Ecce Homo

Am Nebentisch des kleinen Cafés, nur wenige Schritte vom Grand Place in Brüssel entfernt, saß ein älterer Herr, seine massige Gestalt dösend in seiner speckigen schwarzen Jacke versunken, vor ihm ein einsamer Pappbecher halbvoll mit kaltem Cappuccino. Wir belegten mit unseren drei Kindern samt Buggy und Rucksack drei der kleinen runden Tische im hintersten Teil des Lokals und vertilgten in aller Unruhe unsere Wraps und Nudelgerichte.

Ich blickte ab und zu zu ihm herüber, besorgt, dass unser Chaos ihn stören könnte; und nachdem der Mann aus seinem Nickerchen erwacht war, schaute auch er ab und zu in unsere Richtung. Er schien nicht unglücklich über unsere Anwesenheit.

Älterer Herr mit Lederjacke. Aus meiner Erinnerung gezeichnet. Es fehlen: Kaffee, Stuhl, Körperfülle.

    Erst nachdem wir im großen und ganzen mit dem Vertilgen und Aufräumen fertig und die Damen zur Toilette gegangen waren, und mein Kleinster begann, auf einem der frei geworden Stühle hoch und runter zu hüpfen, schaute mich der älterer Herr direkt an. Er lächelte vergnügt und sagte: Es ist schön, wenn Kinder glücklich sind.

    Er sei sechsundsiebzig Jahre alt, komme aus Serbien und wohne seit dreiundfünfzig Jahren in Brüssel. Deutsch habe er in der Schule gelernt. Er habe keine Kinder, dafür aber Herzprobleme und Diabetes. Er war Dreher, habe auch mal in München gearbeitet, kenne Aachen von der Durchfahrt her, früher, als er noch ab und zu nach Serbien fuhr – dafür sei er jetzt zu alt. Echte Freunde habe er nur in Serbien, Kinder habe er keine. Ja, er sei schon einsam, dafür gehe er viel in Cafés und beobachte die Leute. Vor allem liebe er Kinder. Er selber habe keine.

    Ich wünschte ihm alles Gute, er gab mir seine wichtigste Erkenntnis mit auf den Weg: mach‘ langsam.

    Ich dachte lange an ihn. Seine Geschichte war nicht spektakulär, in dieser komprimierten Darstellung nicht mal einzigartig. Aber nichtsdestotrotz war es die Geschichte eines Lebens, und durch sie wurde ein unscheinbarer älterer Herr zu einem Menschen.

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    Über Pfeffermatz

    ... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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    11 Antworten zu Ecce Homo

    1. Anhora schreibt:

      Zu der Geschichte gehört natürlich auch jemand, der nachgefragt und zugehört hat. Schön. 🙂
      Schön auch das Bild, es sieht ja fast aus wie eine Fotografie. Ich wollte, ich könnte auch so zeichnen, noch dazu aus dem Gedächtnis … 😮

      • Pfeffermatz schreibt:

        Liebe Anhora, ich habe aus der kurzen Begegnung tatsächlich mitgenommen, dass es sich immer wieder lohnt, auch solchen Menschen zuzuhören, die man auf den ersten Blick eher vernachlässigen würde.
        Was das Bild angeht: da bist du meiner Ironie aufgesessen. Es handelt sich um eine Bildbearbeitung eines Fotos aus dem Internet.

        • Pfeffermatz schreibt:

          Der älterer Herr auf dem Foto ist auch nicht ganz unbekannt…

        • Anhora schreibt:

          Da siehst du mal, wie leichtgläubig ich bin, mir kannst du alles erzählen! Auch dass du mit fotografischem Gedächtnis ausgestattet bist und hohem zeichnerischem Talent. Dabei ist es nur ein ausgeprägtes Verar…talent. 😉
          Jetzt seh ich auch, dass es irgendein Schauspieler ist, nicht wahr? Egal. Es ging ja um eine Geschichte und ich gehe davon aus, dass die stimmt. Schön, dass du sie erzählt hast. 🙂

        • Pfeffermatz schreibt:

          Die Geschichte stimmt natürlich 🙂 Das bin ich meinen Lesern auch schuldig!

    2. Muriel schreibt:

      Pffeffermatz zuerst DANKE für diesen Post ich sage dir sehr gelungen sehr intrisant aber zum Rat des alten Mannes kann ich sagen VORSICHT weil für mich haben Menschen vor allem zu funktionieren langsam machen kann ich mir nicht leisten wozu gibts denn bitte Gatorade und Aspirin komplex wer langsam macht gründet ganz sicher keine kleinen geilen firmen und wer noch keine kleine geile firma gegründet hat das sag ich dir ganz klar mein freund der ist für mich erstmal abfall!
      Machs gut
      Gründer Muriel

      • Pfeffermatz schreibt:

        Ich habe keine geile Firma, dafür aber einen geilen Blog mit geilen Lesern!
        Aspirin ist übrigens für Anfänger. Nur leistungssteigernde und ganzkörperbetäubende Stoffe sind… geil.

        • Muriel schreibt:

          Pfeffermatz ich bin froh über diese Antwort ich finde die authentischen EMOTIONS kommen richtig rüber wie auch bei deiner Geschichte oben und darum gehts ja schließlich im Leben DANKE machs gut!

    3. Lakritze schreibt:

      Für so was lese ich Blogs.

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