Italienische Einsichten: Bravo zum bellsto Bambino!

Schon im Vorfeld unseres ItalienUrlaubs wurde ich von wohlmeinenden Freunden und Kollegen vor der überbordenden italienischen Kinderliebe gewarnt. Da wir mit drei Kindern, darunter ein unglaublich süßes sechsmonatiges Baby, unterwegs waren, waren wir natürlich klare Zielobjekte für die unerfüllte Liebe eines kinderlosen Volkes (Italien hat eine ähnliche niedrige Geburtenrate wie Deutschland, nur offenbar aus ganz anderen Gründen).

Und tatsächlich wurde unser Kleinster, aka Kevin-Conan, in einem fort angehimmelt: selbst grimmig dreinblickende supermercato-Mitarbeiter hielten in ihren Regal-Räumarbeiten Kevin-Conan-1inne, um den Säugling auf meinem Arm die Füße zu tätscheln, und vierjährige Mädchen mit ihren noch kleineren Schwestern an der Hand wandten ihr sehnsüchtigen Blicke von der Eistruhe hin zum kahlen Cherubin, und sprachen mich an, ich soll den Kleinen zu ihnen herunter geben, wo sie ihn so lange am Kopf streichelten, bis ihm die letzten seiner wenigen Haare ausfielen.

Jeder Gang in Italien mit einem Baby auf dem Arm ist wie eine Siegerehrung. Man ist Chef, König, Erlöser, Held. Man HAT…EIN…BABY! Man hat alles richtig gemacht und die Welt liegt einem zu Füßen. Und natürlich ist dieses Baby auf deinem Arm das Süßeste, wo überhaupt gibt! Was zu Anfang eine willkommene Abwechslung gegenüber der in Deutschland vorherrschenden Einstellung („ein Kind = ein Problem“ und „zwei Kinder = sie haben ihr Leben im Dienst der nächsten Generation gestellt und verzichten auf jegliche Selbstverwirklichung“ und „drei Kinder = tiefes Unverständnis“ und „mehr als drei Kinder = asoziales Pack“) ist, kann selbst nach einer Woche etwas nerven: „Ich gehe mal kurz ins Tabacchi um Briefmarken zu holen, aber bleib du mit dem Kind draußen, sonst komme ich da unter einer halben Stunde nicht wieder raus“.

Kinder heißen auf italienisch bekanntlich bambini, aber viel schöner und gebräuchlicher ist die Bezeichnung ragazzi. So war unsere Tochter weniger eine bambina als viel mehr eine ragazzina, habe ich gelernt. Songtexte und Buchtitel sind in Italien voller ragazzis, so wie in Spanien die corazons unausweichlich sind (es gibt kein einziges spanisches Lied, in dem nicht das Wort corazon vorkommt, versprochen!). Offenbar haben die Italiener ein Kind an der Stelle, wo die Spanier ein Herz, die Schweizer ein Bankkonto und die Deutschen einen Plan haben.

In unserer zweiten Ferienwohnung klopfte am frühen Abend (laut italienische Zeitrechnung, also ca. 22:30) der Besitzer mit seiner vielleicht dreijährigen Tochter an unserer Tür, und verlangte sehr freundlich – im Namen seiner schüchternen bambina – nach dem bimbo. Ich dachte, ich höre nicht recht, und antwortete mit „Selber bimbo!“ und einem Tritt in die Weichteile.

Diese Beleidigungen scheinen die Kehrseite der italienischen Kinderliebe darzustellen: dauernd werden unschuldige Babys als bimbos – ich meine: bimbi – verunglimpft. Das ließen wir uns zuerst nicht gefallen, aber schon nach wenigen Tagen gewöhnten wir uns daran. Ich hörte damit auf, jeden, der meinem Zwergpinscher bimbo nannte, in die palle zu treten, und begrüßte von da an jeden Italiener mit der urdeutschen Formel „Na, du Penner!?“ Auch daran störte sich keiner. Vivi e lascia vivere!

So wirkt der italienische Urlaub auch bei uns in Aachen nach, und aus dem kleinen Kevin-Conan ist unser braungebrannter Ragazzi-Bimbo geworden, der pürierte Nudeln mit Kaninchenfleisch statt gestovte Möhren isst und sich die Haare lieber auf der Brust als auf den Kopf wachsen lässt.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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3 Antworten zu Italienische Einsichten: Bravo zum bellsto Bambino!

  1. gnaddrig schreibt:

    (es gibt kein einziges spanisches Lied, in dem nicht das Wort corazon vorkommt, versprochen!)

    Sorry, Pfeffermatz, wenn ich jetzt hier den aguafiestas gebe, aber „kein einziges“ ist nicht ganz richtig. Allerdings hat das herzlose Lied immerhin einen Reim auf corazón, das zählt auch fast 😉

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