Musikalisches zur Adventszeit

Nun ist sie vollends angebrochen, die Zeit des Geschenkesuchens, der vollen Innenstädte und des Wham!-Schlagers Last Christmas, ursprünglich von 1984, aber aufgrund des schlau gewählten Titels eigentlich stets aktuell. Zu dieser Jahreszeit packe ich auch meine Weihnachtslieder-Noten fürs Klavier aus, und habe diesmal auch die Seite mit Last Christmas aufgeschlagen. Ich war überrascht, eine recht jazzige Harmonie vorzufinden, die von großen Septimen und Nonen und Undezimen nur so wimmelte, die sich auf dem Klavier auch sehr angnehm anhört. Nicht umsonst listet Wikipedia (englische Seite) über hundert Cover-Versionen auf – das Lied ist halt gar nicht mal so schlecht. Das wird aber gerade für den heutigen Geschmack erst in eher reduzierten Versionen erkennbar.

Dabei ist auch das Original ganz gut anhörbar – schließlich hat George Michael eine hervorragende Singstimme. Würde man das Wort Christmas wie auch das für Weihnachtslieder übliche Schellengebimmel streichen, müsste man sich auch nicht mehr dafür schämen, den Song zu mögen. Dass Last Christmas das dominierende Weihnachtslied im Radio ist, scheint übrigens ein rein deutsches Phänomen zu sein (das könnte ich also meiner Deutsch-Sein-Liste anfügen!).

So sind wir – passend zur Weihnachtsstimmung – beim Thema Hasslieder angelangt. Ich hätte Schwierigkeiten, eine Liste meiner Lieblingslieder anzugeben, aber mein persönliches Hasslied steht schon lange fest: Music von John Miles. Als ich den Song als Jugendlicher zum ersten Mal bewusst wahr nahm, musste ich lachen: wie schlecht ist das denn?! Als ich im Laufe meines Lebens das Lied immer wieder im Radio hörte, und von mehreren Leuten gesagt bekam, dies sei ihr Lieblingslied – da blieb mir das Lachen im Halse stecken. Meine Meinung: wer dieses Lied mag, steht auch auf Höbbaddie und Pyramiden-Energien.

Was mich an Music stört ist einmal, dass Melodie und Harmonien und Text lachhaft simpel sind. Es muss ja nicht alles anspruchsvoll sein: das Einfache entwickelt aber gerade dann seinen Reiz, wenn es etwas komplexerem gegenüber gestellt wird. Wenn aber sämtliche Bestandteil eines Lieds dumm-simpel sind, dann bleibt nichts übrig. Und noch was: Einfaches muss nüchtern vorgetragen werden. John Miles singt aber mit einer Inbrunst, als wäre sein lächerliches Lied geradezu eine Erleuchtung, und die überbordende Orchestrierung tut sein übriges.

Und wenn man denkt, jetzt kann es nicht schlimmer kommen – da kommt der Mittelteil, wo Miles angeblich aufdreht. Plötzlich versucht dieser Softie den Hardrocker zu spielen was dann sogar noch weniger glaubhaft wirkt als Chris DeBurghs Don’t Pay the Ferryman. Kuschelmusiker bleibt bei euren Leisten… Ich glaube nicht, dass man zu Rockmusik schunkeln können darf.

Auch meine Frau hat im vergangenen Sommer sich ein Hasslied angelacht, nämlich Formidable von Stromae, welches in Belgien und Frankreich den Spitzenplatz der Charts eroberte und somit in unserer Küche und in unserem Auto (wir kriegen ja hauptsächlich belgische Sender) rauf und runter lief. Was meine Frau störte, war auch hier die Einfachheit: der Refrain besteht hauptsächlich aus dem Wort formidable und wird zum Erbrechen wiederholt. Was auch nicht half, war dass das Vorgängerlied Papaoutai nach dem gleichen Prinzip funktioniert.

Allerdings: der Typ selber ist total sympatisch (mit sehr jugendlichem und eher linkischen Charme), wie in jedem Auftritt von ihm zu erkennen oder im oben verlinkten Video, dass mit versteckter Kamera aufgenommen wurde (er tut, als wäre er besoffen). Er hat tatsächliche Meinungen zu Politik, spricht sich offen gegen Rassismuss und Homophobie aus und scheint in Belgien und Frankreich auch als Person durchgehend recht beliebt zu sein – und das spricht ja schon für sich.

Im übrigen handelt das Lied Papaoutai  – lautmalerisch für Papa où t’es, also Papa, wo bist du – über die Abwesenheit des eigenen Vaters, der einer der Million Opfer des Völkermords von Ruanda in 1994 war.

All das hat jedenfalls gereicht, um Stromae (was übrigens Maestro mit vertauschten Silben ist – das ist eine fränzösische Eigenart und heißt Verlan), wenn auch nicht das Lied Formidable, in den Augen meiner Frau zu rehabilitieren.

Ich persönliche hatte nie ein Problem mit dem Kerl. Bei Papaoutai und dem dauernden „où t’es“ muss ich eh stets an den schönen 80er-Jahre Song Babacar von France Gall denken. Da geht der Refrain dauernd „Où es tu“, und um eine afrikanische Tragödie geht es da auch: bei einem Aufenthalt in Afrika wurde sie von einer verzweifleten, alleinstehenden jungen Studentin, die gerade Mutter geworden war, gebeten, das neugeborene Kind – Babacar – mit nach Frankreich zu nehmen und aufzuziehen. France Gall entscheid sich stattdessen dafür, die junge Familie finanziell zu unterstützen und ein Lied (von ihrem damaligen Ehemann und sehr berühmten Sänger und Komponisten Michel Berger geschrieben) darüber zu singen. Aber die Geschichte von France Gall ist eh eine ganz eigene, so voll mit Höhenpunkten  und Tragödien, dass sie schon vor 15 Jahren, im Alter von 50, davon genug hatte und sich weitesgehend aus dem öffentlichen Leben zurückzog.

So, jetzt bin ich bei meinem musikalischen Adventsposting irgendwie in Afrika angekommen, und so ist es sicherlich passend, den Kreis zum Beginn des Artikels mit folgender Bemerkung zu schließen: Last Christmas schaffte es 1984 in den U.K. charts nur auf Platz 2, denn der Spitzenplatz blieb dem im gleichen Jahr veröffentlichen Weihnachtssong Do They Know It’s Christmas? des Band Aid Projektes vorbehalten, an dem George Michael allerdings auch mitgearbeitet hatte. Im übrigen gingen die Verkaufserlöse von „Last Christmas“ in dem Jahr ebenfalls der Bekämpfung der Hungersnot in Äthiopien zu Gute.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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Eine Antwort zu Musikalisches zur Adventszeit

  1. ...der Berliner schreibt:

    Da werden die Ohren ja richtig verwöhnt.
    Aber „Formidable“ würde mich auch aggressiv machen.

    G. l. G. Jochen

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