Die Lochis – eine Art Konzertbericht

Heute gibt es auf Pfeffermatz eine Premiere, und zwar einen knappen Konzertbericht. Dass bisher hier keine Konzerte rezensiert wurden, hat zwei Gründe: erstens ist das hier kein Musikblog, und zweitens gehe ich quasi nie auf Konzerte. Mein letztes echtes Konzert, für welches ich Eintritt bezahlt habe, war eines der aachener Lokalmatadoren Lagerfeuer Trio, davor Singer-Songwriterin Sara K. im Jahre 2007 in Aachen, davor wahrscheinlich Billy Joel und Paul McCartney in meinen Teen-Jahren, abgesehen von den vielen Konzerten unbekannter Künstler im FAUST oder sonstiger alternativer Locations in Hannover, zu denen in zu Studienzeiten hineingestolpert bin.

Nun es war soweit, und zwar sollte es zu den Lochis ins kölner Palladium gehen: ein männliches Zwillingspärchen (17 Jahre alt), wie heute so üblich durch YouTube bekannt geworden, von dem ich bis zum 13. Geburtstag meiner Tochter letzten September auch noch nie gehört hatte. Meine Tochter wünschte sich aber deren neuen CD #Zwilling, und da kam ich auf die Idee, sie sei vielleicht alt genug für einen Besuch eines Konzertes der dazu passenden Tour. Ich holte also zwei normale Karten plus eine Elternkarte (5% billiger als die „normalen“), denn ohne Erwachsenenaufsicht wollte ich sie noch nicht in die mir eher unbekannte Welt der Konzertbesuche schicken. Allerdings mir war schon klar, dass sie eine Freundin als Begleitung brauchte, denn schließlich ist so ein Konzert ein Gemeinschaftserlebnis, und als Papa tauge ich nicht so zum Kreischen – also drei Karten.

Die Überraschung gelang: an ihrem Geburtstag packte sie, nach der CD, den Umschlag mit den Karten aus, und verstand nicht, was sie in den Händen hielt. Ich erklärte es ihr. Sie verstand es danach immer noch nicht, bis dann die Freudentränen flossen. Da sie bis dahin noch nie gefragt hatte, auf ein Konzert zu gehen, war ihr wohl die Vorstellung noch fremd, dass so was tatsächlich im Bereich ihrer Möglichkeiten liegen konnte. Und ich war natürlich super stolz auf mich, denn das war das erste Geschenk jemals, mit dem ich eine so überwältigende Reaktion bei einem meiner Kinder erzeugt hatte.

Das war September, und gestern war nun der Tag, von dem ich hoffte, er würde niemals kommen. Die mitzunehmend Freundin war bestimmt, und nun mussten wir irgendwie zum Einlass (17:00) von Aachen aus nach Köln-Mühlheim. Der erste Plan war Autofahren gewesen, aber die Vorhersage mit dem Eisregen stimmte mich schon mulmig. Wir entschieden uns kurzfristig stattdessen für die Bahn. Ein paar Fragen blieben: Wie kommen wir zum Bahnhof in Aachen, wie kommen wir von Köln-Mühlheim zum Palladium, gibt es irgendwo was zu essen und zu trinken, gibt es eine Garderobe und ausreichend Klos, kann ich mich als Elternteil zwischendurch zurückziehen und SPON oder WashingtonPost lesen, wie und wann kommen wir wieder zurück nach Aachen?

Es klärte sich alles: meine wundervolle Frau fuhr uns zum aachener Bahnhof und holte uns um 23:00 im ärgsten Eisregen wieder ab, meine wundervolle Schwester (Riesendank!) fuhr uns vom Bahnhof Köln-Deutz zum Palladium und nachher wieder zurück, wir standen über eine Stunde im frierenden Nieselregen in einer endlosen Schlange um drei Häuserblocks voll mit Kindern und Eltern, um hineinzugelangen, aber dafür kann ja keiner was…, es gab Essen, Trinken, eine Garderobe und erstaunlich saubere und großzügige Klos, und überhaupt gab es trotz dreitausend Zuschauer genug Platz hinten im Saal für gelangweilte Eltern und Geschwisterkinder, die auf dem Boden sitzend SPON lasen (oder Candycrush spielten?) oder hinter dem Podest für Rollstühle Breakdance übten.

Aber das war für mich gar nicht nötig, denn erstaunlicherweise hatte ich einigermaßen viel Spaß am Zuhören. Zuerst trat als „Vorband“ ein klampfespielender YouTuber auf, der… naja, schweigen wir darüber, auch die Kinder fanden ihn nicht besonders aufregend. Und dann, nach etwas viel Wartezeit, um kurz von 19 Uhr, kam mit Countdown und großem Vorhang und Feuerwerk der Hauptact.

Was soll ich sagen? Sie hüpften, sangen, die Bässe wummerten, und ich war zufrieden und vergaß die meiste Zeit, dass ich Internetzugang in meiner Hosentasche hatte. Die Mädels und Jungs kreischten und sangen mit, die Lieder waren… teilweise eher schlicht, aber egal. Es machte Spaß, und ich fürchte, ich würde die Lieder zum großen Teil wiedererkennen (werden aber nicht im Radio gespielt, das ist halt die YouTube-Generation).

Die ersten drei Songs wurden durchgesungen, dazwischen hieß es „Köln ist krass!“, „Ihr seid so krass!“, „Köln, seid ihr da?!“, und so weiter, da dachte ich noch, wenn das so weiter geht, dann müssen die Zwillinge noch mal einen Kommunikationskurs belegen. Aber danach fingen sie an, immer mehr zu reden, und auch wenn jedes zweite Wort krass oder Alter war, schafften sie es ganz hervorragend, eine Verbindung zum Publikum aufzubauen. Es gab die (vermutlich) üblichen Mätzchen, wie ein paar Zuschauer auf die Bühne bringen, Köln überschwenglich loben („Wir waren hier schon vor zwei Jahren zum Konzert, Köln ist wie unsere zweite Heimat“, „Die Kölner machen die beste Stimmung / können toll singen“, …), Luftballons, Konfetti, Wasserflaschen- und Handtuchweitwurf, Abschlussfoto mit dem Publikum, und zum Schluss sogar ein kleines Bad in der Menge.

Ich musste nur kurz mal zwischendurch eine Handypause machen, aber eher, weil mein Rücken das Dauerstehen nicht so ab kann (wie die anderen Elternteile habe ich natürlich nicht mitgehüpft, so viel Vernunft hat man ab 40). Die zwei Mädchen waren restlos begeistert und hatten sich das Konzert (jeweils ihr erstes) ganz anders vorgestellt. Sie hätten nie gedacht, dass die Akteure so sehr mit dem Publikum interagieren. Und das war es, was mich auch sehr für die Kiddies freute – dass sie nicht ein zweistündiges Vorsingen, sondern ein persönliches Erlebnis mitgenommen haben.

Letztens erzählten mir Bekannte von einem Madonna-Konzert. Erst hat die Tussi die Zuschauer zwei(!) Stunden warten lassen, und dann ihre perfekte und sicherlich großartige Show abgezogen, ohne das Publikum irgendwie wahrzunehmen, geschweige denn zu würdigen. Dass ist bei kleinen Acts natürlich ganz anders, und vielleicht bei YouTubern sogar noch ausgeprägter.

Denn im Nachhinein wundert es mich gar nicht, dass es den „Lochis“ und anderen YouTube-Stars so gut gelingt, einen tolle Verbindung zu ihren Fans im Saal aufzubauen: dank dieser Fähigkeit sind sie erst (in gewissen Kreisen) bekannt geworden. Es gibt abertausende von Musikern auf YouTube, die einen Song komponieren und einen Ton halten können, genauso wie tausende von selbsternannten Stylisten und Quatschmachern und Top-Ten-Auflistern und MineCraft-Spielern. Warum erreichen dann manche mehrere Millionen Abonnenten? Nicht unbedingt, weil sie besser singen, stylen, Witze reißen oder Computerspielen, sondern weil sie es schaffen, über das Format Videoclip eine persönliche Bindung mit dem Zuschauer zu suggerieren.

Und auch wenn das Konzert für mich ein durchwegs positives Erlebnis war (erst recht im Vergleich zu meinen Erwartungen), finde ich nun, dass meine Tochter nach dieser Taufe alt genug ist, das nächste derartige Konzert ohne elterliche Begleitung innerhalb des Saals zu absolvieren. Somit wird dies womöglich für längere Zeit das letzte Konzertrevue auf diesem Blog bleiben 😉

Advertisements

Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
Dieser Beitrag wurde unter Echte Geschichten, Sprache & Gedichte & Musik, Unsere bunte Welt abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Die Lochis – eine Art Konzertbericht

  1. franhunne4u schreibt:

    Es ist doch schön, wenn Eltern sicherheitshalber mal mitkommen, auch um zu sehen, wie die Kinder das verkraften. Schließlich hätte es auch sein können, dass Töchterchen vor lauter Aufregung, Dehydrierung oder eventuell zuschlagender weiblicher „Umstände“ – nein, nicht diese Umstände, eher das Gegenteil – umfällt (wäre nicht die erste).

  2. Aristobulus schreibt:

    Hmm, heißt es anglisierend Daaj-Lotschiss, oder gaullistisch Dié-Loschíss, oder einfach-teutonistisch die-Löchlein?

    Pardon dass ich frug!, aber die Frage stellt sich wohl ja eigentlich doch.

  3. Muriel schreibt:

    Hmja. Also. Schön, dass es euch gefallen hat.
    Mir erschließt sich der Reiz von Konzerten ja gar nicht. Für mich ist das nur mehr oder weniger deutlich schlechtere Musik als zu Hause mit weniger Komfort und viel Aufwand drumherum ohne jeglichen Vorteil.
    Aber da ist halt jeder Jeck anders, wie wir Köllner sagen.

    • Pfeffermatz schreibt:

      Jo, aus dem Grund findet man mich eben auch nur alle Jubeljahre auf einem Konzert. Aber natürlich geht es bei einem Konzert eben nicht erstrangig um die Klang-Qualität (auch wenn die eine gewisse Grenze nicht unterschreiten darf), sondern um genau diejenigen Aspekte, die man eben nicht von der Musikanlage kriegt. Dafür muss man natürlich Party-Stimmung mögen (damit tue ich mich schon etwas schwer) und ein großes Interesse an den Künstler als Mensch mitbringen, was bei schwärmenden Teenies sicherlich in einem ganz anderen Maße als bei abgeklärten Erwachsenen vorhanden ist!
      Außerdem: was heißt hier „wir Köllner“ (auch noch mit zwei l´s)? Du bist doch Hannoveraner wie ich es einst war… 😉

      • Muriel schreibt:

        Verdammt, hab ich mich wieder verraten. Ich mag die Haferflocken halt lieber als die Stadt…
        Ja, ich denke das irgendwie auch so, und ich finde Party-Stimmung immer ziemlich belastend und würde wahrscheinlich sogar einen gewissen Aufwand in Kauf nehmen, um von mir bewunderte Künstler NICHT als Menschen näher kennenzulernen. Um sie auch weiterhin bewundern zu können.

      • Pfeffermatz schreibt:

        Wie wahr, wie wahr…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s