Die Revolution von Lippe-Detmold

Geschichte war nie so ganz mein Fach – zu viel Auswendiglernen und zu wenig Formeln. Dabei mag ich Geschichten sehr gerne, so dass ich das Fach durchaus mag, wenn es in Anekdoten verpackt wird. Dabei erinnere ich mich an eine Erzählung von meinen Geschichtslehrer (so achte oder neunte Klasse) über die „Revolution in Lippe-Detmold“ – eine Geschichte, die ich, dreißig Jahre später, in keinster Weise in den Weiten des Internets wiedergefunden habe, was in Zeiten von Fake Facts eindeutig ein Beleg für den Wahrheitsgehalt dieser Anekdote ist. Hier im folgenden mein Versuch einer Nacherzählung, dabei durchgängig von der Vorlage abweichend und durchsetzt mit halbliterarischem Anspruch, grober Pfeffermatzigkeit und tiefem lexikalischem Unwissen:

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Wir befinden uns Mitte des neunzehnten Jahrhunderts im Deutschen Bund, einem starbucksfreien Flickenteppich aus Fürstentürmern und freien Städten. Die Märzrevolution ist im vollem Gange, und die schon fast ein Jahrhundert zuvor in Frankreich geborenen Idealle der Freiheit, Gleichheit und Barbusigkeit verbreiten sich in kürzester Zeit wie ein Flächenbrand durch die deutschen Lande. Die Untertanen, ja die Bürger, wie sie sich nun nennen, sind in heller Aufbruchsstimmung und sehen die Zeit für ihre durchaus widersprüchlichen Ziele gekommen. Demokratie, Liberalismus, Sozialismus, Essen auf Rädern, Anarchie, alles scheint auf einmal möglich.

Fürsten allenthalben verlieren ihre Macht, ihre Unabhängigkeit und manchmal sogar ihren Kopf, auch wenn diese letzte Sitte nach der exzessiven Nutzung während der Französischen Revolution etwas in Verruf geraten ist. Aber Revolution an sich ist Gebot und das erstrebenswertes Ziel der Stunde, das Wort in aller Munde, und für ein Dreimonats-Abo der Leipziger Illustrirten Zeitung gibt es gar zwei Tage Revolution-Als-Demoversion umsonst.

Umso erstaunlicher ist es, dass das deutsche Fürstentum Lippe, unscheinbar in der Außendarstellung aber nicht unzentral gelegen, lange Zeit von „Revolution“ in Wort und Tat verschont bleibt. Vielleicht liegt dies daran, dass es den gut hunderttausend Einwohnern vergleichsweise gut geht, sowohl materiell wie ideell. Was wiederum daran liegen mag, dass sie schon in fünfter Generation vom Hause Von-Und-Zu-McLippe-Detmold regiert werden, deren jetziger Repräsentant Woldemort McLippe-D. ähnlich gütig und intelligent wie seine Vorfahren herrscht.

Doch weder volle Mägen noch Pressefreiheit schützen vor Neid, und nachdem alle benachbarten Königreiche, Fürstentümer und Grafschaften ins revolutionäre Chaos stürzen, finden die lippischen Landwirte, dass auch sie ein bisschen Revolution verdient hätten. Tropfen für Tropfen füllt sich das Fass der Unzufriedenheit, bis es eines Morgens überläuft. Die Bauern erarbeiten sich spontan ein Vorgehensmodell zur strukturierten Durchführung einer gut organisierten Revolution, wischen den Boden um das Fass wieder trocken, greifen zu den Heugabeln und begeben sich schnurstracks zum Schloss Detmold.

Fürst Woldemort V-und-Z-McL-D sitzt gerade an der dritten Fassung der Verordnung zur Durchführung des Erlasses zur Abwasserkanalsanierung (und beim zweiten Frühstück), als er das Tohuwabohu einer aufgebrachten Menge, von der Rückseite des Schlosses kommend, vernimmt. Offenbar hat sich der Lynchmob auf der Gartenseite versammelt, damit der Fürst sie vom Balkon aus vernehmen und gegebenenfalls adressieren kann, was aus akustischer Sicht deutliche Vorteile gegenüber einer Revolution auf der vorderen Straßenseite hat. Fürst Woldemort begibt sich also zum Balkon.

„Hallo!“ ruft er in die Menge.

„Hallo!“ schallt es aus tausend aufgebrachten Kehlen zurück.

„Was wollt ihr?“ fragt Voldemort.

„RE-VO-LU-TION! Wir wollen RE-VO-LU-TION!“

„Wieso?“

Schweigen. Dann: „Weil es die Hannoveraner und die Preußen und die Hessen auch haben!“

„Was interessieren euch die Preußen? Und die Hessen versteht eh keiner, vielleicht haben sie nur Ovulation oder so.“

„Und die Pyrmonter, und die Schaumburger, und die Braunschweiger!“

Woldemort merkt, dass es eng wird. Er streicht sich durchs lange Bart und grübelt, während die Heugabeln zunehmend in die Höhe gereckt werden und die eine oder andere sogar in seine Richtung segelt. „RE-VO-LU-TION! Wir wollen RE-VO-LU-TION!“ skandiert die Menge nun wieder, lauter als zuvor.

„ALSO GUT!“ ruft Woldemort endlich. Die Menge schweigt. „Wenn ihr un-be-dingt eure Revolution haben wollt, dann…“ – Eine sonderliche Spannung legt sich über das Bauernvolk – „… KÖNNT IHR SIE HABEN!“

„HURRRRAH!“ Die Menge brüllt vor Freude und jubelt: „RE-VO-LU-TION! RE-VO-LU-TION!“

Als sie sich endlich wieder einkriegen, bedankt sich Woldemort für die rege Beteiligung, teilt großzügig Lob aus und hilft schlussendlich sogar beim Einsammeln und Zuordnen der Heugabeln. Die Landwirte fahren zutiefst beglückt nach Hause und einer strahlenden, revolutionierten Zukunft entgegen.

Und so erhielten die Lippe-Detmolder ihre Revolution.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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