Kurze Gedanken zu Menschen, Teil 2: Werte

Werte im psychologischen Sinn sind persönliche Richtlinien, an denen ein Mensch sein Verhalten ausrichtet. Im Netz finde ich die Beschreibung:

Wertvorstellungen (Werte) sind erstrebenswerte und subjektiv moralisch als gut befundene Eigenschaften, Qualitäten oder Glaubenssätze. Aus festgelegten und gewichteten Werten (Normen) resultieren, Denkmuster, Handlungsmuster und Charaktereigenschaften sowie Ergebnisse mit gewünschten Eigenschaften. Langfristig entsteht eine Kultur.

Auf der gleichen Site findet sich eine Liste mit ca. hundert Werte, so als Anregung (beginnend mit Achtsamkeit, Aktivität, Aktualität, Akzeptanz, Altruismus, Anerkennung, Andersartigkeit, Anmut, Ansehen, Anstand, …) Was Werte so spannend macht, sind dass sie unserem Handeln zugrunde liegen und dabei unverhandelbar sind.

Daraus folgt, dass Werte für Konflikte sorgen. Manch einer behauptet gar, dass hinter jedem Konflikt auch oder vor allem ein Wertekonflikt steht (wobei ich solchen absoluten Aussagen sehr skeptisch gegenüber stehe). In unserer Gesellschaft ergeben sich Konflikte zum Beispiel häufig aus dem Widerspruch zwischen den Werten Freiheit und Sicherheit:

Ist eine bestimmte Verbraucherschutzrichtlinie sinnvoll? Ist der Schutz des Verbrauchers in einem bestimmten Fall höherwertig als die unternehmerische Freiheit? Oder handelt es sich um eine unangemessene Gängelung des freien Unternehmers?

Oder wie sieht es mit der Fahrradhelmpflicht aus? Wiegt der Schutz des Bürgers und die Sicherheit seiner Angehörigen schwerer als seine Entscheidungsfreiheit?

Wenn sich zwei Personen über solche Bewertungen austauschen, und irgendwann alle Argumente auf dem Tisch gelegt und ausgiebig besprochen wurden, so gibt es auch dann einem Punkt, ab dem weitere Diskussionen sinnlos sind: und zwar wenn es schlussendlich nur noch um die persönliche Gewichtung der betrachteten Werte (z.B. Freiheit und Sicherheit) geht.

Und diese sind, wie gesagt, unverhandelbar. Unsere Werte zu Beginn werden zum großen Teil durch unsere Erziehung und der Gesellschaft, in der wir leben, bestimmt, und sie verändern sich im Laufe eines Lebens, sie passen sich sogar dauernd dem Erlebten an… aber nicht innerhalb einer Diskussion.

ლ( •_•)O*¯`·.¸.·´¯`°Q(•_• )

Wie komme ich jetzt drauf? Erstens, weil ich das Thema Werte schon seit langer Zeit für sehr spannend halte. Werte verstehen hilft Menschen zu verstehen. Und sorgt für weniger frustrierende endlose Diskussionen 😉

Und zweitens, weil mir das Thema im Zusammenhang mit den Flüchtlingen wieder hochgekommen ist. Wir müssen uns im klaren sein, dass hier Menschen aus einer völlig anderen Gesellschaft zu uns kommen, mit einem uns teilweise völlig fremden Wertesystem ausgestattet. Hier knallen Kulturen aneinander, und es kommt zu einem weiteren sehr spannenden Konflikt: Kommunikationsstörungen durch unterschiedliche Wahrnehmungen der Wirklichkeit.

Hier mal so ein Gedankenspiel:

Ein Mensch aus einem weit entfernten Land riskiert sein Leben, um nach Deutschland zu gelangen. Hier angekommen, erwartet er etwas, was in seinem Wertesystem weit oben steht: Respekt. Er erwartet, mit seinem Leid ernst genommen zu werden, und dazu gehört eventuell (ich spinne mal vor mir hin), von einem uniformierten Beamten empfangen zu werden. Denn vielleicht findet Respekt in seiner Kultur vor allem im hierarchischen Rahmen statt, also nach festen Regeln von unten nach oben (durch Gehorsam oder Ehrerbietung) und von oben nach unten (durch sich Zeit nehmen) statt, nicht aber auf gleicher Ebene.

In Deutschland erfährt der nun heimat- und besitzlose Mensch vor allem Mitgefühl, denn dies ist ein Wert, der bei uns sehr hoch im Kurs steht. Kein bärtiger uniformierter Beamter betreut ihn – das das fänden wir gefühllos -, stattdessen aber ein sehr freundlicher wenn auch leicht überforderter Ehrenamtler ohne weitere Befugnisse. Nun kann es im schlimmsten Fall vorkommen, dass der Ankömmling in der Hilfeleistung seines Betreuers weniger den aufopferungsvollen Dienst zu seinem Gunsten sieht, als vielmehr ein Nicht-Ernst-Genommen-Werden. Vielleicht hat er sogar das Gefühl, dass der Staat sich ganz aus seinem Elend raus hält, indem er einfache Zivilisten vorschickt.

Nur so ein Gedankenspiel, halte ich aber für möglich. Und vielleicht, nur vielleicht, empfände dieser Mensch die Betreuung durch eine Frau, die in seiner Kultur eventuell den Inbegriff der Ohnmacht darstellt, als besonders kränkend. Vielleicht gibt es diesen Fall nicht, aber wie auch immer: natürlich geht seine Interpretation der Ereignisse völlig an der Wirklichkeit vorbei, und vielleicht geht es uns genauso. Aber was können wir dagegen tun?

ʕ•̫͡•ʕ*̫͡*ʕ•͓͡•ʔ-̫͡-ʕ•̫͡•ʔ*̫͡*ʔ-̫͡-ʔʕ•̫͡•ʕ*̫͡*ʕ•͓͡•ʔ-̫͡-ʕ•̫͡•ʔ*̫͡*ʔ-̫͡-ʔʕ•̫͡•ʕ*̫͡*ʕ•͓͡•ʔ-̫͡-ʕ•̫͡•ʔ*̫͡*ʔ-̫͡-ʔ

Lass uns klar stellen: Auf keinen Fall sollten wir unsere Werte kompromittieren. Wir müssen uns aber des Problems klar sein und vielleicht die Zeit und die Mühe auf uns nehmen, den hier Ankommenden unsere „Welt“ zu erklären. Und wir müssen versuchen, ihre Welt zu verstehen, denn sonst ist die Kommunikation arg gestört, und unsere Hilfeleistungen eventuell für die Katz. Das bedeutet auch Schulungsbedarf für die Mitarbeiter.

Ich habe eine Bekannte, die als ehrenamtliche Mitarbeiterin Gespräche mit arabischen Flüchtlingen (als Übersetzerin, glaube ich) geführt hat. Jedenfalls spricht sie arabisch und kennt sich auch in der Kultur etwas aus, was ihr unschätzbar geholfen hat, aber auch so war die Arbeit derart aufreibend, dass sie irgendwann damit aufgehört hat. Sie hat übrigens nicht berichtet, dass sie als Frau nicht akzeptiert würde. Sie hat aber erzählt, dass sie das Gefühl hatte, dass Freundlichkeit häufig als Schwäche ausgelegt wurde. Dass ihr Gegenüber sich nicht ernst genommen fühlte, wenn sie lächelte. Werte, Werte, Werte. Das muss man wissen.

Wir sollten zu unserer Werten stehen. Europa hat sich seit dem zweiten Weltkrieg ein beachtliches Wertesystem geschaffen, auf das wir Stolz sein können. Toleranz, Gleichberechtigung und Freiheit stehen in unser Gesellschaft hoch im Kurs, auch wenn wir gerne vergessen, diese Werte ausreichend zu verteidigen (und auch wenn Dummheit und Ignoranz und Hass und Egoismus sich immer wieder ihren giftigen Weg bahnen, besonders in schwierigen Zeiten). Gerade in den Ländern, aus denen die Flüchtlinge häufig kommen, spielen diese Werte derzeit keine große Rolle. Ein Blick auf die Zustände dort und hier sollte ausreichen, um den Wert unserer Werte zu schätzen zu lernen.

Doch sollten wir dabei nicht allzu hochnäsig sein, denn erstens ist es historisch gesehen noch nicht lange her, dass wir kein solch „friedliches“ Wertesystem haben (ganz im Gegenteil…); und zweitens gibt es auch andere Kulturen, die ebenfalls sehr gut funktionierende Wertesystem haben. Und zwar solche, die ohne den bei uns vorherrschenden Materialismus auskommen. Es ist kein Wunder, dass viele Menschen unserer Gesellschaft sich den asiatischen Kulturen zuwenden; auch hier gibt es Lücken zu füllen.

Aber kein Krieg.

Und deswegen: unsere Werte sind schon einigermaßen geil. Aber verteidigen wir sie ausreichend? Offensichtlich nicht… Wenn Haßprediger in Deutschland und Europa lange Zeit unbestraft zum Massenmord aufrufen können, dann haben wir noch Arbeit vor uns. Und darin sehe ich eine große Chance im jetzigen Clash of Cultures: dass wir in Europa uns unserer gemeinsamen, hart erarbeiteten Werte gewahr werden und endlich anfangen, diese mit Stolz zu verteidigen. Dazu wird sich mindestens die Gesellschaft, die Politik und das Rechtssystem ändern müssen.

Wie sollen die hier ankommenden Menschen unsere Werte ernst nehmen, wenn wir es nicht tun? Natürlich ist das eine riesige Herausforderung, denn paradoxerweise sind es gerade unsere Werte selber (Toleranz und Respekt anderer Meinungen gegenüber, Friedfertigkeit), die es verbieten, sie mit allzu großer Gewalt zu verteidigen. Klar ist es einfacher in einer Kultur, die ihre wichtigsten Werte (sagen wir mal: Ehre, Anstand, Respekt, Ansehen, Treue, Gehorsam…) mit Waffen und drakonischen Maßnahmen verteidigen kann, weil solche Maßnahmen den Werten nicht widersprechen.

Wir sind da anders. Und das ist unsere Herausforderung: Werte, Werte, Werte.

Advertisements

Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
Dieser Beitrag wurde unter Deutschland abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Kurze Gedanken zu Menschen, Teil 2: Werte

  1. Charis schreibt:

    Deine Gedanken zu unseren, bzw. allgemein Werten sind klar und nachvollziehbar für mich.
    „Hier knallen Kulturen aneinander“ und „Clash of Cultures“ – ja, das ist genau der Zustand, in dem sich Deutschland momentan befindet. Da ist der Ottonormalo hilflos und oft auch zornig und
    es kommen wieder rechte Tendenzen auf, die mir persönlich mehr Angst machen als die fremden Kulturen. Daß Werte sich nur langsam wandeln, macht Integration ja so schwierig und Kommunikation auf {in etwa} gleicher Ebene ist der erste Schritt.
    Auch ich arbeite ehrenamtlich und stelle schon bei den Schülern fest,
    daß leider die Integration {trotz guter Schulbildung in Deutschland} bei manchen
    der 15- 19jährigen nicht vollständig gelungen ist.
    LG Charis ❤

  2. Charis schreibt:

    Zu deinem post passen die Gedanken von Herrn Ackerbau sehr gut –
    lies doch mal sein ‚Grundsätzliches‘:
    http://ackerbaupankow.blogspot.de/2015/11/grundsatzliches.html
    LG Charis 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s