Was uns das Heute bringt

Vor einigen Wochen inzwischen war der große “Zurück in die Zukunft“-Tag, ein wunderbarer und ausgiebig benutzter Anlass, um technische Vorhersagen mit der Realität abzugleichen. Passend dazu bin ich letztens auf das Essay Voraussagen vom leider viel zu früh verstorbenen Schriftsteller und Technik-Freak Douglas Adams aus dem Jahr 1999 gestoßen.

Die Zukunft vorherzusagen ist ein Idiotenspiel. Aber es ist zunehmend ein Spiel, das wir alle betreiben müssen, weil sich die Welt so rasch verändert und wir irgendeine Vorstellung davon benötigen, wie die Zukunft wohl aussehen wird, weil wir darin werden leben müssen, wahrscheinlich schon nächste Woche.

Gemeinsam mit dem von ihm darauf erwähnten Buch The Experts Speak amüsiert er sich über allerhand Fehleinschätzungen unsere Vorfahren, zum Beispiel über die Nutzung bzw. Nicht-Nutzung von Radio, Telefon, Computer und Handy. Das darf Adams auch, da er selber immer wieder einen erstaunlich guten Riecher in solchen Dingen beweist.

Sobald wir anfangen, geografische Ortsbestimmungsdaten in allgemeine Informationsquellen einzuspeisen, werden wir ein weiteres explosives Wachstum bei Internetanwendungen auslösen.

Das war zwar nur wenige Jahre vor dem ersten iPhone, aber immerhin. Im Essay Die kleine Wundermaschine setzt er sich unter anderem mit der Problematik auseinander, wie bei einem kleinen Gerät (in seinen Fall ein Palmtop Psion) die Eingabe zu gestalten sei. Die ihm zu Verfügung stehende Mini-Tastatur ist offenbar unzureichend, und die damals naheliegend Alternative der handschriftlichen Eingabe lehnt er aus dem einfachen Grund ab, dass gerade die Verwendung von Tastaturen seine Handschrift bis zur Unkenntlichkeit verdorben habe. Dabei halte ich persönlich weniger die Lesbarkeit der Schrift für das Problem, denn das kriegt ein heutiges Gerät schon hin, sondern die Tatsache, dass das Schreiben auf einem kleinen Feld mit einem Stift auf Dauer ungemütlich ist.

Spracheingabe hält er für auf längere Sicht utopisch, was sich meiner Meinung nach nicht bewahrheitet hat: Google versteht mich erstaunlich gut, und ich vermute mal, dass es heute gut funktionierende Apps zur Spracheingabe gibt – nur hat der Normalverbraucher wenig Bedarf dafür. Irgendwie ist es nicht so cool, in der Öffentlichkeit auf sein Gerät einzureden (telefonieren allerdings schon, da gibt es sicherlich eine tolle psychologische Begründung für).

Was sich heute durchsetzt, und Adams nicht vorhergesehen hat (und ich auch erst seit kurzem kenne und mich unsagbar begeistert), ist das “Swypen“ – dieses Wischen über der Tastatur, was dank ausreichender Rechenpower und dahinter liegender Datenbank die meine Erachtens schnellste Eingabemethode darstellt, schneller noch als das weit verbreitete optimierte Zwei-bis-sechs-Finger-System auf “normalen“ Tastaturen. Warum kann Word das eigentlich nicht – Wörter ergänzen und vorschlagen?

Wobei Adams in einem Spiegel-Interview aus dem Jahr 1997 sogar vorhersagt, dass Rechner eines Tages 99% ihre Rechnerkapazität dafür verwenden werden, uns zu verstehen. Über die 99 können wir sicherlich streiten, aber ich glaube tatsächlich, dass immer mehr Leistung in die Bedienerfreundlichkeit gehen wird, bis die Maschinen einen vernünftigen KI-Grad erreicht haben.

Adams macht auf einen wichtigen Punkt aufmerksam, den auch Steve Jobs erkannt hatte: Geräte müssen einfach bedienbar sein und unsere Bedürfnisse erfüllen, dann werden sie zu einem selbstverständlichen Teil unseres Lebens. Oder besser:

Technologie ist unser Wort für Dinge, die noch nicht funktionieren.

Nach diesem Sprachgebrauch ist ein Gerät, dass ich anschließen und programmieren und dazu eine Bedienungsanleitung lesen muss, Technologie. Wenn sich das Gerät aber so weit entwickelt hat, dass ich es nur noch anzuschalten brauche, hat es die nächste Stufe erreicht. Im ersten Fall muss ich das Gerät verstehen, im zweiten Fall versteht es mich.

Weitere Vorhersagen von Adams aus dem oben erwähnten Interview?

Rückblickend wird man erkennen, dass die CD-Rom nur ein primitiver Zwischenschritt war.

Wenn wir erst Bildschirme haben, die so scharf sind wie gedruckte Schrift und ungefähr so groß wie ein Buch, wird jeder feststellen, dass es eine ganz gute Art ist, ein Buch zu lesen.

Ein Prophet, sag‘ ich da! Aber nicht aus lauter Genialität, sondern durch ein altbewährtes, vernünftiges und vorbildliches Vorgehen: er macht einen Schritt zurück und betrachtet die Gegenwart als einen Punkt in der Zeit, vergleicht diesen Punkt im Zusammenhang mit früheren Punkten, und stellt fest:

Die Leute vergessen, wie schnell und für alle sichtbar sich die Welt verändert. Im 19. Jahrhundert haben sie gesagt: „Wer will schon ein Auto fahren? Die Hälfte seiner Zeit verbringt man doch eh unter der Motorhaube. Zu einem Pferd dagegen hat man eine Beziehung. Ein Pferd ist was Richtiges.“

Das mag damals gestimmt haben. Aber wenn wir jetzt noch Pferde reiten würden bei der Bevölkerungsdichte, die wir heute haben, steckten wir bis zum Hals in der Scheiße.

So, genug zitiert 🙂 Aber so viel Weitsicht begeistert mich einfach.

Und die Macher von „Zurück in die Zukunft“ lagen insofern auch ganz richtig, dass viele ihrer Vorhersagen auf eine Vereinfachung des Alltags abzielten, auch wenn sie die technische Machbarkeit nicht so zielsicher einschätzten (Kleider passen sich automatisch an die Körpergröße, Essen wird super schnell „dehydriert“). Nur die fliegenden Autos sind weder praktisch (keine Straßenreibung + Wind + Höhe => tödliche Unfälle en masse) noch in der Form technisch machbar (Schwerkraft gibt es auch in der Zukunft, und um die zu überwinden, braucht man vieeel Energie), aber an dieser Spielerei haben die SciFi-Filmemacher wohl einen Narren gefressen.

Ich schätze, vor 200 Jahren hat man wohl von sprachgestseuerten fliegenden Pferden geträumt.

Advertisements

Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
Dieser Beitrag wurde unter Unsere bunte Welt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s