Raumsinnlos

Die Elemente des Orientierungssinnes sind die Sinne für Sehen, Hören, Gleichgewicht und Tiefensensibilität, außerdem das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit. Eines oder mehrere dieser Sinne sind bei mir kaputt.

Ich habe Probleme, in Städten, in denen ich seit Jahrzehnten wohne, eine mir bekannte Straße zu wiederzufinden. Legendär ist eine meiner Fahrradfahrten zu Studienzeiten in Hannover, ausgehend von einem großen Platz in der City (Aegidientorplatz) in Richtung Süden, parallel zur einer großen Ausfallstraße (Hildesheimer) . Ich war auf der Suche nach einer Querstraße, wo ein Kommilitone von mir wohnte, und es gelang mir nicht, diese zu finden. Stattdessen erreichte ich nach einer halben Stunde einen weiteren, mir völlig unbekannten großen Platz, der sich beim näheren betrachten als der et2Aegidientorplatz, also als meinen Ausgangspunkt, herausstellte. An welcher Stellte meiner Irrfahrt die 180° Wende passierte, wird wohl nie geklärt werden können.

Ein anderes Mal führte ich meine Mitbewohner per Fahrrad durch die Stadt zu einer Party anhand der auf der Einladung abgebildeten Karte. Leider hatte ich als Zielpunkt nicht das Kreuz mitten auf der Karte, sondern das Kreuz leicht außerhalb der Karte gewählt, das als Legende diente. Naja, immerhin waren wir im richtigen Stadtteil unterwegs – aber die Geschichte war wohl eher meiner Dämlichkeit als meiner Orientierungslosigkeit geschuldet.

Dass mir in meiner derzeitigen Heimat Aachen ab und zu ähnliches widerfährt, muss ich wohl nicht erwähnen. So hatte ich vor wenigen Wochen auf dem Fußweg zum Elternsprechtag eine Abkürzung von meiner Arbeitsstätte zur Schule meiner Tochter genommen. Ich hatte zwanzig Minuten Zeit für zehn Minuten Fußmarsch eingerechnet. Als ich nach langer Wanderung quer durch verschiedene Stadtteile – und unter Ausnutzung aller mir zur Verfügung stehenden Himmelsrichtungen und Bushaltestellen mit Umgebungsplänen – endlich und verschwitzt und fünf Minuten nach Beginn der Sprechstunde eine mir bekannte aber unübersichtliche Kreuzung 100 Meter von der Schule entfernt erreichte, wusste ich trotzdem nicht weiter. Leider trafen sich hier fünf Straßen: aus der einen war ich gekommen, bleiben also noch vier. Was soll ich sagen: die vierte war’s dann. Und ich zehn Minuten zu spät…

Moderne Spaßbäder haben häufig komplexe Wasserrutschen in Form von Wildwasser-Landschaften. Diese machen mir Angst – und das nicht etwa der reißenden Strömung oder der ausgelassenen und unkaputtbaren niederländischen Halbwüchsigen wegen, sondern weil ich Angst habe, mich auf dem Weg nach unten zu verlaufenschwimmen. Es gibt diverse Abzweigungen und Untiefen, man wird durchgeschüttelt und hat Wasser in Augen und Ohren – da passiert es schon mal, dass ich mich zwischendurch versehentlich bergauf kämpfe und erst von besagter Strömung und randalierenden Holländern wieder auf den richtigen Weg gebracht werde.

carMario Kart kann ich leider auch nicht spielen. In meiner Jugend fuhr man bei Autorennspielen auf klar markierten Rennbahnen; links und rechts waren Mauern, und Geisterfahren ging auch nicht – das gab der Algorithmus nicht her. Bei heutigen Rennspielen fährt man durch Wüsten und Schneelandschaften und Dschungel und Kinderzimmer und Atolle und Sternhaufen. Und ja, man kann beliebig von der vorgesehenen, für mich irgendwie unsichtbaren Spur abweichen. Wenn ich Glück habe, ist meine Figur nur kurz tot und wird auf dem letzten Platz wiederbelebt. Wenn ich Pech habe, fahre ich völlig desorientiert durch irgendeine Fantasie-Landschaft ohne die geringste Ahnung, wo sich die eigentlich Fahrstrecke befindet und in welcher Richtung ich darauf zu fahren hätte, wenn ich sie denn fände. Da hilft nur, je nach Landschaft eine Klippe oder eine Supernova zu suchen und sich darüber bzw. hinein zu stürzen. Und sich aufzuregen.

Meine Kinder spielen inzwischen ungern mit mir Mario Kart. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie auch nicht mehr mit mir Fahrradfahren oder Schwimmen gehen mögen 😉

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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7 Antworten zu Raumsinnlos

  1. Petra Wiemann schreibt:

    Köstlich! der Wiedererkennungseffekt ist groß! Ich lebe seit etwa 28 Jahren in der Stadt, in der du studiert hast. Kürzlich wollte ich eine Freundin in Linden besuchen, zum wiederholten Male übrigens. Wegen des schönen Wetters habe ich statt der Bahn kurz entschlossen das Fahrrad genommen. Aber schon an der übernächsten großen Kreuzung war ich unsicher, wo es weitergeht. Zum Glück hatte ich noch einen kleinen Faltplan dabei, der mir schon oft gute Dienste geleistet hat. Mir geht dieser Raumsinn leider auch völlig ab 😉 Besser klappt es an neuen Orten, wo ich von Anfang an einen Stadtplan benutze. Aber in der Heimatstadt denkt man doch, hier kenn ich mich aus!

  2. gnaddrig schreibt:

    Dann wäre statt Mario Kart vielleicht das schon etwas in die Tage gekommene Autobahnraser angesagt, da kann man im Prinzip nur auf der optisch eindeutig erkennbaren Autobahn fahren. Und zum Fahrradfahren vielleicht eine Navi-App fürs Handy?

    • Pfeffermatz schreibt:

      Dazu bräuchte ich erst mal ein appfähiges Handy. Allerdings gibt es erst seit sieben Jahren Smartphones, und ich möchte nicht als „Early Adapter“ gelten. Aber ein Navi fürs Auto haben wir tatsächlich vor fünf Jahren oder so gekauft und das hat tatsächlich mein Leben verändert 😉

      • gnaddrig schreibt:

        Ok, aber wenn das Navi nicht fest eingebaut ist, geht das vielleicht auch aufs Fahrrad mit? Wäre ja mal nen Versuch wert. Nicht, dass Du auf dem Weg ins Schwimmbad irgendwann mal in den Ärmelkanal fällst…
        Klasse Überschrift übrigens 🙂

      • Pfeffermatz schreibt:

        🙂 und danke!
        Die meisten meiner Irrwanderungen entbehren leider einer Planungsphase, so dass ich mein Navi (bei nicht-Autofahrten) natürlich nicht dabei habe, wenn ich es brauche. Spricht alles für den Aufbruch in die SmartFonWelt.

      • gnaddrig schreibt:

        Oder Du lässt Dir nen Magneten implantieren, dann kannst Du auf Brieftaube machen…

      • Pfeffermatz schreibt:

        Ich lasse mir gleich das Schmachtfon implantieren. Dann habe ich auch einen zweiten eingebauten Gleichgewichtsinn, falls der natürliche kaputt geht.

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