Höhenunterschiede

Gestern ging ich in Begleitung eines Freundes zu einer Veranstaltung – eine Podiumsdiskussion. Die Räumlichkeiten waren nicht als Zuschauerraum konzipiert, es gab keine aufsteigende Ränge oder dergleichen – will sagen, die Sicht auf die Redner hing sehr stark von der Größe des vor einem Sitzenden ab.

Wir setzten uns hin; der Platz vor mir war besetzt, der vor meinem Begleiter noch frei. Nun ist dieser Freund sowohl überdurchschnittlich groß, so ca. 1,95, wie auch sehr rücksichtsvoll, so dass er mich fragte, ob wir Plätze tauschen mögen. Ich lehnte ab, da ich mit meiner 1,75er-Durchschnittsgröße ausreichend gute Sicht hatte.

Der Saal füllte sich. Alsbald bewegte sich ein neuer Zuschauer durch die Reihe vor uns und steuerte auf den leeren Platz vor meinem Begleiter zu. Er schien groß zu sein. Sehr groß. Erst als er sich hinsetzte, wurde mir klar, wie groß er war. Es gibt Menschen, die sind im Sitzen größer als im Stehen, und hier war so einer. Mein Freund blickte nicht länger auf ein Podium, sondern auf die massive Rückseite eines unbezwingbaren Bergs.

Er harrte völlig verdattert im tiefen Schatten seines Vordermanns. Für meinen knapp zwei Meter großen Begleiter war diese Situation sicherlich absolut ungewohnt, für mich immerhin bizarr und auch ein bisschen lustig, doch ich verkniff mir das Lachen. Glücklicherweise war der Platz rechts von mir noch frei, und nach einer kurzen Weile setzte sich mein Freund um, immer noch sichtbar um Fassung ringend.

Was dann geschah, habe ich mir wirklich nicht ausgedacht, das Leben ist halt manchmal abstrus. Denn: kurze Zeit später bahnte sich der nächste Zuschauer durch die Reihen, und zwar durch unsere. Sein Ziel konnte nur der Sitzplatz neben mir sein, im Windschatten des Kleiderschranks, ein anderer war nicht frei.

Der Mann schien klein zu sein. Erst als er meinen Platz passierte, wurde mir klar, wie klein: kleinwüchsig nämlich, im Stehen ungefähr so groß wie ich im Sitzen. Und dieser kleine, kleine Mann setzte sich neben mir, die Füße ein Stück über den Boden baumelnd, direkt hinter dem ungeheuren Riesen, der ob seiner kolossalen Dimension meinen großen Freund verschreckt hatte.

Diesmal konnte ich mir das Lachen nicht ganz verkneifen, doch wenigstens drehte ich mich dabei dezent Richtung meines Begleiters. Es war nicht meine Absicht, den Herrn neben mir zu beleidigen; es war der absurde Zufall, der mich zum lachen brachte.

Besagter Freund von mir ist übrigens nicht nur groß und rücksichtsvoll, sondern auch schlau: Dem kleinwüchsigen Herrn war es doch egal, dass er hinter einem Riesen sitzt, sagte er, er hätte so oder so nichts gesehen. Stimmt, der Mann hatte die Absurdität der Situation wahrscheinlich nicht mal bemerkt.

Advertisements

Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
Dieser Beitrag wurde unter Echte Geschichten abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort zu Höhenunterschiede

  1. noemix schreibt:

    Ihr großer Freund ist ein kluger Betrachter – seine Feststellung erinnert an Karl Valentin: »Ich freue mich, wenn es regnet. Denn wenn ich mich nicht freue, regnet es auch.«

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s