Die drei Koffer.

Ein Märchen von heute.

Es war einmal ein Flüchtling mit drei Koffern –

Nein, besser:

Es waren einmal viele Millionen Flüchtlinge…

Nein, noch besser:

Es waren einmal viele Millionen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil sie keine mehr war.

Ja, so ist es richtiger: Sie verließen ihr Zuhause, welches nicht länger ein Ort der Geborgenheit war, sondern einer der Zerstörung, der Verfolgung, der Angst, des Todes. Zu sagen, dass diese Menschen auf der Suche nach einem besseren, menschenwürdigeren Leben waren, wäre ein grober Euphemismus. Sie suchten nicht, sie flüchteten. Sie wollten nicht woanders hin, sie mussten weg.

Und unter diesen Menschen war einer, der trug drei Koffer bei sich. Er trug sie während seines tagelangen Fußmarschs aus den Kriegsgebieten hinaus, durch die steinige Wüste, über die Berge zu den gierigen und gewissenlosen Schleppern auf den anderen Seiten, denen er sein Leben und das seiner Familie anvertraute.

Er trug sie bei sich, als er zusammen mit annähernd tausend weiteren Menschen einen kleinen Fischkutter bestieg, der ihn über das Meer bringen sollte. Und auch als er mit über siebzig anderen Menschen stehend in den Kühlraum eines Kleintransporters gequetscht wurde, waren die Koffer bei ihm.

Wahrscheinlich hat er es nie geschafft, die Kriegsgebiete mit ihren marodierenden Banden und Gewaltexzessen lebend zu verlassen. Unmöglich konnte er mit so wenig Wasser den Treck durch die Wüste überstanden haben. Vielleicht ist er aber auch in den Bergen verhungert oder oder verunfallt oder erfroren. Mit großer Wahrscheinlichkeit hat ihn der Schlepper nach Erhalt des Geldes getötet und liegen lassen. Kaum denkbar, dass der völlig überladene Fischkutter bei der ersten größeren Welle nicht gekentert sein soll. Wahrscheinlich ist er zusammen mit all seinen Mitreisenden im luftdicht verschlossenen LKW erstickt.

Aber falls der Mensch die Flucht überlebt haben und es am Ende tatsächlich in ein Erstaufnahmelager geschafft haben sollte, so würde sich der aufnehmende Beamte sehr über die drei Koffer gewundert haben. Wie um alles in der Welt der Mensch es geschafft habe, bei all den Strapazen und der Enge diese drei Koffer mit sich zunehmen, und warum, vor allem?

Jeder von uns, die wir flüchten, tragen diese drei Koffer mit uns.

würde der Mensch aus dem fernen Land dem staunenden Beamten antworten. Was denn in den Koffern so wichtiges drin sei?, würde dieser dann fragen.

Der Mensch würde den ersten der drei Koffer auf den Tisch legen. Dieser Koffer wäre verschlissen, zerbeult, zerschossen; er wäre unförmig und schwer und ohne Griff, fast unmöglich zu tragen, und er würde furchtbar stinken. Der Mensch würde den Koffer öffnen, und der Beamte würde entsetzt zurückweichen.

Ja, ich weiß – niemand will den Inhalt diesen Koffers sehen. Und glauben Sie uns, nichts wäre uns lieber, als diesen Koffer zurückzulassen. Aber wir können es nicht. Er gehört zu uns.

Es ist der Koffer unserer Vergangenheit, und er beinhaltet unsere ganze furchtbare Geschichte – unsere Leiden und unsere Hoffnungslosigkeit, unsere Krankheiten und unsere Kriege, unsere Toten, unsere Misshandlungen und unsere Verstümmelungen. So tragen wir, die wir an euren Küsten angeschwemmt kommen, das ganze Elend der Menschheit mit uns.

Vielleicht würde der Beamte Mitleid bekunden, vielleicht wäre er sogar betroffen. Aber vielleicht würde er sich denken, dass diese Menschen ihre Koffer lieber für sich behalten sollten.

Der zweite Koffer wäre ganz anderer Art: auch er wäre alt, aber er wäre fest und in brauchbarem Zustand und an manchen Stellen gepflegt. Vielleicht wäre ein Riemen erneuert worden und eine Schnalle würde glänzen. Er wäre mit bunten Aufklebern beklebt und trüge einen Anhänger mit sorgsam eingetragenem Namen. Beim Aufklappen des Deckels sähe der Beamte, dass der Koffer mit gewissenhafter Sorgfalt gepackt worden wäre.

Dies ist der Koffer unserer Gegenwart. Auf der linken Seite haben wir unsere Sorgen und Ängste verschnürt, doch gleich daneben sehen Sie – so stoßsicher wie nur möglich eingewickelt – unsere Hoffnung.

Und der Rest des Koffers, der ist prall gefüllt mit unseren Fähigkeiten und Kenntnissen, mit unserer Intelligenz und unserer Stärke, unserer Motivation und unserer Liebe. Dies ist unser Geschenk an euch, ihr dürft euch davon bedienen, und es würde mich wundern, wenn da nicht einiges dabei wäre, das auch ihr in diesem Land gut gebrauchen könntet.

Der Beamte würde lächeln, zum ersten Mal freundlich lächeln. Vielleicht würde es sich sogar bedanken. Und der dritte Koffer, würde er sagen, der dritte Koffer beinhaltet dann wohl die Zukunft, oder?

Nein.

Wissen Sie denn nicht, dass wir noch keine Zukunft haben? Wir können nur hoffen und beten und bitten, von Ihnen die Chance auf eine solche zu erhalten.

Der Beamte würde schlucken. Was ist denn dann in dem dritten Koffer?, fragte er.

Ach, der. Der gehört euch.

Den habt ihr bei uns vergessen, als ihr uns eure Waffen geliefert habt. Als ihr unsere Rohstoffe abgebaut habt. Als ihr euch unserer Arbeitskraft bedient habt. Den wollte ich zurück geben.

Es ist der Koffer der Schuld, oder der Verantwortung, oder der einen Welt. Wie ihr es haben mögt.

Und dem Beamten wäre klar, dass er den zweiten Koffer nur behalten könnte, wenn er auch den ersten annähme. Aber dass er den dritten Koffer auf keinen Fall wieder los würde.

Dass dies ein Ende ist, auch für uns, unaufhaltsam, egal wie wir uns entscheiden. Und dass jedem Ende ein Anfang innewohnt, und dass es diesen zu gestalten gilt.

Zusammen.

Denn den dritten Koffer werden wir nicht mehr los.

Advertisements

Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
Dieser Beitrag wurde unter Echte Geschichten, Unechte Geschichten abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Die drei Koffer.

  1. gnaddrig schreibt:

    Klasse, einfach klasse!

  2. schnipseltippse schreibt:

    Wow. Sprachlos. Vielen Dank.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s