Kein Empfang unter diesem Gedächtnis

Meine Frau hatte gestern einen runden Geburtstag. Ich verrate mal nicht welchen, aber 18 sind wir alle nicht mehr…

Sie hatte sich schon lange einen französischen SAT-Receiver mit TNT-Karte gewünscht, um die üblichen französische Sender hier in Deutschland empfangen zu können (das geht nur so). Währende des Osternbesuchs bei meinen Schwiegereltern in Frankreich hatte ich dann – in ihrem Beisein – einen solchen gekauft. Als wir zuhause ankamen, versteckte ich in schnell an einer supergeheimen Ort, wo ich recht sicher war, dass sie nicht zufällig drauf stoßen würde. Zwar wusste sie ja schon von dem Geschenk, aber irgendwie hielt ich es für geburtstäglicher, wenn das Geschenk bis zur großen Bescherung erstmal wieder außer Sichtweite wäre.

Die vergangene Woche hatte ich das sehr seltene Glück, für ein paar Tage Strohwitwer zu sein. Meine gesamte Familie residierte samt Schwiegereltern für eine Woche in Holland, wo ich nur übers Wochenende mit war. Während der Woche musste ich ins Büro, und ansonsten lautete mein Plan: saufen, kiffen, Frauen aufreißen die Liste der aufgenommen aber nie geschauten Filme verkürzen, lecker Essen zubereiten, mal wieder etwas mehr Bloggen, liegengelassene Schreibprojekte wieder aufnehmen – das übliche, halt – und natürlich den Geburtstag meiner Frau vorbereiten, indem ich eine Karte schrieb, einen Kuchen buk, und die Geschenke einpuk.

Gleich nach meiner Ankunft am Sonntag Abend suchte ich schon mal den SAT-Receiver. Ich konnte mich gar nicht mehr erinnern, wo ich ihn versteckt hatte, aber eigentlich kamen dafür nur zwei Verstecke in Frage. Im ersten war er nicht. Kein Grund zur Beunruhigung. Im zweiten auch nicht. Hmmm.

Ich also einen ironischen Blog-Artikel über mein Wochenende rausgehauen und World War Z geschaut, um Montag nach der Arbeit den blöden Receiver mal zu finden. Nach dreistündiger Suche wusste ich dann am Montag Abend 1.) ziemlich genau den Inhalt aller 73 Schränke im Haus, 2.) dass ich auf ein Problem zusteuerte. Ich schlief schlecht, und das nicht nur, weil ich bis Mitternacht Die Frau in Schwarz geschaut hatte.

Am Dienstag begann ich mich auf Plan B vorzubereiten: Mittags in der Stadt nach einem Ersatzgeschenk (Schmuck) und Bastelmaterialen für eine etwas aufwendigere Karte (Plakatgröße) gesucht, und Abends eine Stunde in die erfolglose Suche investiert, danach gebastelt.

Mittwoch Abend verlief ähnlich: Suchen und Basteln, bis spät in die Nacht Dark Flight – Ghosts On A Plane geschaut. Donnerstag Abend dann: Geburtstagsplakatkarte fertig basteln, Geschenke von Kindern einpacken, Kuchen backen, Brief schreiben, Receiver-Karton nachbauen, Schmuck und Brief in nachgestellter Receiver-Verpackung verstauen, einpacken, Wohnzimmertisch drapieren, Dark Legends (The Shortcut) bis Mitternacht. Das Suchen hatte ich inzwischen eingestellt.

Unser Haus umfasst vier Etagen, inklusive überfülltem Keller, dafür aber den rattengeplagten Spitzboden nicht eingerechnet, denn dort würde ich niemals etwas außer Rattengift verstecken. Und eine Garage gibt es auch. Alle Etagen besitzen prall gefüllte Schränke, kaum erreichbare Stauräume, unsichtbare Ecken und Poltergeister-Behausungen hinter und unter den Möbeln. Aber wo würde ich einen Receiver verstecken?

Ich schwöre, ich habe alle erreichbaren und nicht erreichbaren Stellen mehrfach durchsucht. Zum Schluss sogar die Verstau-Räume, die überhaupt nicht zu meinem Revier zählen (Kleidungsschränke von Frau und Kindern, Stoffsammlungen und dergleichen).

Ein russischer Kollege riet mir, ein Geldstück unter einem umgestülpten Trinkglas zu legen. Ein alter Trick aus der Heimat, um das Unterbewusstsein auf die Sprünge zu helfen. Half aber nicht; vielleicht kann mein Unterbewusstsein kein russisch. Er riet mir, auch an unmöglichen Stellen – wie im Kühlschrank – zu suchen; auch das sollte das Unterbewusstsein anspornen. Im Kühlschrank hatte ich aber schon längst gesucht.

Intensives Nachdenken, Autogenes Training, Meditieren, Gedankenspiele, Nachstellen der Situation, etc. – alles probiert, nichts gehülft.

Freitag Spätnachmittag dann die receiverfreie Bescherung für das heimgekehrte Geburtstagskind. Freitagabend dann Fortsetzung der Suche, diesmal zu viert. Freitag später am Abend der Vorschlag meinerseits, man könnte ja Samstag nach Belgien fahren um zu schauen, ob es dort einen TNT-Receiver gäbe. Danach kein Horrorfilm, sondern Kartenspielen (Phase 10), auch zu viert. Ich wurde Letzter.

Samstag weiteres Suchen: Kellerschrank mit Bastelsachen und Fotos ausgeräumt, dabei fiel der oberste Regalboden herunter und nahm die unteren zwei mit. Jetzt kenne ich den auch den Inhalt des Bastelschranks ganz genau. Der Receiver zählt nicht dazu.

Den Kindern zwanzig Euro versprochen, falls einer den verdammten Receiver fände. Frau möchte später nach Belgien fahren, um Klamotten zu suchen. Ich schlage vor mitzukommen, auch wenn ich nicht wüsste, wo es dort einen Elektroladen gibt, und ich ziemlich sicher weiß, dass die Teile nur in Frankreich vertrieben werde. Aber schon des schlechten Gewissens wegen.

Nachmittags auf dem Klo weiter meditiert. Mir kam wieder der Wohnzimmerschrank mit den Musiknoten und der mit den Brettspielen in den Sinn, die ich natürlich auch schon durchsucht hatte. Also nochmal die Noten und Blockflöten rausgekramt. Nichts. Die hundert Brettspiele rausgekramt. BINGO!

Unglaube. Staun. Receiver. Jubel! Da hatte ich doch schon gesucht? Jubel! Kinder gerufen. Jubel! Meine Frau gesucht – sie wusch gerade das Auto. Jubel! Ich muss nicht mit Klamotten Kaufen gehen – Doppeljubel!

Stattdessen kann ich mich auf die Terrasse setzen und mir die verdammte Geschichte von der Seele bloggen.

Das Leben ist schön 🙂

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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5 Antworten zu Kein Empfang unter diesem Gedächtnis

  1. franhunne4u schreibt:

    Nicht erst Receiver installieren und zum Laufen bringen?

  2. koriandermadame schreibt:

    Bin ich froh, das der verschwunden war! Sonst hätte ich heute Abend nicht so lachen dürfen!!!

  3. sweetkoffie schreibt:

    Ente gut, alles gut 😂😂😂😂

  4. gnaddrig schreibt:

    Ich lege Dinge auch immer an Orten ab, „wo ich sie dann schnell wiederfinde“. Orte sind das, auf die man „mit etwas Nachdenken leicht kommt“, falls man vergessen haben sollte, wo man das Zeug gelassen hat, was aber nie passiert, weil „man ja weiß“ wo man das Zeug hingetan hat.

    Mit den von mir auf diese Art verlegten Sachen könnte man eine kleine Wohnung ausstatten, in der zum Suchen aufgewendeten Zeit hätte ich ein kleines Vermögen verdienen können. Aber dafür finde ich immer wieder nützliche Dinge (wie Schrauben für eine bestimmte Schranktür), meistens eine Woche nachdem ich den zugehörigen Schrank endgültig auf den Sperrmüll gestellt habe…

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