverweise der Meinung, der ungeheuer Erfolg von Atemlos würde daran liegen, dass dieses Lied auch sonst irgendwie aus der dumpfen Einöde des Schlagersumpfs herausragen würde. Was wurde ich enttäuscht…

Enttäuscht trifft es nicht. Ich war entsetzt, und bin es immer noch. Wahrhaftig entsetzt. Dies ist das Lied, das sich 2014 länger in den deutschen Single-Charts hielt als Lieder von Tawil , länger als Mark Forster, länger als Bourani und Cro und Unheilig und Grönemeyer und Meyle zusammen? Gut, das sind zum Teil auch recht traurige Acts, aber…, aber…

Aber ich verbiege die Tatsachen: Lieder war zehn Wochen länger in den Charts als Atemlos, nur verteilten sich diese 24 Wochen auf 2013 und 2014. Und in Summe über die letzten paar Jahre überholen allerhand deutschsprachigen Künstler die gut Helene. Und trotzdem…

Trotzdem: entsetzt trifft es nicht ganz. Eher traurig. Traurig, dass die deutschen so was lieber hören als Revolverhead. Und sowas, davon konnte ich mich heute morgen überzeugen, ist leider wirklich schlichtester Disco-Schlager aus dem Computer. Und – sorry, liebe Helene-Fischer-Fans – am Gesang kann der Erfolg wohl auch nicht liegen.

Die Frau mag ja eine sehr saubere Stimme haben, aber… so… so… rein. Irgendwie hat sie den gesanglichen Ausdruck eines Sinusgenerators. Diese kalte Perfektion passt sicherlich hervorragend zu flächendeckenden Synthesizern und programmiertem Schlagzeug, wirkt dabei aber seelenlos wie ein Kampfdroide.

—–

Das war böse. Jetzt muss ich zurückrudern.

Denn ich will sicherlich kein Helene-Bashing betreiben. Sie scheint mir – so weit ich es den gelegentlichen Fernsehschnipseln entnehmen kann – eine super nette und sicherlich sehr liebe und natürlich wunderschöne und zweifellos intelligente und auch sehr sehr talentierte Frau zu sein. Ich würde sie jederzeit heiraten zu einem Kaffee einladen.

Aber sie scheint mir eben eine Perfektionistin zu sein, die ihre Stimme wohl eher vor ihrer super netten sicherlich lieben natürlich wunderschönen zweifellose intelligenten Seele schützt, als dass sie diese in ihren Gesang einfließen lässt.

—–

Schade. Und wenn man ihr dann noch einen Komponisten aus Fleisch und Blut statt aus Silizium und Assembler-Code zur Seite stellen würde, könnte aus der Frau ja echt mal was werden. Und vielleicht sollte sie noch ein bisschen Klampfe lernen, das kommt gerade in den kleineren Locations zu Beginn ganz gut an, bevor man im weiteren Verlauf der Karriere den einen oder anderen Festsaal füllt. Ich wünsche ihr viel Glück!

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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8 Antworten zu Atem- und Fassungslos

  1. franhunne4u schreibt:

    Endlich mal jemand, der auch offen einräumt, dass Frau Fischer überbewertet ist.

  2. Daniela Harkener schreibt:

    …ganz meine Meinung!

  3. gnaddrig schreibt:

    Jawoll, so isses. Sehr sauber und professionell, aber seelenlos. (Vom Text fange ich gar nicht an.) Die Beschreibung im Absatz vor dem Zurückrudern trifft voll ins Schwarze!

    Aber, Pfeffermatz, Revolverhead? Wirklich? Inwiefern sind die besser? Das ist doch genauso sterile Fassade, nur dass die echte Instrumente haben. Ich finde Revolverhead genauso unhörbar wie Helene Fischer. Ich schau mir ja auch nicht Becks-Werbung freiwillig an…

    • Pfeffermatz schreibt:

      Zum Thema Revolverhead: erwischt! Ich habe die doch nur als Beispiel einer der vielen Nicht-Helenes aus der Liste der erfolgreichsten deutschsprachigen Lieder 2014 erwähnt. Offenbar ein schlechtes Beispiel. Sorry. Ich kenne nicht mal bewusst was von denen, und kann das gerade auch nicht nachholen, da ich vorm TV sitze und meine Frau irgendwas schaut.
      Und nun zum eigentlichen Thema. Mir war der Absatz mit dem Zurückrudern wichtig, weil ich wirklich das Fräulein Fischer nicht nieder machen will. Tatsächlich scheint sie mit großer Professionalität ihr Ding zu machen, ist dabei ungeheuer erfolgreich, und – das ist wichtig – sie kommt im TV freundlich und sympathisch rüber. Ich mag nur ihr Genre – den Schlager – so was von überhaupt nicht, dass mir dabei schlecht wird. Und ihre überperfektionierte Art der Darbietung betont gerade das, was ich daran am wenigsten mag, nämlich das Hochglanzplastikhafte. Poliertes Plastik, alles Porzellan verkauft. Am Computer kalt kalkulierte Banalität, die auf einfachste Art die Knöpfe drückt.
      Ich habe kein Problem mit H. Fischer. Ich habe ein echtes Problem damit, dass sich so viele Angehörigen einer angeblich vernünftigen Art von solcher Soße einwickeln lassen. Ich erwarte mehr von den Menschen.
      Vielleicht rührt meine vorsichtige Sympathie für die Person Helene Fischer auch aus dem direkten Vergleich mit Heidi Klum, die mir beim Begriff „kalter Perfektionismus“ als erste einfällt. Im Gegensatz zu H. F. wirkt H. K. nämlich derart eiskalt und verbissen, dass ich echt Angst hätte, mit ihr im selben Raum zu sein.

      • gnaddrig schreibt:

        Ok, das beruhigt mich (wg. Revolverheld). Wenn Du Dir die anhörst – handwerklich saubere, eingängige Musik, die so tut als wäre es Rock, ist aber in Wirklichkeit Fahrstuhlmusik.

        Der Vergleich Klum – Fischer gefällt mir, sehe ich ähnlich. Und dass Du Helene Fischer nicht persönlich runtermachen willst, sondern Dich an ihrer Musik und dem Geschmack der Massen störst, ist deutlich geworden. Finde ich gut 🙂

  4. BOWMORE Darkest schreibt:

    Jede(r), der Erfolg hat, hat genau diesen Erfolg verdient. Mindestens. Erfolg ist auch nicht planbar. Und er ist ein hartes Stück Brot.

    • Pfeffermatz schreibt:

      Ganz so würde ich diese Aussage (tatsächlicher Erfolg = verdienter Erfolg) nicht unterschreiben wollen. Aber gerade der Erfolg von H. F. ist sicherlich hart erarbeitet und sehr verdient. Wie schon oben im Kommentar oben ausgeführt, reibe ich mich weniger an der Person H. F, als an der Masse der Hörer. Es macht mich traurig, das so durchschaubare Musik so erfolgreich ist.

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