Tennisstunde des Lebens

Ich habe wieder was gelernt. Sogar einiges.

Vor ein paar Wochen holte ich mein zwei Kinder vom Tennis-Unterricht im Sport-Hotel ab. Meine Tochter stand in der Lobby, umgezogen und gepackt, bereit zur Abfahrt. Meinen Sohn fand ich in der Turnhalle: er saß auf der Bank und unterhielt sich mit seinem Trainer über die halbe Stunde „Jurassic Park 3“, die er am Vorabend hatte sehen dürfen.

Ich lernte: Meine Kinder haben unterschiedliche Prioritäten.

Zuhause angekommen, fragte meine Frau, wo die Schuhe meines Sohnes seien.

Ich lernte: Ich bin ähnlich zerstreut wie mein Sohn. Oder umgekehrt.

und: Gut, dass es in meiner Familie auch Frauen gibt.

Ich fuhr zurück und holte die Schuhe. Drei Tage später fragte meine Frau, wo der Turnbeutel meines Sohnes sei.

Ich lernte: Manches sieht meine Frau fort, aber manchmal braucht sie mehrere Tage, um das zu entdecken, was ich gleich übersehen habe.

Meine Frau rief im Sport-Hotel an, und die Dame am Empfang (gleichzeitig Bedienung und überhaupt die einzige Angestellte, die ich je dort gesehen habe) schaute nach dem Turnbeutel. Ergebnislos.

Zwei Wochen nach dem letzten Training (dazwischen war Karneval gewesen) holte ich die Kinder erneut vom Tennis ab. Während meine abfahrtbereite Tochter sich auf die Suche nach ihrem Bruder machte, begab ich mich zum Empfang und erklärte, ich suche nach einem blaue Turnbeutel.
„Aber da hat ihre Frau schon vor zwei Wochen telefonisch nach gefragt. Der Beutel ist hier nicht“.

Ich lernte: Empfangsdamenbedienungsrundumangestellte haben ein gutes Gedächtnis.

„Aber wenn Sie noch mal schauen wollen, dann gerne. Aber ich sage Ihnen, der Beutel ist nicht da.“ Treppe hoch, zur Abstellkammer. „Es würde seitdem auch nichts abgegeben.“ „Ich hätte es ja mitgekriegt“. „Ich habe schon Ihrer Frau gesagt…“ Abstellkammer aufgeschlossen:

„Ach, da ist er ja!“ Tatsächlich, mitten auf dem Regal. Leuchtend blau mit Drachen, unübersehbar. „Gut, das wir nochmal nachgeguckt haben… Da liegen noch ein paar Turnschuhe. Gehören die auch ihrem Sohn?“ Nee, diesmal nicht.

Ich lernte: Immer noch mal nachfragen. Naja, das wusste ich schon vorher.

—————

Zur Studentenzeit hatte ich ein ähnliches Erlebnis. Ich vermisste eine Turnhose und vermutete, dass ich sie beim Uni-Sport in der Turnhalle vergessen hatte. Ich radelte also dorthin und sprach mit dem Hausmeister; dieser führte mich zum Fundsachenregal, wo ich tatsächlich meine Hose wiederfand.

Wir schnackten noch ein bisschen über die Vergesslichkeit der Menschen und der Studenten insbesondere, als er stolz auf sein T-Shirt zeigte: „Dieses Hemd hat auch jemand hier vergessen und nie abgeholt“. Es war ein hellblaues T-Shirt mit Silver-Bay-Aufdruck – eines meiner Lieblings-T-Shirts, das ich offenbar trotzdem nie vermisst hatte.

„Es ist ein sehr schönes Hemd“, sagte er. Ach nee, dachte ich. „Stimmt“, sagte ich.

Ich lernte: Mir fehlte eine Frau, die auf mich und meine Sachen aufpasste.

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Über Pfeffermatz

... ist ein schokonalytischer Glühwurstematiker.
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Eine Antwort zu Tennisstunde des Lebens

  1. kat+susann schreibt:

    Hellou.. die Einteilung in echte und unechte Geschichten ist ja grossartig ! Gefällt mir… werde mich noch mehr umschauen hier.
    S.

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